Am Morgen etwas mehr Platz in der 'Höllenlinie' 9: Erste Entlastung in Sicht
Wenn Sie schon länger als zehn Jahre in Seoul leben und berufstätig sind, kennen Sie den Horror der Linie 9 am Morgen mit Sicherheit. Kaum eine andere U-Bahn-Linie verdient den Namen 'Höllenlinie' so sehr. Besonders der Expresszug von Gimpo International Airport nach Gangnam ist berüchtigt – dort herrscht Kriegsstimmung. Seit Jahren kursiert der Spass, dass man in der Linie 9 nicht weiss, ob man selbst die Zeitung liest, oder ob es die Schulter des Nachbarn ist, die einem den Text vorliest.
Doch dieses Bild ändert sich langsam. Die lang gehegten Pläne der Stadt Seoul zur Entlastung der Linie 9 zeigen dieses Jahr erste konkrete Erfolge. Es geht nicht nur darum, ein paar zusätzliche Waggons einzusetzen; das gesamte Betriebssystem wird grundlegend optimiert. Der Berufsverkehr, bei dem man buchstäblich in die Waggons geschoben wurde, könnte bald der Vergangenheit angehören.
Auftakt zur Entspannung: Der Takt auf der Linie 9 wird dichter
Die spürbarste Verbesserung ist die Verkürzung der Taktzeiten während der morgendlichen Hauptverkehrszeit. Bereits im März 2024 hat die Stadt Seoul drei neue Zuggarnituren (18 Waggons) in Betrieb genommen und den Takt während der Woche von zuvor auf 3 Minuten und 10 Sekunden verkürzt – eine Reduktion um 15 Sekunden. 15 Sekunden mögen nach wenig klingen, aber wer das Gedränge auf den Bahnsteigen der Linie 9 kennt, weiss ihren Wert zu schätzen. Sie bedeuten, dass sich die wartende Menschenmenge schneller auflöst und man früher in den nächsten Zug kommt.
Zusätzlich zu dieser Massnahme hatte die Stadt Seoul bereits Ende 2023 fünf Zuggarnituren (30 Waggons) früher als geplant in Dienst gestellt. Die Folge: Auf dem am stärksten überlasteten Abschnitt zwischen Noryangjin und Dongjak sank die Auslastung von 199% im November 2023 auf 188% Anfang 2024. Mit den weiteren neuen Zügen konnte sie sogar auf 168% gesenkt werden. Auch wenn 168% immer noch sehr hoch ist – die einstige 'Höllenlinie' mit Spitzenwerten von fast 200% atmet endlich spürbar auf.
Weiter, schneller, dichter: Die neue Endstation im Osten heisst Gangdong
Damit nicht genug: Die Linie 9 wird bald noch weiter führen. Aktuell endet sie in Jungangbohun Byeongwon, aber schon bald wird sie bis in den äussersten Zipfel von Gangdong-gu verlängert. Die vierte Verlängerung der Linie 9 (Abschnitt Jungangbohun Byeongwon – Godeokgangil 1) soll 2028 eröffnet werden.
Dieser 4,12 Kilometer lange Abschnitt umfasst vier neue Stationen. Besonders bedeutsam ist die neue Umsteigemöglichkeit zur Linie 5 an der Station Godeok. Für die Bewohner von Gangdong-gu und Hanam wird die Anbindung an das Geschäftsviertel Gangnam dadurch revolutioniert. Was heute noch eine Busfahrt oder einen Umweg über die Linien 5 und 8 bedeutet, wird ab 2028 mit einem Expresszug der Linie 9 direkt und schnell machbar – Yeouido und Gangnam rücken näher zusammen. Die neue Linie wird die neuen Arbeitsplatzzentren in Gangdong, wie das Godeok Biz Valley und das Hochtechnologie-Businesspark, perfekt mit dem bestehenden Stadtzentrum vernetzen. Die Stadt Seoul bereitet für diese Verlängerung bereits den Einsatz von vier weiteren Zuggarnituren vor.
Die Entlastung der Linie 9 in Zahlen
Hier die wichtigsten Projekte der Stadt Seoul zur Verbesserung der Linie 9 im Überblick.
- Neue Züge: Bis Anfang 2024 wurden insgesamt 48 Waggons (8 Zuggarnituren) zusätzlich in Betrieb genommen.
- Kürzere Taktzeiten: Von 3 Minuten 25 Sekunden auf 3 Minuten 10 Sekunden (15 Sekunden weniger) während der morgendlichen Hauptverkehrszeit.
- Weniger Überlastung: Die Auslastung im Spitzenabschnitt sank von 199% (2023) auf 168% (2024).
- Vierte Verlängerung: Zieleröffnung 2028, vier neue Stationen zwischen Jungangbohun Byeongwon und Godeokgangil.
- Mehr Sicherheit: Verstärkter Einsatz von Sicherheitspersonal in stark frequentierten Express-Stationen wie Gimpo Airport, Yeomchang und Dangsan.
Warum die Linie 9 in Seoul so viel mehr ist als nur eine Nummer
Interessante Randnotiz: Die südkoreanische 'Nationalstraße 9' ist eine Fernstrasse an der Südküste und hat mit Seoul nichts zu tun. Aber wenn in Seoul jemand 'Linie 9' sagt, ist glasklar, welche gemeint ist. Genauso wie die Tokyo Metro Chiyoda-Linie oder der U.S. Highway 9 ist diese Ost-West-Achse mitten durch Seoul von unschätzbarem Wert für die Stadt. Die aktuellen Massnahmen der Stadt Seoul sind mehr als eine blosse 'Zugverdichtung'. Sie sind das Ergebnis einer langfristigen Strategie, die bereits das erweiterte Verkehrsnetz nach der Verlängerung 2028 im Blick hat.
Für alle, die morgens mit der Linie 9 unterwegs sind, heisst das: Die Aussichten auf einen etwas entspannteren Arbeitsweg sind real. Auch wenn das Problem noch nicht vollständig gelöst ist – das Gefühl, in den Zug 'hineingeschoben' zu werden, wird spürbar der Vergangenheit angehören. Es ist spannend zu sehen, wie der Wandel bald nicht mehr nur Jamsil und Gangnam, sondern auch Godeokgangil erreichen wird.