Venezuelas Botschafter in Südkorea einbestellt: Ein diplomatischer Stellvertreterkrieg erschüttert Südamerika – und was das mit Baseball, Fussball und der Heimat zu tun hat
Heute Morgen (17. März) brodelte die WhatsApp-Gruppe der im Aussenministerium akkreditierten Journalisten plötzlich. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Der venezolanische Botschafter in Südkorea wurde überraschend nach Caracas einbestellt. Normalerweise ist so ein Schritt das letzte Aufgebot – entweder wenn die diplomatischen Wogen mit einem Land hochschlagen, oder wenn es daheim richtig kracht. Aber diesmal lag der Fall etwas anders. Auf den ersten Blick schien es um die koreanische Halbinsel zu gehen, doch in Wirklichkeit war es die Fortsetzung eines massiven diplomatischen Krieges auf der anderen Seite der Erde, in Südamerika. Ein komplexes diplomatisches Gefecht, das sich von Caracas bis Asunción spannt. Schauen wir es uns gemeinsam an.
Paraguays Nadelstich? Die diplomatische Landkarte Südamerikas bebt
Der Auslöser des Ganzen lag in Paraguay. Als der paraguayische Präsident Santiago Peña kürzlich Taiwan besuchte, nahm die Sache richtig Fahrt auf. Auch wenn unsere Regierung das Prinzip des 'Einen China' bekräftigte und leichte Verstimmung zeigte, war es doch Venezuela, das zum Gegenschlag ausholte. Präsident Nicolás Maduro wetterte gegen Peñas Schritt und sprach von einer "klaren Herausforderung des Völkerrechts und einem Verrat an der lateinamerikanischen Gemeinschaft". Postwendend erklärte er den paraguayischen Botschafter in Caracas, Luis Ávila, zur 'Persona non grata' und wies ihn aus. Paraguay konterte umgehend und wies wiederum den venezolanischen Botschafter in Asunción aus. Das führte zu der beispiellosen Eskalation, dass nun auch die in Seoul akkreditierten Botschafter beider Länder einberufen wurden.
Dieser Zwischenfall ist weit mehr als ein simpler Streit zweier Länder. Er ist ein deutliches Signal, dass das Tauziehen um Taiwan auf dem internationalen Parkett nun auch in Lateinamerika an Schärfe gewinnt. Es bleibt abzuwarten, wie grosse Länder wie Brasilien oder Argentinien reagieren und ob Paraguay, traditionell stark von den USA beeinflusst, seinen Kurs nun weiter verhärten wird. Vielleicht ist es momentan gar nicht die koreanische Halbinsel, sondern Südamerika, das im Zentrum der globalen Verwerfungen steht.
Fussball oder doch lieber Baseball? Die zwei Leidenschaften der Venezolaner
Was kommt uns hier eigentlich in den Sinn, wenn wir an Venezuela denken? Wahrscheinlich Fussball. In den letzten Jahren sorgte die venezolanische Fussballnationalmannschaft in der südamerikanischen Qualifikation immer wieder für Überraschungen und ist auch unter K-League-Fans bekannter geworden. Spieler wie Salomón Rondón oder Yohandry Orozco – es gibt viele enorme Talente.
Doch wenn man tiefer in den Alltag der Venezolaner eintaucht, stösst man auf eine Sportart, die dem Fussball in nichts nachsteht, vielleicht sogar noch leidenschaftlicher geliebt wird. Die Rede ist von Baseball. Überraschend, oder? Wenn in Lateinamerika von Baseball die Rede ist, denkt man zuerst an die Dominikanische Republik, Kuba oder Puerto Rico. Aber Venezuela ist eine absolute Baseball-Grossmacht. Wusstest du, dass weit über 100 venezolanische Spieler in der Major League Baseball (MLB) aktiv sind? Superstars wie Miguel Cabrera oder José Altuve kommen ebenfalls aus Venezuela.
Die venezolanische Profi-Baseball-Liga (LVBP) ist ein wahres Volksfest. Die Saison dauert von Oktober bis Januar und ist eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse im Winter. Trotz Wirtschaftskrise und politischem Chaos sind die Stadions voll. Die Tribünen in ein Meer aus Gelb, Blau und Rot der venezolanischen Flagge getaucht – das ist das verbindende Band, der Trost für die Spieler, die in der ganzen Welt ihr Geld verdienen, und für die Daheimgebliebenen. Seit Jahren ist das Land politisch tief gespalten, aber bei zwei Outs im neunten Inning sind für einen Moment alle wieder vereint.
- Miguel Cabrera: Eine lebende Legende, MVP und Triple-Crown-Gewinner.
- José Altuve: Der kleine Riese, das Herz der Houston Astros und der Stolz Venezuelas.
- Salomón Rondón: Das Gesicht der venezolanischen Fussball-Nati, ein Torjäger mit beeindruckender Physis.
Zerrissene Himmelblaue, palästinensische Flüchtlinge und die Venezolaner
Das politische Chaos hat letztlich immer direkte Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Heute sind es nicht mehr nur die Syrer oder Afghanen, die weltweit als Flüchtlinge leiden. Millionen von Venezolanern haben ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen – nach Kolumbien, Peru, Chile und sogar bis an die Grenze der USA. Sie leben als 'Fremde' in einem fremden Land. Während die venezolanische Regierung in einen diplomatischen Krieg mit Paraguay verwickelt ist, bauen ihre eigenen Bürger überall in Südamerika eine neue Existenz auf und integrieren sich in die lokale Wirtschaft. Ironisch, nicht wahr?
Die heutige Einbestellung der Botschafter in Seoul hängt letztlich direkt mit dem täglichen Überlebenskampf zusammen, der sich im fernen Venezuela abspielt. Hinter den euphorischen Gesängen im Baseballstadion und dem Jubel im Fussballstadion, zwischen den Farben ihrer Flagge – Gelb für das reiche Land, Blau für das Meer und die Unabhängigkeit, Rot für das vergossene Blut und den Mut – schleicht sich vielleicht eine weitere Farbe ein: das Grau des Überlebenskampfes. Es bleibt abzuwarten, wohin sich dieser diplomatische Krieg entwickelt und welche Folgen er für die Millionen von Venezolanern in der Diaspora haben wird. Auch heute ist die Welt wieder in ihrer ganz eigenen Art in Aufruhr.