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Viktor Orbáns Ungarn: Vom Gaskrieg zu den Diktaturlektionen der Geschichte

Politik ✍️ Lars H. Mikkelsen 🕒 2026-03-25 14:30 🔥 Aufrufe: 1

Wenn man die politische Entwicklung in Europa verfolgt, gibt es eine Person, die es immer wieder schafft, Schlagzeilen zu liefern, die selbst erfahrene Beobachter staunen lassen. Viktor Orbán. Der ungarische Ministerpräsident hat wieder einmal die Fäden gezogen, und diesmal sind es nicht nur leere Drohungen aus Brüssel, die die Debatte beherrschen. Nein, in dieser Woche hat er Ernst gemacht mit etwas, wovor viele Angst hatten: Er dreht den Gashahn für die Ukraine zu.

Viktor Orbán spricht

Es ist eine Entscheidung, die direkt in ein bereits explosives geopolitischen Minenfeld sticht. Während im Osten der Ukraine der Krieg tobt und in Kiew fieberhaft versucht wird, die Energieversorgung zu sichern, zieht Budapest die Schraube an. Offiziell geht es um Vertragsstreitigkeiten, aber für uns, die wir den Mann seit Jahren verfolgen, ist klar: Es ist eine Machtdemonstration. Es ist Orbáns Art, alle daran zu erinnern, dass er einen der wichtigsten infrastrukturellen Schlüssel der Region in der Hand hält. Und vergessen wir nicht, dass dies zeitgleich mit Selenskyjs Rhetorik gegen die TurkStream geschieht, die immer schriller wird. Es ist ein Spiel, bei dem Gas als Waffe eingesetzt wird – und Orbán ist ein Meister dieser Disziplin.

Das bringt mich zu etwas, das tiefer geht als die aktuelle Gaskrise. Um Viktor Orbán im Jahr 2026 zu verstehen, muss man die historischen Unterströmungen Ungarns verstehen. Dass Budapest ein angespanntes Verhältnis zu seinen Nachbarn und zum „Westen“ hat, ist nicht neu. Das lässt sich bis zur Zeit der Doppelmonarchie unter Franz Joseph zurückverfolgen. Damals war es das Wiener Bürokratentum, das die ungarischen Ambitionen knebelte. Heute ist es Brüssel, das in Orbáns Erzählung dieselbe Rolle spielt. Sein Projekt ist eine Fortsetzung des historischen Strebens nach Souveränität – mit einem modernen, populistischen Twist, der selbst alteingesessenen Habsburg-Experten Stirnrunzeln verursacht.

Der Personenkult und das Buch, das plötzlich wieder aktuell ist

Man kann nicht über das heutige Ungarn sprechen, ohne den allgegenwärtigen Personenkult zu erwähnen. Kürzlich ist mir auf meinem Schreibtisch ein alter Bekannter in die Hände gefallen: Frank Dikötters „How to Be a Dictator: The Cult of Personality in the Twentieth Century“. Ein Buch, das Pflichtlektüre für alle sein sollte, die sich fragen, wie Macht im 21. Jahrhundert um eine einzige Person zentriert werden kann. Wenn man Dikötters Analysen von Mussolini, Saddam Hussein oder Ceaușescu liest, erkennt man plötzlich dieselben Muster im Kleinen in Ungarn wieder. Die gigantischen Plakate, die totale Kontrolle über die Medien und wie selbst die leiseste kritische Stimme systematisch erstickt wird. Orbán hat verstanden, dass Macht nicht nur mit Gesetzen zu tun hat, sondern mit der Eroberung des Bewusstseins. Es ist nicht länger „Ungarn unter dem Orbán-Regime“ – es ist einfach Orbáns Ungarn.

Und das führt uns natürlich zur bevorstehenden EU-Wahl. In einer kürzlich erschienenen Kolumne wurde darauf hingewiesen, dass „Viktor Orbán und seine Verbündeten die EU-Wahlen nicht gewinnen werden“. Das ist ein wichtiger Punkt. Denn obwohl er in Budapest stark dasteht, ist der Kampf auf der europäischen Bühne ein ganz anderer. Sein Bündnis aus nationalkonservativen Kräften ist bunt zusammengewürfelt, und die internen Spannungen sind enorm. Aber zu sagen, dass sie nicht gewinnen, heißt nicht, dass sie kein Chaos anrichten werden. Sie haben den Diskurs in Brüssel bereits verändert. Sie haben die Grenzen dessen, was politisch akzeptabel ist, verschoben. Selbst wenn sie keine Mehrheit erreichen, hat Orbán an einer entscheidenden Stelle bereits gewonnen: Er hat den Rest Europas dazu gebracht, nach seinen Regeln zu spielen.

Betrachtet man die aktuelle Situation, werden mir drei Dinge klar:

  • Gas als geopolitische Waffe: Die Einstellung der Gaslieferungen in die Ukraine zeigt, dass Energiesicherheit nach wie vor die härteste Währung in der osteuropäischen Politik ist. Orbán testet die Grenzen, wie weit er Kiew und Brüssel unter Druck setzen kann, bevor es zu einer Gegenreaktion kommt.
  • Die Geschichte wiederholt sich: Von Franz Josephs Zeiten bis heute haben sich Ungarns Führer als Hüter einer nationalen Interessen gesehen, die oft mit der Außenwelt kollidieren. Orbán hat diese Erzählung perfektioniert und in eine moderne, autoritäre Ästhetik verpackt.
  • Der Schatten der EU-Wahl: Alle seine aktuellen Manöver sind mit Blick auf das Kräfteverhältnis in Straßburg kalkuliert. Er weiß, dass ein geschwächtes EU ihm mehr Spielraum gibt, um sein eigenes System in Ungarn zu zementieren.

Während wir hier im März 2026 stehen, sollten wir bedenken, dass nicht nur das Gas in der Region knapp geworden ist. Sondern auch das Vertrauen. Das Vertrauen, dass die alten Spielregeln noch gelten. Viktor Orbán hat seine Karriere darauf aufgebaut, diese Löcher im System auszunutzen. Er hat die Geschichte genau studiert – und seine eigene Version von „How to Be a Dictator“. Die Frage ist nun, ob der Rest Europas endlich dasselbe Buch gelesen hat oder ob wir uns immer noch jedes Mal überraschen lassen, wenn er auf den roten Knopf drückt.