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Warum der Aktienkurs von Shell der Schwerkraft trotzt, während die Spannungen im Nahen Osten die globale Ölversorgung bedrohen

Finanzen ✍️ Jonathan Ford 🕒 2026-03-03 11:01 🔥 Aufrufe: 1
Ein Tanker durchfährt die Strasse von Hormus

Wenn Sie heute Morgen die Märkte beobachten, ist Ihnen wahrscheinlich ein Ticker aufgefallen, der heller leuchtet als die anderen: der Aktienkurs von Shell. Das ist kein einmaliger Ausschlag. Hinter den Kulissen deuten Flüsterstimmen von den Handelsplätzen und meine eigenen Kontakte am Golf darauf hin, dass wir es mit einem echten Paradigmenwechsel zu tun haben. Die jüngste Eskalation zwischen dem Iran und der Achse USA-Israel hat eine Linie überschritten, von der selbst erfahrene Ölhändler nie gedacht hätten, dass sie je überschritten würde.

Lassen Sie mich Ihnen das ungeschminkte Bild zeigen. Am Wochenende erklärte ein hochrangiger Berater der iranischen Revolutionsgarden im Staatsfernsehen praktisch der Strasse von Hormus den Krieg. Seine genauen Worte, die mir eine Quelle, die die Sendung verfolgte, übermittelte, waren, dass der Iran "jeden, der versucht durchzukommen, in Brand setzen" werde. Das ist keine Rhetorik; das ist ein Versprechen, die wichtigste Ölader der Welt abzuschnüren. Ungefähr jedes fünfte Barrel des weltweit geförderten Rohöls wird durch diese schmale Passage transportiert. Im Moment hat sich der Schiffsverkehr auf ein Kriechen verlangsamt, und einige Betreiber haben einfach aufgehört, Durchfahrten zu planen.

Brent-Rohöl reagierte sofort, durchbrach die Marke von 80 Dollar pro Barrel und baute seine Gewinne die dritte Sitzung in Folge aus – eine Serie, die wir seit den ersten Tagen des Ukraine-Krieges nicht mehr gesehen haben. Aber Rohöl ist nur die halbe Geschichte. Die eigentlichen Feuerwerke finden auf dem LNG-Markt statt. Aus dem Inneren der Ras-Laffan-Anlage in Katar verlautet, dass die Produktion nach den Angriffen eingestellt wurde. Die europäischen Gaspreise stiegen am Montag um über 50%. Jeder, der sich an den Winter 2022 erinnert, weiss, was das für die Haushaltsrechnungen und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie bedeutet.

Der Inflationsschmerz, der nicht verschwinden will

Kommen wir nun zum Elefanten im Raum: der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Noch letzte Woche war eine Zinssenkung im März so gut wie eingepreist – die Geldmärkte gaben ihr eine Wahrscheinlichkeit von 80%. Heute Morgen? Sie liegt kaum über 50%. Ich habe gestern ruhig mit einem ehemaligen SNB-Mitarbeiter gesprochen, und seine Einschätzung war deutlich: Bleiben die Öl- und Gaspreise hoch, könnte die Schweizer Teuerung bis Jahresende um 0.7 Prozentpunkte höher ausfallen, als noch vor einem Monat prognostiziert. Die Nationalbank kann zwar sagen, sie werde "durch" Energieschocks hindurchsehen, so viel sie will – wenn Unternehmen aber ihre Brennstoffrechnungen explodieren sehen, geben sie die Kosten weiter. Wenn die Leute die Preise an der Zapfsäule sehen, verlangen sie höhere Löhne. Dieser Zweitrundeneffekt ist der politische Albtraum, der die Zinsen länger hochhalten könnte, gerade als die Wirtschaft aufzuatmen begann.

Was bedeutet das also für den Aktienkurs von Shell? Am Montag, als der Swiss Market Index (SMI) um 1,2% nachgab, legte Shell tatsächlich um fast 2% zu. Und auch heute im frühen Handel in London steigt er wieder. Das ist das Paradox des Energieriesen: Er ist sowohl die Ursache für Inflationsschmerz als auch der einzige sichere Hafen im Sturm.

Aber lassen Sie uns tiefer graben. Shells Engagement im Nahen Osten ist beträchtlich – etwa ein Fünftel seiner Öl- und Gasproduktion stammt aus der Region, so interne Schätzungen, die ich gesehen habe. Während die Schlagzeilen auf Preisspitzen fokussieren, ist das operative Risiko sehr real. Förderfelder gehen vom Netz. Bei zum Stillstand gekommenem Tankerverkehr durch die Strasse von Hormus wird der Transport der Produkte zum Markt zu einem logistischen Albtraum. Eine Quelle in Shells Handelsabteilung sagte mir, dass man bereits einige Ladungen um Afrika herum umleite, was die Lieferzeiten um Wochen verlängere und die Margen schmälere.

Um die Position des Unternehmens zu verstehen, stellen Sie es sich als ein Imperium vor, das auf drei Säulen ruht, die derzeit in unterschiedliche Richtungen ziehen:

  • Upstream (Öl- und Gasförderung): Steigende Preise sind ein direkter Rückenwind. Jeder Dollar Anstieg beim Preis für ein Barrel Brent fliesst fast direkt in den Gewinn. Das ist der Profimotor, der auf Hochtouren läuft.
  • Integriertes Gas (LNG): Dies ist die knifflige Säule. Shell ist ein massiver LNG-Akteur. Das Angebotsschock aus Katar ist ein zweischneidiges Schwert. Es treibt die Weltmarktpreise in die Höhe, was grossartig für die Margen bei Gas ist, das sie verkaufen können. Es wirft aber auch ein grelles Licht auf ihre eigenen Rechtsstreitigkeiten; ein New Yorker Richter hat gerade Shells Versuch abgewiesen, einen Schiedsspruch in einem unschönen Streit mit einem US-LNG-Produzenten aufheben zu lassen. Es zeigt, dass in diesem hochriskanten Spiel selbst die Grossen einen Treffer einstecken können.
  • Downstream (Raffination und Vermarktung): Hier zeigt sich die Belastung. Raffinerien sehen sich mit explodierenden Inputkosten und potenziellen Versorgungslücken konfrontiert. Und wenn der Konflikt andauert, wird Nachfragezerstörung zu einer echten Bedrohung. Geben die Haushalte ein Vermögen fürs Heizen und Tanken aus, bleibt weniger für anderes. Das ist der makroökonomische Gegenwind, der die gesamte Wirtschaft letztlich abkühlt.

Die Dividende und der längere Blick

Für den Schweizer Durchschnittsaktionär steht unmittelbar der Ertrag im Vordergrund. Shell befindet sich mitten in seinem jüngsten Aktienrückkaufprogramm und kaufte erst gestern eigene Aktien zur Einziehung zurück. Zudem nähert man sich der Deadline Anfang März für die Währungswahl bei der Dividende für das vierte Quartal 2025. Kurzfristig läuft diese Cash-Rückgabemaschine also weiter.

Die grosse Frage ist jedoch die Nachhaltigkeit. Steuern wir auf einen längeren Konflikt zu, wäre ich nicht überrascht, wenn Brent mit 120 Dollar pro Barrel liebäugelt. Das wäre ein absoluter Glücksfall für die Produzenten – manche würden vielleicht sogar von obszönen Gewinnen sprechen –, aber es wäre auch eine Abrissbirne für die Weltwirtschaft. Es ist eine deutliche Erinnerung daran, dass hohe Preise nichts nützen, wenn man das Öl nicht aus dem Boden und zum Kunden bringen kann.

Vorerst ist das Geschäft einfach: Die Produzenten besitzen, gegen den Konsumenten hedgen. Der Aktienkurs von Shell ist am Schweizer Markt die reinste Spielvariante dieser These. Aber dies ist ein gefährliches geopolitisches Pokerspiel. Jede Andeutung einer Deeskalation könnte den Rohölpreis so schnell fallen lassen, wie er gestiegen ist, und den Sektor mitreissen. Umgekehrt riskiert ein langanhaltender Konflikt eine nachfragevernichtende Rezession. Im Moment jedoch, in einem von Angst ergriffenen Markt, bleibt Shell das seltene Gut: ein Blue-Chip-Anker in einem Meer von Rot.