Projekt Hail Mary Kritik: Ryan Goslings kosmische Kumpel-Komödie ist ein Knaller
Also, ich bin mal ehrlich zu euch. Wenn man in ein zweieinhalb Stunden langes Sci-Fi-Epos mit einem Budget von über 200 Millionen Dollar geht, weiss man irgendwie, was einen erwartet. Man rechnet mit dem VFX-Spektakel, der IMAX-Grösse und der existenziellen Einsamkeit des Weltraums. Kennt man ja schon – von Gravity bis Interstellar ist das All meist ein kalter, stiller Ort.
Was man nicht erwartet, ist, aus dem Kino zu gehen und einen Weg finden zu wollen, seinen Kollegen in einer brandneuen, dreistufigen Sprache einen Faustcheck zu geben. Man rechnet nicht damit, sich Hals über Kopf in ein fünfgliedriges, steinähnliches Wesen zu verlieben, das nur durch Musiknoten kommuniziert. Aber da sind wir nun. Projekt Hail Mary, der neuste Streich der verrückten Genies Phil Lord und Christopher Miller (The Lego Movie, Spider-Verse), ist nicht einfach ein weiterer Survival-Film. Es ist die unwahrscheinlichste und unwiderstehlichste Kumpel-Komödie des Jahres.
Der Film startet hier in der Schweiz am 20. März und zeigt Ryan Gosling als Ryland Grace, einen Gymnasiallehrer für Naturwissenschaften, der aus einem künstlichen Koma auf einem Raumschiff Lichtjahre von der Erde entfernt aufwacht. Er ist desorientiert, unrasiert und hat nicht die geringste Ahnung, wie er hierherkam oder warum seine zwei Crew-Mitglieder tot sind. Während sich seine Erinnerung Stück für Stück durch geschickt platzierte Rückblenden zusammensetzt, erfahren wir die erschreckende Wahrheit: Die Sonne stirbt. Eine fremde Mikrobe entzieht ihr die Kraft, und Grace – ein brillanter, aber akademisch geächteter Molekularbiologe – ist die letzte, verzweifelte Rettung der Menschheit. Er ist der Hail Mary Pass.
Der Gosling-Effekt: Das 'Nö' im Astronauten
Wer den Barbie-Film gesehen hat, weiss, dass Gosling komödiantisches Talent in Hülle und Fülle hat. Darauf setzt er hier voll und ganz. In einem Moment rechnet er noch die Rettung der Welt durch, im nächsten beteuert er in einer Panikattacke, die sich völlig improvisiert anfühlt (was sie wohl auch teilweise war), dass er das "Nö" in "Astronaut" sei. Die Filmemacher lassen Gosling einfach Gosling sein – dieser leicht alberne, selbstironische Charme verbirgt einen scharfen, einsamen Verstand. Die Regisseure Lord und Miller wollten keinen Film darüber machen, wie kalt das All ist, sondern über einen Typen, der sich auf der Erde einsam fühlt und ins Weltall geht, um einen Freund zu finden. Dieses Konzept geht dank Gosling voll auf. Er macht Isolation greifbar und seine wissenschaftlichen Durchbrüche fühlen sich wie echte Siege an.
An seiner Seite spielt Sandra Hüller (Anatomie eines Falls) die knorrige, nüchterne Einsatzleiterin Eva Stratt. Hüller verleiht einer Frau, die im Grunde eine knallharte Bürokratin ist, eine faszinierende Menschlichkeit. Sie trifft unerschrocken harte Entscheidungen, lässt uns aber nie vergessen, dass unter dieser eisigen Fassade ein Mensch steckt. Ihre gemeinsamen Rückblenden-Szenen verankern die kosmischen Einsätze in sehr realen, irdischen Zwängen.
Hier kommt Rocky: Der wahre Star der Show
Aber reden wir über den eigentlichen Star des Films. Etwa auf halber Strecke entdeckt Grace, dass er nicht allein ist. Ein weiteres Schiff, von einem Planeten namens Erid, ist auf derselben Mission. Sein einziger Insasse ist eine Kreatur, die Grace "Rocky" tauft. Und hier zeigen Lord und Miller ihren Zaubertrick. Anstatt ein CGI-Gebilde zu sein, ist Rocky eine echte Puppe, gespielt von James Ortiz. Er hat fünf Arme, einen Körper, der wie ein freundliches Stück Arizona-Landschaft aussieht, und kommuniziert über Töne, die Graces Computer in einfache, kindliche Sätze übersetzt.
Und Leute, ich sage euch, ihr werdet diesen Stein lieben. Die Beziehung zwischen Grace und Rocky ist das Herz des Films. Sie sind zwei Wissenschaftler aus verschiedenen Welten, die nicht im selben Raum sein können (atmosphärische Unverträglichkeit, versteht sich), und doch entwickeln sie eine Bindung, die auf gegenseitiger Neugier und purer, verzweifelter Hoffnung beruht. Die Momente, in denen Rocky seine Gedanken "singt" oder lernt, mit Grace einen Faustcheck zu machen, sind pure, unzynische Freude. Es ist die Art von Moment, die einen daran erinnert, warum wir ins Kino gehen.
Ein Augenschmaus ohne die Greenscreen-Blues
Noch ein kurzes Wort zur Optik. Ihr habt vielleicht das Online-Gerede mitbekommen – es gab einen ganzen Chnatsch darum, dass die Regisseure gesagt hätten, es gäbe "keinen Greenscreen". Sie haben das seither klargestellt, und das zu Recht. Es gibt Tausende von VFX-Aufnahmen (von ILM und Framestore), aber der Schlüssel ist, dass sie das Raumschiff Hail Mary gebaut haben. Wirklich. Die Sets sind praktisch gebaut. Rocky war am Set. Das bedeutet, das Licht ist echt, die Spiegelungen in Goslings Visier sind echt, und die Darsteller reagieren auf etwas Gegenständliches. Das Ergebnis ist ein Film, der sich gewichtig und immersiv anfühlt, ein Universum, das man fast anfassen kann. Das ist weit weg vom glatten, sterilen Look so vieler moderner Blockbuster.
Der Umfang ist gewaltig, aber die Geschichte bleibt klein und persönlich. Es ist im Wesentlichen ein Zwei-Personen-Stück zwischen einem Typen und seinem neuen ausserirdischen Kollegen, die versuchen, ihre jeweiligen Zivilisationen zu retten. Wenn ihr ein Fan von Andy Weirs Roman seid (und mal ehrlich, wer ist das nicht?), dann ist die Adaption ein gestraffter Triumph. Drehbuchautor Drew Goddard (der auch Der Marsianer adaptiert hat) weiss genau, was er behalten und was er kürzen muss, und konzentriert sich ganz auf den emotionalen Kern, anstatt sich in der harten Wissenschaft zu verlieren.
Für diejenigen unter euch, die ihre Sci-Fi mit ein bisschen mehr... nun ja, von allem mögen, ist das hier der richtige Film. Er stillt das gleiche Bedürfnis wie die optimistische, problemlösende Stimmung der Bobiverse-Bücher – ihr wisst schon, die Wir sind Legion (Wir sind Bob)-Reihe von Dennis E. Taylor, in der eine fühlende KI herausfinden muss, wie sie sich replizieren und die Galaxie erkunden kann. Und wenn die Spannung des Weltraumrennens im Kalten Krieg eher euer Ding ist, bietet Chris Hadfields The Apollo Murders einen düstereren, thrillerartigen Gegenpol zur Wärme von Hail Mary. Aber was reine, erhebende Unterhaltung angeht? Dieser Film spielt in einer eigenen Liga.
Warum ihr das auf der grossen Leinwand sehen müsst
Das ist kein Film, auf den man wartet, bis er gestreamt wird. Den muss man auf der grösstmöglichen Leinwand mit der besten Akustik sehen, die ihr finden könnt. Die Regisseure haben etwas geschaffen, das sich gleichzeitig klassisch und brandneu anfühlt. Es hat den Ehrfurcht gebietenden Moment von , aber das Herz von E.T..
- Das Sounddesign: Daniel Pembertons Score ist wunderschön und mitreissend, aber der Klang von Rockys Schiff, die Vibrationen seiner Sprache... das ist unglaublich.
- Greig Frasers Kameraarbeit: Der Mann, der Dune gedreht hat, versteht es, das All gewaltig wirken zu lassen, und er schafft es, die intimen Momente zwischen Grace und seinem Computer (gesprochen von Priya Kansara) genauso grossartig erscheinen zu lassen.
- Die praktischen Effekte: Dieses Schiff. Dieser Alien. Die müsst ihr in Aktion sehen.
Also, ich bin reingegangen und habe einen netten Zeitvertreib erwartet. Ich bin rausgekommen und war restlos überzeugt. Projekt Hail Mary ist eine Erinnerung daran, dass Blockbuster intelligent, lustig und wirklich bewegend sein können. Es ist ein Film über die Kraft der Zusammenarbeit, die Schönheit wissenschaftlicher Entdeckungen und die Tatsache, dass man selbst wenn die Sonne stirbt, immer noch einen Kumpel finden kann, der einem durchhilft. Amaze amaze amaze, wirklich.