Deepwater-Horizon-Katastrophe: 15 Jahre später will BP wieder im Golf von Mexiko bohren
Es ist genau 15 Jahre her, seit die Deepwater-Horizon-Katastrophe die Welt erschütterte. Elf Menschen kamen ums Leben, über 700 Millionen Liter Öl schossen 87 Tage lang unkontrolliert in den Golf von Mexiko. Die Ölindustrie gelobte damals Besserung. Strengere Sicherheitsvorschriften, neue Technologien – so etwas dürfe nie wieder passieren. Doch heute, anderthalb Jahrzehnte später, zeichnet sich eine neue Ära ab: BP hat grünes Licht für sein erstes großes Erschließungsprojekt im Golf seit der Katastrophe erhalten. Das Kaskida-Feld wird nun Realität, und gleichzeitig sorgen politische Winde in Washington für neuen Aufschwung bei Offshore-Bohrungen.
Politisches grünes Licht und neue Initiativen
Letzte Woche kam die Nachricht, auf die viele in der Branche gewartet haben: Es wird grünes Licht für erweiterte Exploration im Golf von Mexiko gegeben. Laut Quellen, die der Regierung nahestehen, bedeutet dies, dass BP endlich mit der Erschließung des Kaskida-Feldes beginnen kann – einer riesigen Lagerstätte, die seit Jahren auf der Karte stand. Es ist das erste Mal seit 16 Jahren, dass ein britisches Major-Unternehmen ein komplett neues Projekt in amerikanischen Gewässern startet. Kaskida liegt in einer Wassertiefe von etwa 1800 Metern und soll planmäßig 2029 in Betrieb gehen. Für BP ist es ein strategischer Meilenstein – eine Bestätigung, dass der Golf von Mexiko weiterhin das Herzstück des Tiefwasserportfolios des Unternehmens ist.
Die Sicherheitsrevolution, die verpuffte?
Nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe wurden zahlreiche Maßnahmen eingeführt: bessere Brunnenkontrolle, unabhängige Zertifizierungen und Auflagen für Reserveausrüstung. Dennoch haben mehrere interne Berichte gezeigt, dass die Gefahr eines neuen schweren Unglücks nicht wesentlich gesunken ist. Viele der gleichen Schwachstellen bestehen immer noch – insbesondere bei der Notfallvorsorge und den Ressourcen der Aufsichtsbehörden. Wenn nun die Beschränkungen aus der Obama-Ära fallen, befürchten Umweltschützer einen neuen Ölrausch, bei dem die Sicherheit zugunsten der Produktion vernachlässigt wird.
- 11 Tote – die direkten Opfer der Explosion am 20. April 2010.
- 4,9 Millionen Barrel Öl – die offizielle Menge, die gerichtlichen Festlegungen zufolge auslief.
- Über 18 Milliarden Dollar – BPs Gesamtaufwand für die Katastrophe, inklusive Strafen und Reinigung.
- 1.600 Kilometer Küstenlinie – wurden von der Ölpest von Louisiana bis Florida beeinträchtigt.
Kaskida – ein Symbol für Kontinuität oder Arroganz?
Das Kaskida-Feld ist nicht irgendein Projekt. Es ist ein sogenanntes Paläogen-Reservoir, dessen Förderung extrem hohen Druck und Temperatur erfordert. Gerade solche anspruchsvollen Formationen trugen 2010 zum Unglück bei. Nun ist BP der Meinung, die Technologie sei ausgereift genug. Das Unternehmen hat bereits Milliarden in die Forschung zur Hochdrucksicherheit investiert und will Kaskida als Testfeld für zukünftige Tiefwasserprojekte nutzen. Gleichzeitig ist die Symbolik kaum zu übersehen: Die erste große Neubohrung nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe liegt geografisch nahe der Unglücksstelle und birgt viele der gleichen technischen Herausforderungen.
Der Film, der uns mahnt
Für die Öffentlichkeit lebt die Katastrophe durch Peter Bergs Film Deepwater Horizon mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle weiter. Der Film, der 2016 auf Blu-ray erschien, schildert die letzten Stunden vor der Explosion und den verzweifelten Überlebenskampf der Besatzung. Für viele war er ein Weckruf: Dies war kein Unfall, es war eine von Menschen gemachte Katastrophe, basierend auf Fehlentscheidungen und mangelnder Wartung. Wenn BP nun wieder aufrüstet, wird der Film zur Mahnung an den Preis, der für Kompromisse bei der Sicherheit gezahlt werden muss.
Was bedeutet das für Österreich?
Österreich ist als hochentwickelter Industriestaat indirekt von den globalen Ölmärkten betroffen. Die Entwicklungen im Golf von Mexiko beeinflussen die Ölpreise und die Energiepolitik weltweit. Zwar operieren keine österreichischen Firmen direkt in der Region, aber die Sicherheitsdebatte nach Deepwater Horizon hat auch hierzulande die Diskussion um Risiken bei der Rohstoffförderung belebt. Die Säulen einer verantwortungsvollen Rohstoffpolitik – Gründlichkeit, Transparenz und unabhängige Kontrolle – werden auch bei uns immer wieder auf den Prüfstand gestellt, wenn Wirtschaftlichkeit und Klimaziele aufeinandertreffen. Wenn BP mit Kaskida ohne schwere Zwischenfälle erfolgreich ist, könnte das einer neuen Welle von Tiefwasserprojekten weltweit Legitimität verleihen. Scheitern sie, wird Deepwater Horizon niemals Geschichte sein – sondern nur ein Vorspiel.
Während die Politiker in Washington und die Direktoren in London neue Genehmigungen feiern, ist es noch zu früh zu sagen, ob die Ölarbeiter auf den Plattformen heute sicherer sind als am 20. April 2010. Das Einzige, was wir sicher wissen, ist, dass das Meer nicht vergessen hat.