Iftar in der Schweiz: Gemeinsam fastenbrechen, Traditionen und das Warten auf den Sonnenuntergang
Der Duft von frisch gebackenem Brot und süsser Baklava erfüllt die Strassen. Kinder blicken ungeduldig zum Horizont und stellen den ganzen Tag dieselbe Frage: «İftara ne kadar kaldı?» – Wie lange noch bis zum Iftar? In Wohnzimmern, Quartiertreffs und sogar auf Stadtplätzen wird der letzte Schliff an dem Mahl angebracht, das das tägliche Fasten während des Ramadan brechen wird. Es ist ein Moment des Zusammenkommens, des Teilens, des Ankommens.
Tausende Kilometer entfernt, im türkischen Ezine, fand kürzlich ein beeindruckendes Schauspiel statt: Zehntausend Menschen sassen an einer langen Tafel zum Iftar. Ein Bild, das über die sozialen Medien auch die türkischen Gemeinschaften in der Schweiz tief berührte. Es zeigt, wie der Iftar, so lokal er auch sein mag, stets ein universelles Gefühl der Verbundenheit hervorruft. Ob man nun in einem Dorf an der Ägäis sitzt oder in einem Saal in Zürich-Wipkingen, das Wesentliche ist dasselbe: gemeinsam warten, gemeinsam brechen, gemeinsam dankbar sein.
Von Ezine bis Zürich: Der Iftar verbindet
Auch in der Schweiz wimmelt es nur so von Iftar-Aktivitäten. In Muri bei Bern beispielsweise wurde kürzlich ein grosser Iftar organisiert, bei dem hunderte Nachbarn zusammenkamen. Es ist ein Trend, den man immer häufiger sieht: Lokale Behörden und Organisationen nutzen den Iftar als Chance, die Gemeinschaft zu stärken. Nehmen wir zum Beispiel Elif Tekin-Iftar, eine bekannte Persönlichkeit im Frauenzentrum in Schlieren. Seit Jahren engagiert sie sich dafür, während des Ramadan Frauen aus allen Teilen der Stadt zusammenzubringen. «Es geht nicht nur ums Essen», erzählt sie, während sie Datteln verteilt. «Es geht um das Gefühl, dazuzugehören, gemeinsam den Sonnenuntergang zu erwarten.»
Im Vorfeld des Mahls herrscht überall das gleiche Ritual. Tische werden gedeckt, traditionelle Gerichte zubereitet. Viele Familien greifen dabei zu bekannten Kochbüchern. So wird bei der Familie Yilmaz zu Hause viel in The Ramadan Cookbook: 80 köstliche Rezepte, perfekt für den Ramadan, das Fest des Fastenbrechens und Feierlichkeiten das ganze Jahr über geblättert, auf der Suche nach Inspiration für das Abendessen. Von würziger Linsensuppe bis zu gefüllten Weinblättern – die Rezepte sorgen für ein festliches Mahl, sobald die Sonne untergegangen ist.
Der Geschmack des Iftars: Von Gazoz bis zum gourmet-Menü
Was kommt eigentlich alles auf den Tisch? Eine kleine Auswahl der Favoriten, die man dieser Tage in türkischen Haushalten in der Schweiz antrifft:
- Datteln und Oliven: Die Sonne geht unter, der Magen wird sanft geweckt.
- Suppe (oft Mercemeksi oder Ezogelin): Warm und nahrhaft, der klassische Beginn.
- İftarlık Gazoz: Die erfrischende, leicht fruchtige türkische Limonade, die immer beliebter wird. Nach einem Tag Fasten gibt es nichts Erfrischenderes als ein kaltes Glas.
- Gefülltes Gemüse und Böreks: Herzhaft und sättigend, der Favorit von Jung und Alt.
- Baklava oder Güllaç: Süssigkeiten, die das Fasten mit einem Lächeln brechen lassen.
Das Besondere am Iftar in der Schweiz ist die Mischung der Kulturen. Immer häufiger kommt es vor, dass nicht-muslimische Nachbarn mitessen oder dass Gerichte aus verschiedenen Küchen kombiniert werden. Der Iftar wird so zu einer niederschwelligen Möglichkeit, die islamische Kultur und Traditionen kennenzulernen.
Mehr als nur eine Mahlzeit: Die Kraft der Gemeinschaft
Ob es sich nun um eine Massenveranstaltung wie in Ezine handelt, um eine kommunale Initiative in Muri oder um ein kleines Beisammensein in einem Basler Quartiertreff: Der Iftar geht über das Essen hinaus. Es ist ein Moment der Besinnung, der Dankbarkeit und vor allem der Zusammengehörigkeit. In einer Zeit, in der die Welt manchmal gespalten scheint, bieten diese Abende einen warmen und willkommenen Gegenpol. Die Frage «İftara ne kadar kaldı?» wird daher nicht nur aus Hunger gestellt, sondern aus Sehnsucht nach jenem Moment, in dem die ganze Gemeinschaft kurz innehält und gemeinsam das Leben feiert. Ramazan ayınız mübarek olsun – einen gesegneten Ramadan.