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Tegut vor dem Aus in Deutschland: Wie die Migros ihr 600-Millionen-Euro-Debakel besiegelt

Wirtschaft ✍️ Lukas Keller 🕒 2026-03-11 14:34 🔥 Aufrufe: 1

Tegut Filiale in Deutschland

Es ist amtlich: Der orange Riese zieht sich komplett aus Deutschland zurück. Nach jahrelangem Misserfolg verkauft die Migros ihre Tochter Tegut an den deutschen Rivalen Edeka. Was nach einer gewöhnlichen Transaktion klingt, ist in Wahrheit das Ende eines der teuersten Ausflüge in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Wir reden hier von einem Verlust, der sich gewaschen hat: 600 Millionen Euro hat sich das Desaster kosten lassen. Ein Fiasko, das man in den Hallen an der Limmat so schnell nicht vergessen wird.

Ein Milliardengrab in der Provinz

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die Migros mit ihrem grünen Kreuz voller Stolz nach Deutschland expandierte? 2013 leistete man sich die Bio-Schmiede Tegut und zahlte dafür einen stolzen Preis. Die Idee war simpel: Das Know-how der Deutschen mit deren starkem Standbein im Biomarkt kombinieren und den Laden gemeinsam gross rausbringen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Der Markt ist hart umkämpft, die Deutschen sind treue Kunden – aber eben nicht der Migros. Jahrelang schrieb man rote Zahlen, die dicken Gewinne aus der Schweiz mussten das Loch in Hessen stopfen. Es war ein Fass ohne Boden, und jetzt hat der Zürcher Detailhändler endgültig den Deckel draufgemacht.

Was passiert jetzt mit den Filialen?

Für die rund 300 Tegut-Standorte bedeutet der Deal eine ungewisse Zukunft unter neuer Flagge. Edeka, der Platzhirsch, übernimmt das Ruder. Das hat konkrete Auswirkungen, auch auf die Filialen, die viele von uns vielleicht von Reisen kennen:

  • Tegut... gute Lebensmittel Perlach: Die Filiale im Münchner Speckgürtel wird wohl bald unter grünem Edeka-Banner laufen. Ob das Bio-Sortiment im selben Umfang bleibt, ist die grosse Frage, die sich die Stammkundschaft in Perlach jetzt stellt.
  • Tegut... gute Lebensmittel Triebstraße: Auch die Kasseler Innenstadt-Filiale in der Triebstraße ist von der Übernahme betroffen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort beginnt eine Zeit der Ungewissheit – werden sie übernommen? Was wird aus ihrem Arbeitsvertrag?

Die grosse Unbekannte ist die Identität. Tegut war immer ein bisschen anders: Bio-lastig, hessisch verwurzelt, mit einem gewissen Charme. Edeka ist eher der kantige, effiziente Riese. Ob die Seele der Marke in den Regalen erhalten bleibt, wage ich zu bezweifeln. Ich tippe auf: eher nicht.

Der Preis des Scheiterns

Bleiben wir kurz bei der kalten Mathematik. 600 Millionen Euro Verlust – das ist kein Pappenstiel. Das ist mehr, als manche Schweizer KMU im Jahr Umsatz machen. Man stelle sich vor, was man mit diesem Geld hätte anfangen können: Investitionen in die Digitalisierung, den Ausbau der Filialen in der Schweiz oder einfach eine satte Dividende an die Genossenschafter. Stattdessen wurde es in einem aussichtslosen Kampf um Marktanteile in der deutschen Provinz verbrannt. Die Migros-Führung um Präsident Andrea Broggini und CEO Mario Irminger macht jetzt reinen Tisch – ein harter, aber notwendiger Schnitt. Man konzentriert sich wieder aufs Kerngeschäft, auf die Schweiz. Das tut weh, aber es ist die einzig richtige Entscheidung nach Jahren des Taumelns.

Ein Nachruf auf den Schweizer Traum in Deutschland

Für uns Beobachter ist das ein Lehrstück in Sachen Expansion. Nicht jeder Markenname funktioniert überall. Die Migros ist in der Schweiz ein Kulturgut, ein Stück Heimat. In Deutschland ist sie einfach ein weiterer ausländischer Supermarktbetreiber. Der Versuch, mit Tegut eine Bio-Insel in einem Meer von Discountern zu bauen, ist grandios gescheitert. Jetzt zieht man den Stecker, und Edeka kauft die Reste. Es ist das Ende einer Ära, die nie wirklich beginnen durfte. Ein teures Experiment, das nur eines bewiesen hat: Die Orange ist eben doch nicht überall gleich süss.