Hilde Henriksen Waage stellt Norwegens Selbstbild als Friedensnation in Frage – und Støre muss sich erklären

Jahrzehntelang haben wir uns gemütlich eingerichtet in der Erzählung von Norwegen als eine Art Friedens-Supermacht. Von Gaza bis Guatemala, über Sri Lanka und Kolumbien – Norweger waren überall, mit der Mütze in der Hand und der Brieftasche voller Ölgeld. Aber hinter der Fassade der guten Absichten hat die Historikerin Hilde Henriksen Waage über zwanzig Jahre lang Material zutage gefördert, das dieses Selbstverständnis Risse bekommen lässt. Jetzt ist die Debatte so richtig explodiert, und der Bundeskanzler muss in die Defensive gehen.
Eine Forscherin, die sich nicht kaufen lässt
Waage, Seniorforscherin am Institut für Verteidigungsstudien und Professorin an der Universität Oslo, hat sich auf Archive spezialisiert, die andere nicht öffnen mögen. Sie war in den innersten Zirkeln der norwegischen Diplomatie, und was sie findet, passt so gar nicht zum Hochglanzbild. In ihrer Forschung zum norwegischen Engagement im Nahen Osten deckt sie ein Muster auf, bei dem norwegische Akteure oft mehr an Allianzen mit den USA und Israel interessiert waren als an der Durchsetzung einer gerechten Zweistaatenlösung. Das ist eine unangenehme Behauptung, aber ihre Dokumentation ist wasserdicht.
Was Hilde Henriksen Waage so besonders macht, ist, dass sie sich nicht damit begnügt, an kleinen Details herumzupicken. Sie stellt das eigentliche Fundament der norwegischen Außenpolitik in Frage: die Idee, dass wir ein "neutraler" und "moralischer" Leuchtturm sind. Wenn sie über das Oslo-Abkommen spricht, erinnert sie uns daran, dass es größtenteils im Stillen entstand, ohne Verankerung in der Bevölkerung, und dass die palästinensische Seite gedrängt wurde, Bedingungen zu akzeptieren, mit denen sie eigentlich nicht leben konnte. Das sind nicht die Geschichtsbücher, mit denen wir aufgewachsen sind.
Die Reaktionen lassen nicht auf sich warten
Im Fahrwasser neuer Interviews und Vorträge hat Hilde Henriksen Waage die politische Debatte angeheizt. Mehrere ihrer Kritikpunkte zielen direkt auf die amtierende Regierung. In einem aktuellen Gespräch mit zentralen politischen Quellen wird klar, dass Jonas Gahr Støre aufgefordert wird, bessere Antworten zu geben. Was wusste er? Was hätte er wissen müssen? Støre, der selbst Außenminister und Staatssekretär war, ist Teil desselben Establishments, das Waage nun in Frage stellt. Sie hat Dokumente aus jener Zeit durchgesehen und behauptet, dass die von den norwegischen Behörden gelieferten Erklärungen schlichtweg nicht stichhaltig sind. Mehrere Quellen bezeichnen sie als "direkte Lügen" – ein hartes Wort in der norwegischen politischen Debatte.
Dies ist längst keine akademische Diskussion mehr im Elfenbeinturm. Das ist zu einem heißen Eisen in den Korridoren des Parlaments geworden. Wenn eine der führenden Expertinnen des Landes für Friedensdiplomatie sagt, wir hätten die Öffentlichkeit getäuscht, müssen die Politiker ran. Støre hat sich bisher zurückgehalten, aber der Druck steigt.
Was sagt Waage eigentlich genau?
Um den Ernst der Lage zu verstehen, können wir einige Kernpunkte der Forschung und Kritik von Hilde Henriksen Waage hervorheben:
- Der Mythos der Neutralität: Norwegen war nie ein neutraler Akteur in Konflikten, sondern hatte stets eigene Interessen – oft verbunden mit dem NATO-Bündnis und Handelsbeziehungen.
- Versteckte Agenden: Die Durchsicht der Archive zeigt, dass norwegische Diplomaten den Konfliktparteien zeitweise Informationen vorenthalten haben, was das Vertrauen in die Vermittlerrolle untergräbt.
- Mangel an Selbstkritik: Das offizielle Norwegen hat sich geweigert, eine Aufarbeitung fehlgeschlagener Strategien, insbesondere im Nahen Osten, vorzunehmen. Stattdessen feiern wir uns selbst als die Friedensnation schlechthin.
- Die Sprache der Macht: Waage weist darauf hin, dass in der norwegischen Diplomatie oft die starken Parteien sich durchsetzen, während die Schwachen mit unerfüllten Versprechungen dastehen.
Diese Punkte sind Sprengstoff. Denn wenn Waage recht hat, ist Norwegens Rolle in der Welt nicht nur eine Frage des guten Willens, sondern auch von Machtpolitik und Anpassung. Und genau deshalb wird sie für die Machthaber so gefährlich.
Ein notwendiger Weckruf
Ob man ihr nun zustimmt oder nicht, Hilde Henriksen Waage zwingt uns zur Selbstreflexion. Was ist die norwegische Außenpolitik eigentlich? Sind wir die altruistischen Helfer, die wir so gerne wären, oder nur ein Kleinstaat, der sich den großen Kräften anpasst? Diese Woche ist die Debatte hin- und hergegangen, und sie wird mit Sicherheit weitergehen. Eines ist sicher: Der Forscherin von der Universität Oslo ist es gelungen, an etwas zu rühren, das tief in der norwegischen Volksseele steckt. Und wenn erst einmal die Nähte aufgehen, ist es schwer, das wieder zusammenzunähen.
Es bleibt nun abzuwarten, ob Støre und Co. die Antworten liefern können, die Waage und die Öffentlichkeit fordern. Denn die Geschichte hat die Angewohnheit, uns einzuholen – und gerade jetzt klopft die Historikerin an die Tür.