Libanon: Zwischen historischem Basketball-Triumph und der Angst vor dem nächsten Krieg
Ich sitze hier in meinem Stammsitz in Berlin, die Nacht ist lang, der Kaffee kalt. Aber ich kann einfach nicht schlafen, weil mich die Bilder und Nachrichten aus dem Libanon nicht loslassen. Wir reden hier nicht nur von einem weiteren Krisenherd im Nahen Osten. Wir reden von einem Land, das gerade eine emotionale Achterbahnfahrt erlebt, wie ich sie selten gesehen habe. Auf der einen Seite der sportliche Rausch, auf der anderen das dunkle Donnergrollen eines Krieges, der jede Sekunde über die Grenze rollen könnte.
Ein Abend in Zouk Mikaël: Als der Basketball den Staat rettete
Erinnern wir uns an vergangenen Freitag. Während die Diplomaten in Genf und Washington hektisch telefonierten, bebte die Vorstadt Zouk Mikaël nicht vor Bomben, sondern vor Jubel. Die Libanesische Basketballnationalmannschaft hat etwas geschafft, was in diesem Land fast wie ein kleines Wunder wirkt: Sie hat uns alle für 90 Minuten den Albtraum vergessen lassen. Mit 94:64 haben sie Saudi-Arabien regelrecht vorgeführt. Das war keine einfache Quali für die WM 2027 in Katar – das war eine Machtdemonstration. Wael Arakji, der Maestro, dirigierte das Spiel als wäre es die letzte Sinfonie vor der Apokalypse. Und dann dieser Jihad Elkhatib – der Sohn der Legende Fadi Elkhatib – der gleich in seinem ersten Viertel für die Nationalmannschaft abliefert, als wäre es das Normalste der Welt. Wenn das kein Fanal ist, dann weiß ich auch nicht.
Die andere Seite der Medaille: Der Schatten über Beirut
Doch wer glaubt, der Sport könne den Libanon aus seiner misslichen Lage befreien, der irrt gewaltig. Nur wenige Kilometer von der Halle entfernt, in den südlichen Vororten, laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Ermordung des iranischen Führungszirkels durch die koordinierten Angriffe der USA und Israels hat das Pulverfass zur Explosion gebracht. Die Hisbollah, immer noch schwer gezeichnet vom letzten Krieg 2024, steht unter enormem Druck. Ihr neuer Generalsekretär Naim Qassem hat bereits Vergeltung geschworen. Er spricht von der "Pflicht, der Aggression entgegenzutreten". Man kann sich ausrechnen, was das bedeutet: Raketen aus dem Südlibanon, Vergeltungsschläge auf Beirut, auf Tripoli, auf die Bekaa-Ebene.
Die Warnungen sind unmissverständlich. Der libanesische Außenminister Youssef Rajji hat die Lage in Genf glasklar skizziert: Sollte die Hisbollah in einen Krieg zwischen Iran und dem Westen hineingezogen werden, dann wird Israel diesmal nicht zögern. Dann wird nicht nur der MTV Libanon oder ein Hisbollah-Büro getroffen. Dann geht es ans Eingemachte: zivile Infrastruktur, der Flughafen von Beirut, die Stromnetze. Man stelle sich das vor: Eine Stadt, die gerade erst anfängt, die Trümmer des letzten Desasters zu beseitigen, soll dem Erdboden gleichgemacht werden? Das ist die Realität, in der die Libanesen leben. Sie schauen Basketball und fragen sich gleichzeitig, ob sie morgen noch ein Zuhause haben.
Der Fußball träumt weiter: Die U23 schreibt Geschichte
Und dann ist da noch die dritte Geschichte, die uns zeigt, wie sehr dieser Staat aus Widersprüchen besteht. Während die Hisbollah die Muskeln spielen lässt und der Westen mit Sanktionen droht, schreibt die Libanesische Fußballnationalmannschaft – genauer gesagt die U23 – gerade ihre eigenen Schlagzeilen. In Bangkok hat diese Truppe unter Anthony Maasry Geschichte geschrieben. Mit einem souveränen 3:0 gegen die Mongolei haben sie sich erstmals in der Geschichte für die Endrunde der U23-Asienmeisterschaft qualifiziert. Ein junger Danny Istambouli, der zwei Dinger macht und dann Kapitän Ali Elfadel, der den Deckel draufmacht. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden. Ein kleiner Lichtblick in einem Meer aus Hoffnungslosigkeit. Diese Jungs fahren nach Saudi-Arabien zur Endrunde 2026, während ihre Väter vielleicht schon wieder in den Schützengräben sitzen. Das ist die kranke, wunderschöne und tragische Poesie des Nahen Ostens.
Die unsichtbare Hand Teherans
Wir dürfen nicht naiv sein. All diese Entwicklungen – der Sport, die Politik, die täglichen Scharmützel – sind nur die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Internen Kreisen zufolge, die mir seit Jahren verlässliche Informationen liefern, sind iranische Offiziere der Revolutionsgarden längst wieder im Libanon und bereiten die Hisbollah auf einen möglichen Schlag vor. Sie sitzen in den Kommandoräumen in der Bekaa, überprüfen die Raketeneinheiten, geben die Parolen aus. Der neue iranische Botschafter in Beirut, Mohammad-Reza Raouf Sheibani, ist ein alter Hase, der das Geschäft kennt und weiß, wie man die Fäden zieht. Der Libanon ist und bleibt die Schachfigur Teherans im Spiel gegen den Westen. Das zu ignorieren, wäre fahrlässig.
Was bleibt uns? Ein Land im freien Fall – oder im Aufbruch?
Ich will Ihnen eine ehrliche Einschätzung geben, so wie ich sie seit zwanzig Jahren gebe. Der Libanon steht an einem Scheidepunkt. Die sportlichen Erfolge sind Balsam für die Seele einer traumatisierten Nation. Sie zeigen, dass dieses Land mehr kann als nur Chaos und Korruption. Sie sind ein ungeheuer starkes Signal für Investitionen in die Jugend, in Infrastruktur, in eine Zukunft.
Aber gleichzeitig hängt das Damoklesschwert der Eskalation über allem. Jede falsche Bewegung, jede Rakete, die aus Versehen abgefeuert wird, jeder politische Mord kann den nächsten Flächenbrand auslösen. Für uns als Beobachter, und besonders für Unternehmen, die in der Region aktiv sind oder es sein wollen, bedeutet das eines: Höchste Alarmstufe. Die Lage ist unberechenbarer denn je. Wer heute im Libanon investiert – sei es in Medienrechte für die libanesische Fußballnationalmannschaft, in Sponsoring für die Basketballer oder in den Wiederaufbau – der muss eiskalt kalkulieren. Und der muss verstehen, dass das Risiko nicht in den Zahlen, sondern in den Bunkeranlagen der Hisbollah und den Flugzeugträgern der USA liegt.
Ich bleib dran. Und ich rate Ihnen: Behalten Sie den Libanon im Auge. Nicht nur wegen der Schlagzeilen, sondern wegen der Menschen. Denn die geben niemals auf.
- Die Sport-Euphorie: Basketball-Nationalmannschaft feiert 94:64 Kantersieg gegen Saudi-Arabien und träumt von der WM 2027.
- Die historische Fußball-Premiere: U23-Nationalteam qualifiziert sich erstmals für die Asienmeisterschaft – ein Leuchtfeuer der Hoffnung.
- Die geopolitische Bombe: Hisbollah droht mit Vergeltung nach US-Israels Angriff auf Iran; Israel warnt vor Angriffen auf zivile Infrastruktur wie den Flughafen Beirut.
- Die wirtschaftliche Rechnung: Der Spagat zwischen sportlichem Potenzial und politischem Kollaps wird zur Zerreißprobe für Investoren und die Bevölkerung.