Iran-Krise aktuell: Drohungen in der Straße von Hormus und die Bücher, die den Konflikt erklären
Wer diese Woche die Nachrichten aus dem Nahen Osten verfolgt, kennt dieses beklemmende Gefühl im Magen. Es setzt ein, wenn die Rhetorik von diplomatischen Manövern zu etwas Endgültigem übergeht. Gestern hat Teheran ein Ultimatum gestellt, das die globalen Ölmärkte erschauern lässt: Sollten ihre Kraftwerke oder die nukleare Infrastruktur angegriffen werden, werde man die „vollständige Schließung“ der Straße von Hormus durchsetzen. Für uns hier in Deutschland, wo wir eng mit globalen Energielieferketten verwoben sind, ist das nicht nur eine geopolitische Schlagzeile – es wäre ein schwerer Schlag für die Wirtschaft.
Ich verfolge die Region seit Langem und weiß: Wenn die iranische Führung anfängt, über Hormus zu sprechen, ist die Phase des Säbelrasselns längst vorbei. Das ist ihre nukleare Option – im wahrsten Sinne des Wortes. Etwa ein Fünftel des weltweiten Öls fließt durch diese enge Meerenge. Wird sie blockiert, hätten wir über Nacht eine globale Rezession. Es ist ein verzweifelter Schachzug, aber einer, der durchaus realistische Folgen hätte. Ein Bekannter von mir im Energiehandel meinte, die Versicherungsprämien für Tanker seien in den letzten 24 Stunden förmlich explodiert. Die Anspannung ist in den Zahlen spürbar.
Fiktion, die wie Wirklichkeit wirkt
Seltsam, aber mitten in diesem realen Chaos habe ich an ein Buch gedacht, das ich Anfang des Jahres in die Hand nahm. Capture Or Kill: A Mitch Rapp Novel von Don Bentley ist eigentlich ein Thriller – Unterhaltung für den Strand. Aber wenn man es jetzt mit den aktuellen Schlagzeilen liest, wirkt es weniger wie Fiktion, sondern mehr wie ein Drehbuch. Bentley, der sich auskennt, baut seine Handlung um eine Vorführung neuer Fähigkeiten der Quds-Truppe auf, die den amerikanischen Einfluss in der Region untergraben soll. Kommt Ihnen das bekannt vor? Der Protagonist, Azad Ashani, ist ein iranischer Geheimdienstchef – und ein geheimer Draht zur CIA –, der das Unheil kommen sieht, aber weiß, dass er es nicht allein aufhalten kann. Er braucht jemanden wie Mitch Rapp.
Mich hat daran nicht nur die Action beeindruckt, sondern die innere Zerrissenheit der iranischen Agenten im Buch. Sie sind keine Karikaturen. Sie sind Profis, die wissen, dass ihr Land am Rande einer katastrophalen Fehleinschätzung steht. Das spiegelt wider, was ein angesehener Energieanalyst wie Gregory Brew seit Jahren sagt. Er hat seine Karriere der Erkenntnis gewidmet, dass die internen Kalküle in Teheran oft vielschichtiger sind, als das Klischee des „verrückten Mullahs“ vermuten lässt. Es gibt Pragmatiker in den Führungszirkeln, aber im Moment scheinen die Hardliner am Drücker zu sein – und sie sind bereit, das ganze Auto an die Wand zu fahren, nur um ein Zeichen zu setzen.
Stimmen aus dem Land
Während die Welt auf Raketensilos und Marinebewegungen fixiert ist, geht hier eine menschliche Geschichte unter, die oft übersehen wird. Es ist die Geschichte der Menschen, die die Folgen dieser Entscheidungen ausbaden müssen. Deshalb denke ich, dass Roxana Shirazis Werk – und besonders die neue Memoire My Name Means Fire: A Memoir von Atash Yaghmaian – gerade jetzt unverzichtbare Lektüre sind.
Yaghmaians Geschichte trifft mitten ins Herz. Es geht nicht um Geopolitik, sondern ums Überleben. Aufgewachsen im Iran während der Revolution und dem erbarmungslosen achtjährigen Krieg mit dem Irak, war ihre Welt geprägt von staatlich verordneter Unterdrückung, Aberglauben und familiärer Instabilität. Um dem Grauen zu entfliehen, flüchtete sie sich in eine Welt, die sie das „Haus aus Stein“ nannte. Es ist ein schonungsloser Bericht darüber, wie einfache Iraner – insbesondere Frauen – jahrzehntelanges Feuer ertragen haben. Wenn wir heute über die „Eröffnung“ einer weiteren Front sprechen, wird einem beim Lesen bewusst, welch tiefes, generationenübergreifendes Trauma über dieser Krise liegt. Für Iraner ist Krieg keine hypothetische Gefahr oder ein Videospiel. Es ist der Boden, auf dem sie als Kinder gingen.
Der Weg, der nicht gegangen wurde
Das alles wirft die Frage auf: Wie konnte es so weit kommen? Wer die Antwort sucht, muss den Ort betrachten, an dem die Abkommen geschlossen wurden – und wo sie gebrochen wurden. The Art of Diplomacy: How American Negotiators Reached Historic Agreements that Changed the World von Stuart E. Eizenstat ist ein gewaltiger Wälzer, aber im Moment ist er unbezahlbar. Eizenstat, ein erfahrener Diplomat, widmet dem Iran-Atomabkommen – dem JCPOA – viel Raum. Er führt durch die mühsamen Verhandlungen, die Zugeständnisse, die geheimen Kanäle und das letztendliche Abkommen, das das iranische Atomprogramm tatsächlich zurückdrängte.
Dieses Kapitel heute zu lesen, ist herzzerreißend. Es ist ein Meisterwerk darüber, wie man einen Krieg durch puren, beharrlichen Einsatz verhindern kann. Aber es ist auch eine Erinnerung daran, wie fragil diplomatische Erfolge sind. Sie müssen ständig gepflegt werden. Wenn eine Seite beschließt, das gesamte Werk zu zerreißen, verliert man nicht nur ein Stück Papier – man verliert das Vertrauen einer ganzen Generation von Unterhändlern auf beiden Seiten. Jetzt bleiben nur noch Ultimaten und die Drohung, die wichtigste Wasserstraße der Welt zu schließen.
Was heißt das also für uns?
Darauf sollten Sie in den nächsten Tagen achten
Für uns in Deutschland gilt: Wir sind zwar fernab der Einschlagszone, aber mitten im wirtschaftlichen Fadenkreuz. Darauf habe ich ein Auge:
- Der Ölpreis: Achten Sie nicht nur auf die Schlagzeilen. Beobachten Sie die Volatilität. Sollte der Preis für Brent Rohöl über 100 Dollar steigen und dort bleiben, wissen Sie: Die Märkte rechnen mit einer unmittelbaren Schließung von Hormus.
- Der „geheime Draht“: Halten Sie die Ohren nach Gerüchten über Gespräche offen. Im Roman Capture or Kill liegt die Hoffnung in der inoffiziellen Verbindung zwischen Ashani und der CIA. In der Realität gilt: Wenn die offiziellen Türen geschlossen sind, werden die Hinterkanäle geöffnet. Wenn dort Funkstille herrscht, sitzen wir in der Falle.
- Die regionalen Verbündeten: Die arabischen Golfstaaten fürchten einen Flächenbrand. Sie werden Druck auf Washington ausüben, die Lage zu deeskalieren, haben aber auch eigene Verteidigungsabkommen zu bedenken. Ein Wandel in ihrer Rhetorik würde uns viel verraten.
Wir standen schon einmal am Abgrund. Aber dieses Mal fühlt es sich anders an. Vielleicht liegt es daran, dass das diplomatische Regelwerk – das Eizenstat so akribisch dokumentiert hat – verbrannt wurde. Wenn die Sicherheitsnetze entfernt sind, ist der Fall immer härter. Hoffen wir einfach, dass die kühleren Köpfe in Teheran und Washington sich daran erinnern, bevor jemand beschließt zu testen, wie „vollständig“ die Schließung der Straße von Hormus wirklich sein kann.