POFMA Singapur: Erste Strafanzeige nach TikTok-Videos mit hetzerischem Inhalt
Ein 34-jähriger Mann muss sich diese Woche vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, auf TikTok Videos gepostet zu haben, die angeblich Feindseligkeit zwischen ethnischen Gruppen schüren und falsche Behauptungen über die Regierung aufstellen – eine Anklage nach dem Protection from Online Falsehoods and Manipulation Act (POFMA), dem singapurischen Gesetz zum Schutz vor Online-Falschinformationen und Manipulation. Dies ist die erste strafrechtliche Verfolgung seit Inkrafttreten des Gesetzes im Jahr 2019 und eine deutliche Verschärfung gegenüber den Dutzenden von Berichtigungsanordnungen, die bisher ausgesprochen wurden.
Jahrelang wurde POFMA hauptsächlich genutzt, um Politikern, Aktivisten und Medien Berichtigungsauflagen zu erteilen. Doch dieser neue Fall zeigt eine härtere Gangart: Die Staatsanwaltschaft ist nun bereit, Anklagen zu erheben, die Geld- und sogar Haftstrafen nach sich ziehen können. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, Inhalte verbreitet zu haben, die die Grenze von der Falschinformation zur aktiven Provokation überschritten und sich gegen den ethnischen Frieden richteten – einen der sensibelsten Punkte in Singapur.
Von der Berichtigungsanordnung zum Strafverfahren
Als POFMA verabschiedet wurde, betonte die Regierung, es sei ein Skalpell, kein Vorschlaghammer – entwickelt, um Falschinformationen schnell zu korrigieren, ohne die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Dies bedeutete meist, dass Berichtigungsanordnungen (POFMA Correction Directions) das Mittel der Wahl waren. Diese verpflichten den Verfasser, neben seinem ursprünglichen Beitrag einen Hinweis mit einem Link zur offiziellen, von der Regierung geprüften Version zu veröffentlichen.
Während der Parlamentswahl #GE2020 wurde POFMA zu einem Begriff, der in aller Munde war. Fast täglich erhielten Kandidaten beider Seiten Berichtigungsanordnungen. Eine der prominentesten Betroffenen war Hazel Poa von der Progress Singapore Party, die aufgefordert wurde, Aussagen über die Arbeitskräfte zu korrigieren. Kritiker spotteten über "die POFMA-Wahl" und wiesen darauf hin, dass die Flut von Anordnungen es den Wählern erschwere, zwischen Desinformation und Substanz zu unterscheiden. Und doch gab es, trotz alledem, so etwas wie "junge Hoffnungsschimmer" – jüngere Wähler, die sich trotz des Wirrwarrs der Berichtigungen intensiv mit den Themen auseinandersetzten.
Die Debatte: Schutz oder Knebel?
Nicht alle glauben an die Darstellung der Regierung. Der Historiker PJ Thum analysierte in Folge 8 seines Podcasts "The Show with PJ Thum", wie POFMA missbraucht werden könnte. Die Episode mit dem Titel "Wie schlechte Gesetze in Singapur entstehen und missbraucht werden (Eine POFMA-Fallstudie)" argumentiert, dass die vagen Definitionen des Gesetzes und der Mangel an richterlicher Kontrolle es der Regierung ermöglichen, Dissidenten unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Falschinformationen zu bestrafen. Thum verweist auf Fälle, in denen Berichtigungsanordnungen für Meinungen und nicht für Tatsachenbehauptungen ausgesprochen wurden – ein besorgniserregender Trend, so Thum.
Thums Ansicht repräsentiert zwar eine Minderheit – die meisten Singapurer vertrauen darauf, dass die Behörden POFMA verantwortungsvoll einsetzen –, doch die neue Strafanzeige wird die Debatte unweigerlich neu entfachen. Ist dieser TikTok-Nutzer eine echte Bedrohung für den sozialen Frieden, oder zeigt der Staat seine Muskeln, um die Meinungsfreiheit einzuschüchtern?
Die wichtigsten POFMA-Fälle bisher
Um zu verstehen, wohin die Reise geht, hilft ein Blick zurück auf die Anwendung von POFMA:
- 2019: Der Fall "Breakfast Grill" – Die erste Berichtigungsanordnung gegen einen Blogger wegen falscher Behauptungen über eine polizeiliche Ermittlung.
- 2020: Der GE2020-Blitz – Über zehn Berichtigungsanordnungen während des Wahlkampfes, unter anderem gegen Oppositionsparteien und sogar gegen prominente internationale Medien.
- 2021: Hazel Poas mehrfache Anordnungen – Sie erhielt mehrere Anordnungen für Beiträge über ausländische Arbeitnehmer und Wirtschaftsdaten.
- 2023: Online-Nachrichtenportale – Seiten wie ein unabhängiges Online-Nachrichtenportal wurden wiederholt mit Berichtigungsanordnungen belegt, bevor sie geschlossen wurden.
Beachten Sie: All dies waren zivilrechtliche Mittel – niemand musste vor Gericht. Bis jetzt.
Was das für die Zukunft bedeutet
Die Verschiebung hin zu strafrechtlichen Anklagen verändert die Lage. Bei einer Verurteilung nach POFMA drohen Einzelpersonen Geldstrafen von bis zu 50.000 Singapur-Dollar und Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Gegen böswillige Akteure, die vorsätzlich Falschinformationen verbreiten, die den ethnischen oder religiösen Frieden gefährden, hat der Staat nun ein scharfes Schwert. Aber wie bei jeder wirksamen Waffe ist die Frage der Zurückhaltung entscheidend.
Dieser TikTok-Fall wird von Anwälten, Aktivisten und Journalisten genau beobachtet werden. Falls das Gericht den Angeklagten für schuldig befindet, schafft dies einen Präzedenzfall, dass Online-Inhalteersteller – selbst solche mit wenigen Followern – strafrechtlich belangt werden können. Falls die Verteidigung jedoch Lücken in der Anwendung von POFMA aufzeigt, könnte dies zu einem Umdenken führen, wie aggressiv das Gesetz eingesetzt wird.
Eines ist sicher: Bei POFMA geht es nicht mehr nur um das Anhängen einer Berichtigungsnote. Es geht jetzt um Handschellen und Gerichtssäle. Und in einem hypervernetzten Stadtstaat, in dem jeder ein Verleger ist, ist das eine Geschichte, die man im Auge behalten sollte.