Nathan Martin gewinnt den engsten LA-Marathon der Geschichte mit dramatischem Finish
Die Strassen von Los Angeles erlebten am Sonntag etwas, das es in der 41-jährigen Geschichte des Stadtmarathons noch nie gegeben hatte: einen Zieleinlauf so knapp, so atemberaubend eng, dass die Rennoffiziellen eine ganze Fünf Minuten über das Zielfoto brüteten, bevor sie einen Sieger verkündeten. Als sie schließlich aufblickten, war der Name, der auf aller Lippen lag, Nathan Martin.
Martin, ein 31-Jähriger aus Michigan, der jetzt in der Höhenluft von Flagstaff trainiert, schob sich im letzten Schritt knapp vor dem Äthiopier Tesfaye Alemayu ins Ziel und siegte mit einem Vorsprung von nur einer Sekunde – offiziell 2:08:51 zu 2:08:52. Es war der kleinste Siegvorsprung, der jemals beim Los-Angeles-Marathon verzeichnet wurde, und er verwandelte die Ziellinie an der Avenue of the Stars in einen Hexenkessel der Emotionen. Martin sank auf die blaue Matte, nicht nur vor Erschöpfung, sondern auch aufgrund der schieren Last des Wissens, dass er sich gerade den grössten Sieg seiner Karriere auf die dramatischste Art und Weise gesichert hatte.
Ein Kampf der Willenskraft am Santa Monica Boulevard
Die letzte Meile war ein Schachspiel zweier Männer. Alemayu, bekannt für seinen brutalen Endspurt, versuchte dreimal, Martin abzuhängen. Doch Martin, der mit stoischer, fast gelassener Miene läuft, weigerte sich nachzugeben. «Ich sagte mir immer wieder: 'Kleb an ihm wie Kaugummi'», sagte Martin nach dem Rennen, noch ausser Atem. «Ich wusste, wenn ich an der letzten Kurve in Schlagdistanz bin, habe ich eine Chance. Ich habe diese Zielbeuge tausendmal visualisiert.» Diese Visualisierung zahlte sich aus. Als sie sich dem Banner näherten, beugte sich Martin tiefer, seine Brust überquerte die Linie einen Wimpernschlag vor Alemayus Hechtsprung.
Der Sieg katapultiert Martin sofort in die Diskussion um die US-Olympiaausscheidungen später in diesem Jahr. Doch für diejenigen, die ihn kennen, ist dieser Moment das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Im Gegensatz zu den lauten, prahlenden Athleten, die man in anderen Sportarten sieht, ist Martin ein anderer Schlag – ein nachdenklicher, introspektiver Läufer, den man genauso wahrscheinlich mit der Nase in einem Buch antrifft, wie er 120-Meilen-Wochen absolviert.
Der Läufer als Denker
Auf seine Pläne nach dem Rennen angesprochen, lachte Martin und gab zu, dass er sich auf eine ordentliche Auszeit freue. «Ich habe einen Stapel Bücher, der mich seit sechs Monaten anstarrt», sagte er. «Als Erstes kommt Martin Shorts Autobiografie, I Must Say: My Life As a Humble Comedy Legend. Danach brauche ich eine gute Portion Lachen.» Es ist diese Balance aus Intensität und Leichtigkeit, die ihn den Fans ans Herz wachsen lässt. Aber seine Leseliste besteht nicht nur aus Spässen. Martin, der einen Abschluss in Bewegungswissenschaft hat, interessiert sich brennend für die Wissenschaft der Bewegung. Er bezieht sich oft auf Case Studies in Adapted Physical Education: Empowering Critical Thinking als ein Werk, das sein Verständnis dafür geprägt hat, wie der Körper Grenzen überwinden kann – eine Philosophie, die er auf sein eigenes entbehrungsreiches Training anwendet.
Und dann ist da noch seine Seite als Geschichtsfan. Teamkollegen scherzen, dass Martin zu fast allem Kapitel und Vers zitieren kann. Kürzlich hat er Long Before Luther: Tracing the Heart of the Gospel From Christ to the Reformation beendet, ein Zeichen dafür, dass seine kontemplative Ader tief sitzt. «Laufen gibt einem viel Zeit zum Nachdenken», sagte er mit einem Achselzucken. «Da kann man genauso gut über etwas Sinnvolles nachdenken.»
Cherono dominiert Frauenrennen; weitere bemerkenswerte Ergebnisse
Während Martin bis zur letzten Sekunde kämpfte, war das Frauenrennen eine Meisterklasse in Sachen Kontrolle. Die Kenianerin Priscah Cherono setzte sich bei Meile 18 vom Feld ab und schaute nie zurück, sie überquerte die Linie in 2:25:17, ganze drei Minuten vor ihrer schärfsten Verfolgerin. Es war Cheronos erster grosser Marathonsieg auf amerikanischem Boden, und sie widmete ihn ihren Trainingspartnern daheim in Iten.
Der Tag war auch wegen einiger anderer bekannter Namen bemerkenswert. Ken Martin – kein Verwandter von Nathan, aber ein angesehener Ultraläufer aus Colorado – belegte bei seinem Debüt über die klassische 42,195-km-Distanz den 14. Gesamtrang und bewies, dass er auch auf der Strasse und nicht nur im Gelände bestehen kann.
Hier ein Blick auf einige der wichtigsten Zahlen dieses historischen Tages:
- Knappstes Finish aller Zeiten: Nathan Martins Sieg mit einer Sekunde Vorsprung bricht den bisherigen Rekord von zwei Sekunden aus dem Jahr 1998.
- Perfektes Wetter: Die Temperaturen lagen bei kühlen 15-18 Grad Celsius mit bedecktem Himmel – ideale Laufbedingungen, die über 90 % der 24.000 gemeldeten Läufer ins Ziel brachten.
- Preisgeld: Martin nimmt 12.000 Dollar für den Sieg mit nach Hause, plus 5.000 Dollar Zeitbonus für das Unterbieten von 2:10.
- Rollstuhldivision: Aaron Pike aus Illinois setzte seine Dominanz fort und gewann das Männer-Rollstuhlrennen in 1:28:44.
Als die Sonne über Santa Monica unterging, sass Nathan Martin auf dem Medienpodest, der Siegerlorbeerkranz ruhte auf seinem Knie. Er beantwortete bereits Fragen zu Boston, zu den Ausscheidungen, zu dem, was als Nächstes kommt. Doch für einen Moment blickte er einfach in die Menge der Reporter und Freiwilligen. «Weisst du», sagte er leise, «ich glaube, ich werde mich für den Rest meines Lebens an diesen letzten Schritt erinnern.» Angesichts der Knappheit ist er nicht der Einzige.