Brighton vs Nottm Forest: Ein Amex-Krimi zwischen Altersklasse und Abstiegsangst
Das American Express Community Stadium hat in dieser Saison schon einiges an Dramatik erlebt, aber die erste Viertelstunde dieses Spiels war nochmal eine ganz andere Hausnummer. Für die neutralen Fans – und ich stelle mir vor, auch für so manchen nervösen Kiwi, der früh mit seinem Kaffee aufgestanden ist – lieferte das Duell Brighton vs. Nottm Forest einen hektischen, hochklassigen Schlagabtausch, der den Ton für den gesamten Nachmittag angab. Als sich der Staub über diese chaotischen ersten 15 Minuten gelegt hatte, hatten wir bereits zwei Anwärter auf das Tor des Monats gesehen und ein defensives Horrorszenario, das eine Mannschaft direkt in den Abgrund der Abstiegszone blicken liess.
Die schnellsten 15 Minuten des Fussballs
So eine Abfolge von Toren sieht man wirklich nicht jede Woche. Brighton eröffnete den Torreigen bereits nach sechs Minuten. James Milner, der die Fäden zieht, als wäre er immer noch 25, half dabei, Forests Abwehr zu knacken. Diego Gomez zog von rechts nach innen und liess eine Halbvolley ab, der aus so spitzem Winkel kam, dass er eher wie eine Flanke aussah. Doch der Ball schoss Murillo durch die Beine und an dem bewegungslosen Matz Sels vorbei. Ein Treffer, bei dem man die Zeitlupe bemühen muss.
Forest steckte das aber bemerkenswerterweise weg. Sieben Minuten später folgte die Antwort – und die war genauso spektakulär. Morgan Gibbs-White, ihr Captain und Unterschiedsspieler, nahm den Ball 25 Meter vor dem Tor auf. Ein kurzer Halt zum Ausrichten, dann liess er eine Rakete los, die Bart Verbruggen am ausgestreckten Arm vorbei genau im Kreuzeck einschlug. Ein Tor, das jedes Spiel entscheiden kann, geschweige denn, sein Team zurück ins Spiel bringt. Doch das Hin und Her war noch nicht vorbei. Kaum zwei Minuten waren vergangen. Eine geschlungene Flanke von Kaoru Mitoma sorgte für Chaos. Jack Hinshelwood stieg hoch und köpfte den Ball quer, und da stand Danny Welbeck. Der 35-Jährige nahm den Ball mit einer Ruhe an, drehte sich und schob ihn an Sels vorbei. Innert eines Augenblicks stand es 2:1.
Der ewige Welbeck und ein taktischer Wechsel
Dieses zweite Tor war nicht nur eine Momentaufnahme der Opportunismus, es war ein Beweis für die Renaissance von Danny Welbeck. Der Mann hat nun in zwei aufeinanderfolgenden Saisons jeweils 10 Premier-League-Tore erzielt. Zur Einordnung: In seinen vorherigen 16 Spielzeiten im Oberhaus schaffte er nie die zweistellige Marke. Er gehört nun einem exklusiven Club von Spielern ab 33 Jahren an, denen das gelang – zusammen mit Grössen wie Jamie Vardy.
In der zweiten Halbzeit änderte das Spiel sein Gesicht. Forests Coach Vitor Pereira stellte auf eine Dreierkette um, stabilisierte so das Mittelfeld und versuchte, das Trio um Gomez, Mitoma und Welbeck in den Griff zu bekommen, das sie in Hälfte eins gepeinigt hatte. Das funktionierte – bis zu einem gewissen Grad. Brighton kam nicht mehr so leicht durch, aber Forest hingegen brachte Verbruggen kaum in Verlegenheit. Gibbs-White scheiterte mit einem Kopfball, und der eingewechselte Taiwo Awoniyi köpfte eine gute Chance daneben. Brighton brachte die Partie professionell über die Zeit. Für Forest aber warf die zweite Hälfte eine entscheidende Frage auf: Warum konnten sie nicht von Beginn an so defensiv stabil stehen?
Die Abrechnung wartet am City Ground
Diese Niederlage stürzt Nottingham Forest in grosse Not. Sie liegen nur zwei Punkte über dem Strich, in einem Dreikampf mit West Ham und Tottenham – beide haben ebenfalls am Wochenende verloren. Der Begriff "Sechs-Punkte-Spiel" wird oft überstrapaziert, aber das anstehende Duell gegen Spurs ist genau das. Verlieren sie das, könnte der Abstand dahin sein.
Was Forests Misere besonders brisant – und für ihre Fans erschreckend – macht, ist das zweischneidige Schwert ihrer Saison. Sie sind immer noch im Europacup dabei. Besitzer Evangelos Marinakis giert nach dieser europäischen Trophäe, aber der Kader wirkt komplett am Ende. Aus der Forest-Kabine war nach dem Spiel zu hören, dass den Jungs schlicht die Körner fehlten, um so zu pressen, wie der Trainer es wollte. Sie liefen auf dem Zahnfleisch. Ihm steht eine monumentale Entscheidung bevor, eine dieser Alles-oder-Nichts-Wetten, die eine Trainerkarriere definieren:
- All-in auf Europa: Schlüsselspieler wie Gibbs-White und Murillo in der Liga schonen, um sie für den Kontinent fit zu halten. Das birgt das Risiko des Absturzes in die Championship.
- Priorität Premier-League-Klassenerhalt: Woche für Woche die beste Elf aufbieten, um Punkte zu kratzen. Das riskiert ein schwaches Europa-League-Aus und trotzdem den Abstieg.
- Kampf an zwei Fronten: Die Spieler bis zum Umfallen zu schinden und auf ein Wunder zu hoffen. Das scheint nach den letzten Auftritten die unwahrscheinlichste Option.
Am City Ground nennt man dieses Spiel bereits eine 'verpasste Chance' – und man liegt damit richtig. Mit Manchester City als nächstem Gegner, dann Fulham und schliesslich dem Showdown gegen Tottenham, ist der Fehlerquotient bei null.
Brightons Aktien steigen
In Brighton könnten die Gefühle kaum anders sein. Es war der erste Liga-Zweiersieg seit November und er hat endgültig alle leisen Ängste vor einem Sog nach unten beseitigt. Mit 37 Punkten thront man nun komfortabel im Mittelfeld.
Fabian Hürzeler gebührt Anerkennung für die Beruhigung des Schiffs. Nach den Pfiffen nach der Niederlage gegen Crystal Palace im Amex hat er eine ruhige, professionelle Antwort seiner Mannschaft eingeleitet. Das System funktioniert. James Milner, bei seinem rekordverdächtigen 655. Einsatz, zieht die Fäden. Welbeck trotzt Vater Zeit. Und Spieler wie Gomez – nun der dritte Paraguayer mit fünf oder mehr Toren in einer Premier-League-Saison – entpuppen sich als wahre Schnäppchen.
Aus geschäftlicher Perspektive ist das genau die Stabilität, die Brighton braucht. Ein ruhiges Mittelfeld ermöglicht es, das eigene Spielermodell weiterzuverfolgen, ohne dass die Panik eines Abstiegskampfs die Werte schmälert. Allein Welbecks Form dürfte seinen (zugegebenermassen sinkenden) Marktwert noch ein paar Millionen steigern, aber viel wichtiger: Es hält Spieler wie Mitoma und Gomez in einem erfolgreichen Umfeld. Das ist unbezahlbar für einen Klub ihrer Grössenordnung.
Betrachtet man das Gesamtbild, ging es in diesem Nottm Forest vs. Brighton-Duell von Anfang an darum, wer besser mit dem Druck umgeht. Brighton bestand den Test mit der Abgeklärtheit seiner Routiniers. Forest wirkte wie ein Team mit angezogener Handbremse, das sie erst löste, als sie bereits hinten lagen. Während die Premier League in ihre entscheidende Phase geht, blickt der eine Klub voller Zuversicht auf den Spielplan. Der andere betet um ein Wunder.