Jeremy Bowen: Berichte vom neuen Schlachtfeld im Nahen Osten nach dem Angriff auf den Iran
Es gibt Momente, in denen der Nebel des Krieges so dicht ist, dass man einen Führer braucht, der nicht nur das Terrain kennt, sondern auch die Narben hat, die beweisen, dass er schon einmal dort war. Genau jetzt, während die Welt die erschütternden Ereignisse der letzten 72 Stunden verdaut – den präventiven US-israelischen Angriff auf den Iran, die Bestätigung des Todes von Ali Chamenei und den anschließenden Raketenbeschuss durch die Hisbollah – ist dieser Führer Jeremy Bowen. Der Nahostredakteur der BBC ist seit fast vier Jahrzehnten immer dorthin gegangen, wo die Schüsse fallen, und seine Analyse ist in diesem Moment unverzichtbar.
Der Blick aus den Trümmern
Ich verfolge gespannt die Berichte aus der Region, und was mir auffällt, ist das schiere historische Gewicht dieses Moments. Wir reden nicht mehr über Stellvertreterkriege oder Schattenkonflikte. Das ist der absolute Ernstfall. Wie meine Kontakte vor Ort bestätigen, haben die Vergeltungsmaßnahmen bereits begonnen, die zivile Infrastruktur zu beeinträchtigen und Krankenhäuser und Schulen zu treffen, was unweigerlich zum nächsten Brennpunkt im Informationskrieg werden wird. Jeremy Bowen war schon oft in solchen Situationen. Er war während der Belagerung in Sarajevo; er war in Bagdad, als die Bomben fielen. Er versteht, dass das erste Opfer im Krieg oft die Wahrheit ist, und deshalb ist sein Beharren darauf, Augenzeuge zu sein, jetzt wichtiger denn je.
Die Last, Augenzeuge zu sein
Es ist leicht zu vergessen, welche Belastung das für einen Menschen bedeutet. Wir sitzen in unseren Wohnzimmern in Wien oder Salzburg, sehen die roten Punkte auf einer Landkarte erscheinen und trinken unseren Kaffee. Jeremy Bowen ist derjenige, der im Rauch steht. Er hat offen über den Preis dieses Berufs gesprochen. Er hat zugegeben, an Depressionen zu leiden und Symptome einer PTBS zu zeigen – eine Folge davon, wie er seinen Fahrer durch Mörserbeschuss sterben sah und all die anderen unzähligen Schrecken, die er dokumentiert hat. Das ist kein distanzierter Akademiker, der Phrasen wiederholt; das ist ein Mann, der während eines Einsatzes im Irak "komische Schmerzen" in den Beinen und im Rücken verspürte, die sich als Darmkrebs im dritten Stadium herausstellten. Er hat das überlebt, so wie er die Bomben überlebt hat. Wenn er uns sagt, dass sich die Lage im Nahen Osten seit dem 7. Oktober "enorm verschärft" hat, ist das nicht nur eine Redewendung. Es ist eine Diagnose von einem Arzt des Krieges.
Die Kunst der Erklärung in einer Welt im Brand
Was Bowen von der Masse abhebt, ist seine Fähigkeit, das auszuüben, was ich gerne die "Kunst der Erklärung" nenne. In einer Ära von Schnellschüssen und Social-Media-Geschrei praktiziert er ein Handwerk, das im Aussterben begriffen ist: den kontextuellen Journalismus. Er sagt nicht nur, was passiert ist; er erklärt, warum es passiert ist und warum es uns etwas angehen sollte. Er sagte einmal: "Wenn du nicht versuchst, die Wahrheit zu sagen, was ist dann der Sinn?" Das klingt einfach, ist aber radikal.
Diese Fähigkeit ist genau der Grund, warum seine früheren Arbeiten so relevant bleiben. Denken Sie nur an sein exklusives Interview mit Präsident Assad. In diesem Gespräch hat Bowen den syrischen Führer nicht nur zur Rede gestellt; er hat der westlichen Öffentlichkeit die Weltanschauung des Regimes offengelegt. Er benutzt die Geschichte als sein wichtigstes Werkzeug. Er erinnert uns daran, dass die Ermordung Jitzchak Rabins ein Punkt ohne Wiederkehr war, dass der Irakkrieg die regionale Ordnung zerschlagen hat und dass die Idee, das Palästinenserproblem mit Geld zu lösen – der "Jahrhundertdeal" – immer eine Fantasie war, ersonnen von Männern, die dachten, internationale Beziehungen seien dasselbe wie der New Yorker Immobilienmarkt.
Wenn die Maschine stillsteht
Es ist eine bizarre Ironie, dass dieser Titan der Auslandskorrespondenz einmal versucht hat zu kündigen. Im Jahr 2000 war er einer der ersten Moderatoren von BBC Breakfast. Zwei Jahre lang stand er um 3:30 Uhr morgens auf, und das machte ihn buchstäblich krank. Er entwickelte unerklärliche Magenschmerzen, die verschwanden, sobald er das Studio verließ, um wieder in Kriegsgebiete zu gehen. Ein Kritiker sagte sogar, er sehe aus wie "ein abgelenkter Dachs, der ein Ohrstück gefressen hat". Es beweist einen wichtigen Punkt: Manche Leute sind fürs Studio gemacht, und andere fürs Feld. Jeremy Bowen ist ein Feldkommandant. Er gehört dorthin, wo die Geschichte roh und ungeschnitten ist.
Die neue Normalität meistern
Wenn wir uns die aktuelle Krise ansehen, sind mehrere Dinge klar. Die sogenannte "Achse des Widerstands" reagiert, aber sie ist zersplittert. Die Hisbollah hat als Reaktion auf Chameneis Tod Raketen abgefeuert, obwohl die libanesische Regierung sie anflehte, das Land nicht in einen weiteren Krieg zu stürzen. Die Huthis beobachten die Lage. Der Iran hat Rache geschworen.
In diesem Chaos lehren uns Jeremy Bowens Jahrzehnte an vorderster Front, was als nächstes passieren könnte:
- Das Informationsschlachtfeld ist die neue Frontlinie. Bowen lernte dies 2009, als er für Äußerungen über den Zionismus offiziell gerügt wurde, und erneut, als er seine eigene Erstberichterstattung über die Explosion im Al-Ahli-Krankenhaus in Gaza korrigierte. Er weiß, dass Lügen schneller reisen als Truppen, und dass es seine Aufgabe ist, sie auszubremsen.
- Der Feind meines Feindes ist nicht mein Freund. Die "Achse" wird durch den gemeinsamen Gegensatz zu den USA und Israel zusammengehalten, nicht durch einen kohärenten Friedensplan. Die Tötung Chameneis schafft ein Machtvakuum im Iran, das zu internem Chaos führen wird, bevor es zu äußerer Einheit kommt.
- Objektivität ist nicht Neutralität. Bowen wurde als Verräter bezeichnet, weil er über zivile Opfer berichtete, und als Antisemit, weil er die israelische Regierung kritisierte. Er lehnt beide Etiketten ab. Er versteht, dass Unparteilichkeit bedeutet, den Fakten zu folgen, selbst – und besonders – wenn sie einem unangenehm sind.
Hier gibt es auch eine praktische Lektion für Wirtschaft und Geopolitik. Wie das Raunen in den Finanzkorridoren andeutet, ist dies nicht nur eine humanitäre Krise; es ist ein systemischer globaler Wirtschaftsschock. Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr für 20 % des weltweiten Öls. Jeder Raketenschuss sendet eine Schockwelle bis zu den Pensionsfonds und den Produktionskosten in der Steiermark oder Oberösterreich. Das Risiko zu verstehen, ist nicht nur etwas für Diplomaten; es ist für jeden, der auf seine Bilanz schaut.
Behalten Sie also Jeremy Bowen im Auge. Beobachten Sie, wie er die Geschichte einordnet. Lesen Sie, wie er die Verbindungen herstellt zwischen der Bombardierung eines Krankenhauses in Gaza und der Artilleriegranate, die vor Jahrzehnten seinen Fixer im Libanon tötete. Er ist die ruhige Hand in einer sich drehenden Welt. Er scherzte einmal, dass er seinen Emmy im Klo aufbewahrt, weil der Hund sich dafür interessiert. Aber sein Vermächtnis ist weitaus wichtiger als jede Trophäe. Es ist eine Meisterklasse darin, Zeugnis abzulegen. Und gerade jetzt, wo der Nahe Osten am Rande eines Abgrunds steht, war das Ablegen von Zeugnis nie wichtiger.