NIS-Personalrochade ohne große Säuberungswelle? Die Botschaft von Professor Ho-chul Sohn
Eines der derzeit heißesten Eisen in und um die politische Landschaft Südkoreas ist zweifellos die Vorgangsweise des Nationalen Geheimdienstes (NIS). Besonders groß ist das Interesse daran, wie der NIS seit den Ereignissen rund um das verhängte Kriegsrecht vom 3. Dezember des Vorjahres intern aufräumt und wie es um die Zukunft zahlreicher NIS-Führungskräfte bestellt ist. Nachdem bereits im August und November letzten Jahres die Personalrochaden für Führungspositionen der Stufen 1 bis 4 geräuschlos über die Bühne gingen, gibt es nun verschiedene Interpretationen über den Charakter dieser Entscheidungen.
Das Ende des Teufelskreises der 'Bereinigung'? Die erste Bewährungsprobe für Jong-seok Leos Pragmatismus
In der Vergangenheit war der NIS bei jedem Regierungswechsel ein Ort, an dem eiskalte Winde wehten – begleitet vom Odium der 'blutigen Säuberung'. War eine neue Regierung im Amt, wurden alle Führungskräfte der Stufe 1 auf einen Schlag freigestellt und die Posten der Reihe nach neu besetzt – das hatte sich beinahe als eine Art Usus verfestigt. Doch die erste Personalrunde beim NIS unter der neuen Regierung von Präsident Jae-myung Lee verlief anders. Bei der Vorstellung von etwa 20 Führungskräften der Stufe 1 im August letzten Jahres wurde ein beträchtlicher Teil der unter der Vorgängerregierung von Yoon Suk-yeol ernannten Personen in ihren Positionen belassen.
Dies ist laut übereinstimmenden Meinungen das Ergebnis der von NIS-Direktor Jong-seok Lee in seiner Anhörung versprochenen Linie: 'Verbot politischer Vergeltung' und 'Betonung von Professionalität'. Bisher war es beim NIS gang und gäbe, dass angesammeltes Know-how immer wieder verloren ging, weil man stets auf die Befindlichkeiten der jeweiligen Regierung Rücksicht nehmen musste. Bei dieser Personalrunde hingegen schien man Wert auf Kontinuität zu legen und unter dem Rahmen des 'Pragmatismus' den Schwerpunkt auf die Stabilisierung der Organisation zu setzen. Tatsächlich war intern im NIS offen zu hören: "Wenn man fähig ist, wird man nicht allein deshalb aussortiert, weil man aus der vorherigen Regierung stammt."
Und wie wurde das Kriegsrecht vom 3. Dezember aufgearbeitet?
Ganz ausgeräumt sind die Fragen freilich noch nicht. Das größte Fragezeichen betrifft die interne Aufarbeitung der Verwicklungen des NIS in die Kriegsrechtsaffäre. Internen Quellen zufolge hat der NIS unmittelbar nach Amtsantritt von Direktor Lee Ermittlungen gegen Mitarbeiter wegen einer möglichen Beteiligung am Kriegsrecht eingeleitet und die Ergebnisse in diese Personalentscheidungen einfließen lassen. Man habe diesen Punkt im Zuge der üblichen Überprüfungen betrachtet, die ein neuer Direktor üblicherweise durchführt.
Anders ausgedrückt: Die beiden bereits im August und November des Vorjahres durchgeführten Personalrunden dienten nicht nur einem einfachen Positionswechsel, sondern fungierten auch als eine Art Reinigungsprozess, um das politische Risiko einer 'Verstrickung in das Kriegsrecht' zu beseitigen. Laut einem hochrangigen Regierungsvertreter gab es innerhalb der Geheimdienstkreise umfangreiche Diskussionen zu diesen Personalien, und man habe sich darauf verständigt, die Informationssammlungssysteme für ähnliche künftige Fälle neu aufzustellen.
Der Blick von Ho-chul Sohn auf den NIS von heute
Eine Schlüsselfigur in diesem Zusammenhang ist Professor Ho-chul Sohn, emeritierter Professor der Sogang Universität. Der weithin bekannte Politikwissenschaftler mit progressiver Ausrichtung verbindet nämlich eine recht tiefgehende Beziehung mit dem NIS. Während der Regierungszeit von Roh Moo-hyun, als der NIS eine Wahrheitsfindungskommission zur Aufarbeitung der Vergangenheit (die sogenannte 'Vergangenheitskommission') einsetzte, wirkte er als Vertreter der akademischen Welt direkt an den Untersuchungen mit. Besonders die Untersuchung, an der er beteiligt war, betraf die Aufdeckung der Wahrheit hinter dem unter der Park Chung-hee-Regierung konstruierten Fall der 'Vereinigung zur Wiederherstellung der Volksrevolutionären Partei' (auch bekannt als 'Inhyǒktang-Fall'), eine äußerst bedeutsame Aufgabe. Er bezeichnete diesen Fall seinerzeit als "den beschämendsten Vorfall in der Justizgeschichte unseres Landes" und trug aktiv zur Aufklärung bei.
Zudem lieferte er Anfang der 2000er Jahre eine nüchterne Analyse der 'Linken-Kontroverse', die aufgrund des vermehrten Einzugs ehemaliger Aktivisten in die Nationalversammlung entbrannte. Professor Sohn vertrat damals klar seine Überzeugung: "Der Einzug ehemaliger Aktivisten ins Parlament ist kein Phänomen von heute oder gestern, und nicht alle von ihnen sind links. Wenn sie einen Reformblock bilden und an Prinzipien festhalten, ist das kein Grund zur Besorgnis." Diese Vergangenheit belegt, dass er kein reiner Theoretiker ist, sondern ein Gelehrter, der wie ein 'lebendiges Zeugnis' die Praxis und die Geschichte durchdringt.
Was würde er wohl sagen, wenn er den heutigen NIS betrachten könnte? Vermutlich etwa Folgendes:
- Erstens: Es ist das Wichtigste, einen Missbrauch staatlicher Gewalt, wie damals im Fall der 'Volksrevolutionären Partei' (Inhyǒktang), nicht zu wiederholen. Niemand weiß besser als er, dass die politische Neutralität der Organisation ihre Lebensader ist.
- Zweitens: Er würde wohl raten, dass der in den Personalien sichtbare 'Pragmatismus' nicht nur dem Abbau von Personalüberhängen dienen darf, sondern auf dem Boden der 'Professionalität' erblühen muss. Das bedeutet, dass die 'Prinzipien und Reinheit', die er vor über 20 Jahren forderte, zum Kernwert der NIS-Führung werden sollten.
- Drittens: In der Nordkorea-Politik würde er wahrscheinlich eine 'prinzipienfeste Annäherung' betonen. Schließlich hat er in der Vergangenheit stets die Sonnenscheinpolitik unterstützt, aber auch eine klare Position vertreten, dass Fehlverhalten Nordkoreas konsequent begegnet werden müsse.
Wohin muss der Weg des NIS nun führen?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der derzeitige NIS die alte Untugend der 'Kahlschlag-Personalpolitik' abgelegt und unter dem Banner des Pragmatismus seine erste Reise auf einem neuen Kurs angetreten hat. Die Entscheidung von Direktor Jong-seok Lee, selbst unter dem denkbar ungünstigen Umstand des Kriegsrechts die Stabilisierung der Organisation zur obersten Priorität zu machen, scheint zumindest intern beim NIS auf beträchtliches Vertrauen zu stoßen.
Natürlich gibt es noch viele Hürden zu überwinden. Ob diese Linie auch bei den anstehenden Personalentscheidungen für die Stufen 2 und 3 fortgesetzt wird, ob die Nordkorea-Informationssammlung wieder so gut funktionieren wird wie früher und – am wichtigsten – ob der Wert der 'politischen Neutralität' gewahrt werden kann, das sind die entscheidenden Punkte für die Zukunft. Es ist der Grund, warum man auf die scharfsinnigen Fragen von Gelehrten wie Professor Ho-chul Sohn hören sollte – ob der Nationale Geheimdienst Südkoreas (NIS) sich wirklich zu einer echten Gemeinschaft von Sicherheitsexperten wandeln kann.