Braunschlag, Slumming und die große Nostalgie: Warum uns das Elend der anderen plötzlich glücklich macht
Kennt's ihr das? Dieses Gefühl, wenn man abends durch die Wiener Innenstadt schlendert, an den schicken Lokalen vorbei, und plötzlich denkt man sich: Eigentlich war früher wirklich alles besser? Kein Wunder, dass momentan alle über Braunschlag reden. Nicht nur, weil die Leute in diesem fiktiven Kaff an der tschechischen Grenze noch echte Probleme haben – wie einen angeblichen Millionenfund oder einen Bischof, der mit dem Motorrad durch die Gegend kurvt –, sondern weil dieser Ort plötzlich überall zu sein scheint.
In einer der letzten Ausgaben einer beliebten österreichischen Late-Night-Show, die bekanntlich immer dienstagabends für die nötige Portion schwarzen Humor sorgt, war das Thema natürlich omnipräsent. Die beiden Moderatoren haben sich mal wieder kein Blatt vor den Mund genommen und genau das aufgegriffen, was uns alle umtreibt: Diese seltsame Faszination für das „Slumming“. Früher ist man am Wochenende mal nach Braunschlag gefahren, um zu sehen, wie die "Hinterwäldler" so leben. Heute macht man das Gleiche, nur dass man dafür nicht mehr bis ins Waldviertel fahren muss – es reicht, den Fernseher einzuschalten.
Die Rückkehr der Proleten-Poesie
Es ist schon eine Kunstform: Das heimische Fernsehen hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Lauf, was die Darstellung des angeblich „einfachen“ Lebens angeht. Aber Achtung, das ist keine Verarsche. Es ist eine Liebeserklärung. Wenn im Fernsehen über die Oscars berichtet wird – und dass es heuer ein knappes Rennen gab, hat uns ein gewisser Moschen neulich in einer aktuellen Sendung ja nochmal eindrucksvoll vor Augen geführt –, dann interessiert uns das halb so sehr wie die Frage, was sich die Braunschlag-Protagonisten als nächstes Trachten-Outfit zulegen.
In einem Wiener Stadtmagazin kursierte letzte Woche ein genialer Kommentar unter dem Motto „Früher war alles besser“. Und genau das ist der Punkt: Braunschlag ist kein Ort. Braunschlag ist ein Zustand. Es ist die Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Welt noch überschaubar war. In der der größte Skandal war, dass der Nachbar den Gartenzaun nicht gerade gebaut hat, und nicht die nächste globale Krise.
Was ist dieses „Slumming“ eigentlich genau?
Der Begriff Slumming kommt ursprünglich aus dem viktorianischen England. Reiche Schnösel sind damals in die Elendsviertel runtergestiegen, um sich zu amüsieren und ein bisschen zu erschauern. Heute machen wir das alle, nur viel subtiler. Und viel österreichischer. Es geht darum:
- Die Ästhetik des Verfalls: Schäbige Fassaden, verwilderte Gärten – wir finden das heute „authentisch“ und „urig“.
- Das Fremdeln mit dem Eigenen: Wir lachen über die Dialekte und Marotten, aber es ist ein liebevolles Lachen. Es ist unser eigenes Spiegelbild, verzerrt, aber erkennbar.
- Die Suche nach Einfachheit: In einer komplexen Welt wirkt das Leben in einem fiktiven Braunschlag erfrischend simpel. Korruption, Kleinkriminalität und Wirtshausstreit – das sind Probleme, die man noch verstehen und vielleicht sogar lösen kann.
Die Diskussionen, die diese Serien und Reportagen auslösen, sind enorm. Plötzlich sitzt man beim Heurigen und diskutiert nicht mehr über die Pension, sondern darüber, ob die Darstellung von Braunschlag nicht doch ein bisserl zu klischeehaft ist. Und genau da zeigt sich die Genialität: Indem wir über das „Slumming“ reden und darüber, wie wir auf die Provinz herabblicken, entlarven wir uns selbst als die wahren Spießer, die wir manchmal sind.
Egal ob Braunschlag, die Gäste von nebenan in diversen Talkshows oder die neueste Doku über das Leben in den Bundesländern – der Trend geht klar Richtung Selbstbespiegelung. Und das ist auch gut so. Denn wer sich selbst nicht erkennen will, der hat den Schuss nicht gehört. Hauptsache, wir gehen dabei nicht zu ernst mit uns ins Gericht. Ein bisserl Schmäh muss immer sein.