Von „Vorwärts gehen“ bis zur filmischen Seele Hou Hsiao-Hsiens: Lim Giong – die sanfte Rebellion unserer Zeit
Wenn man an die taiwanesische Popmusik der Neunzigerjahre denkt, an den Lärm aus Neonlicht und Tanzrhythmen, dann war Lim Giong der Einzige, der es wagte, die Lautstärke runterzudrehen und sich in die Dunkelheit des Kinos zu verirren. Wir alle erinnern uns an den leidenschaftlichen jungen Mann im weißen Hemd, der am Bahnhof Taipeh „Vorwärts gehen“ sang. Fragt man heute ältere Cineasten nach ihm, werden sie sagen, dass dieser junge Mann seine Seele später an Hou Hsiao-Hsien verkaufte – an jene stillen, aber überwältigenden Bilder Taiwans, die in seinen Filmen lebendig werden.
Mehr als nur ein Sänger: der Bruch in einer Ära
Für viele bleibt Lim Giong derjenige, der mit „Vorwärts gehen“ die Geschichte der taiwanesischen Popmusik neu schrieb. Damals schien er mit einer wilden, ursprünglichen Kraft die traditionellen Taiwanese-Songs aus ihrer klagenden, schicksalsergebenen Ecke zu befreien und sie in einen selbstbewussten, modernen Sound für die urbane Jugend zu verwandeln. Aber ehrlich gesagt: Diese Phase befriedigte ihn nicht. Die vermeintliche „Coolness“, im Rampenlicht zu stehen, empfand er zunehmend als erdrückend. Er war wie ein Spieler, der die Regeln nicht kannte, den Preis gewann und dann feststellte, dass dieses Spiel nie seins war.
Diese Rebellion gegen den Mainstream traf auf die kreativste Phase der Taiwan New Wave Cinema. Seine Begegnung mit Hou Hsiao-Hsien war daher fast vorherbestimmt. Da trafen einer, dem die Fließbandarbeit der Musikindustrie zum Hals heraushing, und ein Regisseur, der nach radikalem Realismus strebte und dem „Theatralischen“ misstraute, aufeinander. Zusammen definierten sie, was es heißt, wenn Bild und Ton eine untrennbare Einheit bilden.
Wenn Worte verstummen: Lim Giong als Hou Hsiao-Hsiens „zweites Ohr“
Was bedeutet Lim Giong für die Filme von Hou Hsiao-Hsien? Für mich ist er das Ohr hinter der Kamera. Hous Filme leben von Leere, von langen Einstellungen, Totalen und scheinbar beiläufigen Alltagsszenen. Genau das macht die musikalische Untermalung so schwierig. Zu viel Musik wirkt kitschig, zu wenig droht die Leere unerträglich zu machen. Lim Giong aber findet immer den exakt richtigen Moment.
In „Goodbye South, Goodbye“ setzt er keine pompöse Sinfonie für die Gefühle ein, sondern arbeitet mit Synthesizern, vermischt mit Windgeräuschen, dem Rasseln vorbeifahrender Züge und einem Hauch sphärischer Gitarre. Das war keine traditionelle „Filmmusik“ mehr, sondern eine emotionale „Atmosphäre“. Man hat das Gefühl, man stünde selbst auf dem Land in Chiayi, sähe Jack Kao und Yi Nengjing dabei zu, wie sie ihre Zeit vertrödeln, und spürte die feuchte, schwere Luft, eine Mischung aus Melancholie und Freiheit. Lim Giong schafft es, den unsichtbaren Wind und den Schweiß auf der Haut hörbar zu machen.
- „Goodbye South, Goodbye“: Das ist keine Filmmusik im üblichen Sinne, sondern eine eigenständige Erzählebene. Die elektronischen Rhythmen stehen für die Hektik des gesellschaftlichen Wandels, während der dezent eingesetzte Gesang die Wehmut nach dem schwindenden Alten einfängt.
- „Millennium Mambo“: Die berühmte Eingangseinstellung, in der Shu Qi mehrere Minuten lang die Straße entlanggeht, wird durch Lim Giongs hypnotische, kühle Elektronik zu einem unvergesslichen Kinoerlebnis. Ein einziger Ruf – „Hao Hao“ – und die Musik versetzen uns sofort in das Taipei am Ende eines Jahrhunderts.
- „The Assassin“: Hier geht er noch einen Schritt weiter. Die Musik wird extrem reduziert, imitiert fast nur noch Wind und Vogelgezwitscher, um die Bilder auf ihre ursprünglichste Essenz aus „Energie“ und „Rhythmus“ zu reduzieren. Er schafft keine bewusste Melodie mehr, sondern lässt den Klang zum Teil des Raumes werden.
Hinter der Leinwand geht es „vorwärts“
In den letzten Jahren hat sich Lim Giong fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er hat einen Preis für die beste Filmmusik in Cannes gewonnen, radelt aber immer noch mit dem Fahrrad durch Taipeh, kauft chinesische Kräuter in der Dihua-Straße und legt als DJ in Clubs auf. Manche sagen, er habe sich verändert, sei „komisch“ geworden. Ich finde, er ist sich treu geblieben. Im Kern ist er immer noch der junge Mann, der sich nicht vereinnahmen oder in Regeln pressen lassen will. Nur dass er heute nicht mehr mit Gesang rebelliert, sondern mit Klängen eine eigene „virtuelle“ Welt erschafft.
Wenn wir alten Filmfans zusammensitzen und über die Werke von Hou Hsiao-Hsien sprechen, über die taiwanesischen Filme von damals, dann ist Lim Giong für uns derjenige, auf den wir am meisten stolz sind. Auf seine Weise hat er bewiesen: Wahre Künstler müssen nicht ewig im Rampenlicht stehen. Sie verwandeln sich selbst in ein Licht, das auf die weiße Leinwand fällt und das wahre Antlitz dieses Landes erhellt. Das ist Lim Giong – ein Sänger, der uns einst zum „Vorwärtsgehen“ aufforderte, und schließlich der Künstler wurde, der uns im Kinosaal hält und uns Taiwan auf eine ganz neue Weise sehen lässt.