Startseite > Kultur > Artikel

Jürgen Habermas gestorben: Das Ende einer Ära für die Philosophie und unser Demokratieverständnis

Kultur ✍️ Emma Jansen 🕒 2026-03-14 23:47 🔥 Aufrufe: 1
Jürgen Habermas, deutscher Philosoph und Soziologe

Die Nachricht kam am Samstagabend herein, zuerst als ein Flüstern in den deutschen Zeitungen, dann überall: Jürgen Habermas ist nicht mehr. Der deutsche Riese der Philosophie, der letzte grosse Name der Frankfurter Schule, starb im Alter von 96 Jahren. Und obwohl er in Starnberg bei München lebte, waren seine Gedanken immer ganz nah, auch hier in der Schweiz. In jeder Diskussion über Europa, in jeder Debatte über Integration oder über den öffentlichen Rundfunk steckte ein Stück Habermas.

Ein Leben zwischen Büchern und den Brennpunkten der Zeit

Wer Habermas sagt, meint Philosophische Texte. Generationen von Studierenden – auch in Zürich, Bern und Genf – haben sich daran die Zähne ausgebissen und wurden dadurch geprägt. Sein Frühwerk über die Öffentlichkeit, Strukturwandel der Öffentlichkeit, ist noch immer die Grundlage für alle, die verstehen wollen, was mit den sozialen Medien und der Polarisierung schiefläuft. Aber er war kein Mann, der im Elfenbeinturm sitzen blieb. Als ich vor Jahren in Berlin war, hörte ich von einem älteren Kollegen, wie Habermas in den Achtzigern mit Foucault debattierte und später mit klaren Worten zur deutschen Wiedervereinigung Stellung bezog. Er stand unerschütterlich für den rationalen Dialog, für das bessere Argument. In einer Zeit des Geschreis und Getwitters war er der Leuchtturm der Vernunft.

Mehr als nur ein deutscher Denker

Sein Einfluss reichte weit über die Philosophie hinaus. Im Handbuch Fünfzig Schlüsseldenker der Internationalen Beziehungen steht er neben politischen Grössen wie Morgenthau und Kissinger. Warum? Weil seine Ideen zum kommunikativen Handeln und zur Kraft des Konsenses eine Alternative zur kalten Realpolitik boten. Er glaubte daran, dass Länder, genau wie Menschen, miteinander ins Gespräch kommen und durch Argumente zu einer gemeinsamen Einsicht gelangen können. Utopisch? Vielleicht. Aber genau das war die Triebfeder hinter der europäischen Einigung, die er stets leidenschaftlich verteidigte.

In den letzten Jahren erschienen noch immer dicke Wälzer aus seiner Feder. Denken Sie an Auch eine Geschichte der Philosophie, diesen magistralen Überblick, in dem er die gesamte westliche Philosophie im Lichte seines eigenen Glaubens an die kommunikative Vernunft betrachtete. Es ist, als habe er bis zuletzt den Dialog mit den grossen Denkern der Vergangenheit fortgeführt. Und dann gab es dieses wunderbare Buch eines dänischen Kenners, Der Leuchtturm der Vernunft. Über Jürgen Habermas, das zeigte, wie er für ganz Europa ein Lichtblick war.

Konsens und Dissens: Das Herz der Demokratie

Was sein Denken so besonders machte, ist, dass er nie in einfachen Gegensätzen stecken blieb. In seiner Arbeit über Konsens und Dissens erklärte er, dass eine gesunde Demokratie beides braucht: das Streben nach Übereinstimmung, aber auch das Recht auf abweichende Meinungen. Das ist eine Lektion, die wir hier in der Schweiz mit unserer Tradition des Konkordanzsystems und des Kompromisses bis auf die Knochen spüren. Die besten Gespräche an Geburtstagen, in Beizen oder im Bundeshaus sind jene, in denen wir kurz aufhören zu schreien und wirklich zuhören. Das ist das Vermächtnis von Habermas.

In den sozialen Medien strömen die Reaktionen herein. Seit seinem Tod ist es, als besinne sich plötzlich jeder darauf, was wir an ihm verlieren. Aber auch: was wir an ihm hatten. Sein Werk bleibt. Es steht in den Büchergestellen der Akademiker, in den Notizen der Studierenden und – wichtiger noch – in der Art, wie wir miteinander umgehen. Die ideale Sprechsituation wird immer ein Ideal bleiben, aber Habermas hat uns gelehrt, weiterhin danach zu streben. Und das, genau das, ist vielleicht die grösste Ehrung.

In memoriam

  • Jürgen Habermas (1929-2026) war ein deutscher Philosoph und Soziologe.
  • Er war der wichtigste Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule.
  • Seine Kernbegriffe: Öffentlichkeit, kommunikatives Handeln, Konsens und Dissens.
  • Bis zuletzt einflussreich mit jüngsten Veröffentlichungen wie Auch eine Geschichte der Philosophie.
  • Sein Denken durchdrang die Schweizer Universitäten und die öffentliche Debatte.

Wir werden ihn vermissen. Aber solange wir miteinander im Gespräch bleiben, bleibt er bei uns.