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Rubios «Unleash Chiang»-Drohung lässt das Netz explodieren: Vom Kalte-Krieg-Jargon zur Panik vor einem Dritten Weltkrieg

International ✍️ 張伯倫 🕒 2026-03-04 11:20 🔥 Aufrufe: 2

Das Pulverfass im Nahen Osten brodelt seit fünf Tagen. Was man zunächst für ein militärisches Kräftemessen zwischen den USA und dem Iran hielt, wurde durch einen seit über einem halben Jahrhundert verstaubten politischen Jargon in seiner Absurdität und Gefahr noch übertroffen. Mit dem Satz des US-Aussenministers Marco Rubio, «We will unleash Chiang», brachte er nicht nur weltweit die Google-Suchmaschinen zum Glühen, sondern katapultierte einen möglichen ideologischen Konflikt, der einen Dritten Weltkrieg auslösen könnte, gewaltsam zurück in die Zeit des Kalten Krieges und die Spannungen über die Taiwanstrasse.

Titelbild

«Unleash Chiang»: Eine 70-jährige Zeitreise in die Irre

Vorerst gar nicht an den Iran denkend, war die erste Reaktion wohl bei allen: Was hat «Chiang Kai-shek» mit dem Nahen Osten zu tun? Als einer, der die Rückgabe Hongkongs und das Ende des Kalten Krieges miterlebt hat, verschlug es mir bei diesem Satz fast den Kaffee. Dieses Schlagwort war das letzte Mal 1953 «populär», als der US-Präsident Eisenhower sein Amt antrat. Um das frisch im Koreakrieg gefestigte China einzuschüchtern, befahl er der 7. US-Flotte, die «Neutralisierung der Taiwanstrasse» aufzuheben. Das gab der damals nach Taiwan geflüchteten Regierung der Kuomintang faktisch grünes Licht, die Küsten des Festlands zu attackieren. Es war die Aufforderung: «Lasst Chiang Kai-shek von der Leine, damit er die Kommunisten beisst.»

Dass dieses historische Relikt 72 Jahre später von Rubio aus dem Museum geholt wird, um es als «Trumpfkarte» gegen den Iran einzusetzen, ist absurd und wirkt wie eine zeitliche Verwerfung. Es ist, als würde jemand mit einem Bronzeschwert in einen modernen Krieg ziehen. Aber Rubio ist nicht dumm; dahinter steckt ein «politischer Code».

Rubios «Schwert des Chiang»: Ein Insider-Gag der Republikaner?

Laut meinen Informanten in Washington kursiert in den Kreisen der amerikanischen Konservativen eine noch seltsamere Version dieser Aussage. Angeblich benutzte der ältere Bush (George H. W. Bush) den Slogan "Unleash Chiang" oft, um die unverbesserlichen Antikommunisten in seiner Partei zu verspotten, die er für realitätsfremd hielt. Sein Sohn Jeb Bush wiederum verstand den väterlichen Humor offenbar so gar nicht und stellte sich unter "Chiang" einen «geheimnisvollen Samurai» vor, der für konservative Werte kämpft. 2006 schenkte Jeb Bush seinem politischen Schützling, dem heutigen Rubio, das «Schwert des Chiang» ("Sword of Chang"), als Symbol dafür, den inneren «konservativen Krieger» in ihm zu befreien.

Wenn Rubio also davon spricht, "Chiang zu entfesseln", schwebt ihm vielleicht weniger die Statue in Yangmingshan vor, sondern vielmehr so etwas wie ein武士-Symbol aus dem Spiel «Age of Empires». Dass dieser völlig verquerte, transkulturelle und geschichtsvergessene Bezug heute die Rhetorik für amerikanische Kriegsführung liefert, ist schon mehr als fatal.

Der Israel-Faktor: Wer wird hier wirklich «entfesselt»?

Natürlich ist Krieg kein Spiel, und die einschlagenden Raketen sind keine Schwertschwingen eines «geheimnisvollen Samurai». Zurück zur realen Geopolitik: Warum bringt Rubio diesen obskuren Gag überhaupt an? Höchstwahrscheinlich, um ein viel heikleres Problem zu überdecken: Für wen wird dieser Krieg eigentlich geführt – für die USA oder für Israel?

Rubios Aussagen letzte Woche waren ziemlich schockierend. Er sagte, die USA müssten den Iran «präventiv» angreifen, weil man wisse, «dass Israel bald handeln wird und diese Aktion zwangsläufig iranische Vergeltung gegen US-Truppen auslösen wird». Mit anderen Worten: Die Logik in Washington ist: Weil der Sohn (Israel) Stress sucht, und um zu verhindern, dass der Vater (USA) später noch härter zur Rechenschaft gezogen wird, schlägt der Vater besser zuerst zu. Diese seltsame Logik – «weil der Sohn frech ist, verprügelt der Vater den Schläger von nebenan» – liess selbst in den USA die Liberalen und die Anhänger der MAGA-Bewegung die Augen verdrehen. Senator Sanders brachte es auf den Punkt: «Netanjahu will Krieg mit dem Iran, und Trump serviert es ihm auf dem Silbertablett.»

Die Aktion «Chiang Kai-shek von der Leine lassen» bedeutet im Kern ja «den Hund loslassen». Aber die Frage heute ist vielmehr: Sind die USA noch derjenige, der den Hund loslässt, oder sind sie längst selbst zum Hund Israels geworden? Diese Frage ist angesichts der historischen Bezüge weitaus wichtiger als die Frage, wer damals gegen wen kämpfte.

ACT UP und die Friedensbewegung: Wiederholt sich die Geschichte?

Interessanterweise stiegen zeitgleich mit dem Trend um "unleash chiang" die Suchanfragen nach dem "ACT UP Oral History Project" sprunghaft an. Dieses Projekt dokumentiert, wie die ACT UP (AIDS Coalition to Unleash Power) in den 1980er-Jahren durch direkte Aktionen die Regierung zwang, die AIDS-Krise ernst zu nehmen. Warum sucht man plötzlich danach? Weil in den sozialen Medien zu sehen ist, wie eine neue Generation von Kriegsgegnern und Aktivisten genau dieses Modell des ACT-UP-Protestes («die Regierung anzünden») aufgreift: Sie blockieren Strassen im ganzen Land, stürmen Aktionärsversammlungen von Rüstungskonzernen und protestieren dagegen, dass Steuergelder im Nahost-Sumpf versenkt werden.

Vom antikommunistischen Kreuzzug über die AIDS-Aktivisten bis zur heutigen Antikriegswelle – das Wort "unleash" scheint in der amerikanischen Gesellschaft stets mit Spaltung und Unruhe verbunden zu sein.

Die Angst vor dem Dritten Weltkrieg: Panikmache oder Vorbote?

Zurück zur alles bewegenden Frage: Was bedeutet dieser ellenlange Suchbegriff «Unleash Chiang Kai-shek Now to Prevent World War III»? Oberflächlich betrachtet scheint er zu sagen: «Lasst schnell Chiang Kai-shek los, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern». Aber jedem Klarsichtigen ist klar, dass es sich um einen verzweifelten, schwarzen Humor handelt. Im Zeitalter der Atomwaffen, wenn die Stellvertreterkriege der Grossmächte eskalieren, kann jeder einzelne Funke einen globalen Konflikt entfachen. Besonders wenn jetzt sogar traditionelle US-Verbündete wie Kanada, Frankreich und Spanien die Militäraktionen der USA und Israels öffentlich als «Verstoss gegen das Völkerrecht» geisseln – solche Risse im Bündnis waren historisch oft Vorboten grosser Kriege.

Was wir gerade erleben, ist nicht nur ein Krieg im Nahen Osten, sondern der Beginn der finalen Auflösung der von den USA dominierten Nachkriegsordnung. Russland, China und sogar etliche Golfstaaten stellen sich gegen die USA. Wenn das Gespenst des Kalten Krieges «Chiang Kai-shek» wieder heraufbeschworen wird, zeigt das vor allem eines: Den USA fallen keine neuen Mittel mehr ein; sie kramen in der Kiste nach längst verfallenen Zaubersprüchen, um sich Mut zu machen.

Für uns hier sind die wichtigsten Lehren aus diesem Chaos:

  • Rüstungsaktien sind der sichere Hafen: Egal wie absurd die Kriegsgründe sind, Aktionäre von Lockheed Martin und Raytheon können sich weiterhin die Hände reiben.
  • Energie- und Lieferketten erneut gestört: Ein Krieg im Nahen Osten treibt Ölpreise und Frachtkosten in die Höhe – die globale Inflation wird uns noch lange beschäftigen.
  • Risikoaversion bestimmt die Märkte: Kapital flieht in den US-Dollar, in Gold oder sogar Bitcoin. Die asiatischen Börsen werden kurzfristig von diesem «schwarzen Schwan» ordentlich durchgeschüttelt.

Ein veralteter politischer Slogan hat nicht nur Irans Nuklearanlagen getroffen, sondern auch die letzte Illusion der globalen Investoren von einer Friedensdividende zerstört. Bevor unser «geheimnisvoller Samurai» wirklich die Bühne betritt, sollten wir uns besser überlegen, ob das eigene Portfolio die Wellen eines Dritten Weltkriegs übersteht.