Was Erdbeben uns lehren: Von 311, dem Indischen-Ozean-Tsunami bis zum Beben in Cebu – die Erschütterungen, die Taiwan nie vergisst
Das Beben heute Nacht hat wohl jeder gespürt, oder? Auch wenn es nur ein paar Sekunden waren, dieses flaue Gefühl in der Magengegend bleibt oft die ganze Nacht. In Taiwan sind Erdbeben für uns wie alte Bekannte – nur dass diese Bekannten ziemlich launisch sind und uns immer wieder mal an ihre Existenz erinnern. Im Laufe der Jahre gibt es einige Erschütterungen, die besonders tief sitzen und die man einfach nicht vergessen kann.
Jene Nacht, die Erschütterung von Hualien
Ich erinnere mich an das Jahr , als Hualien von einem Beben der Stärke 5.7 erschüttert wurde. Die maximale Intensität erreichte Stufe 4, sodass man es sogar in den Doppelstädten Taipeh und Neu-Taipeh deutlich spürte. Ich sass gerade im Wohnzimmer und sah fern, als plötzlich alles um mich herum zu schwanken begann. Die Hängelampe schwang wie eine Schaukel, und das Wasser in meinem Glas schwappte halb auf den Tisch. Im Nachhinein betrachtet war es gemäss Daten nicht das stärkste Beben, aber diese plötzliche Erschütterung gab vielen meiner Freunde in Taipeh zum ersten Mal das Gefühl: «Aha, das erleben die Leute in Hualien also ständig.» Wenn ich später mit Einheimischen aus Hualien sprach, merkte man, dass sie längst eine beeindruckende Gelassenheit entwickelt haben. Es bebt, und das Leben geht trotzdem weiter – aber die nötige Wachsamkeit ist keineswegs geringer.
Japans 311, der nie endende Schmerz
Wenn wir von Erdbeben sprechen, dürfen wir das Tōhoku-Erdbeben vor der Pazifikküste Japans im Jahr 2011 nicht unerwähnt lassen. An jenem Nachmittag war ich im Büro, als die Eilmeldung aufploppte – ein schweres Beben der Stärke 9.0 vor der Küste Nordost-Japans. In den folgenden Stunden zeigten die Fernsehbilder weltweit jene Welle, die ganze Städte verschlang. Taiwan ist zwar weit weg, aber damals war uns allen das Herz schwer. Diese Hilflosigkeit beim Anblick vertrauter Strassen, die zum Ozean wurden, ist bis heute unvergessen. Dieses Beben machte die Menschen in Taiwan noch wachsamer: Auch wir leben am pazifischen Feuerring, und keiner kann sagen, dass eine Katastrophe dieses Ausmasses nicht auch bei uns passieren könnte.
Der Indische-Ozean-Tsunami, eine Jahrhundertkatastrophe
Gehen wir noch weiter zurück: Das Indische-Ozean-Beben 2004 erreichte eine Stärke von 9.1 und der darauffolgende Tsunami in Südasien forderte über zweihunderttausend Menschenleben. Das Internet war damals noch nicht so verbreitet wie heute, aber die Fernsehnachrichten zeigten in Dauerschleife Bilder der Flutwelle, die über Thailand, Indonesien und Sri Lanka hereinbrach. Aus einst fröhlichen Ferienstränden wurden innerhalb von Augenblicken Höllenlandschaften. Ich erinnere mich, dass meine Firma damals zu einer Spendenaktion aufrief und alle ohne Zögern ihr Portemonnaie zückten – der Schock sass einfach zu tief. Bis heute schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich eine Dokumentation darüber sehe.
Das Erdbeben von Cebu, eine Warnung vor der Haustür
Und dann, vor nicht allzu langer Zeit: Das Erdbeben von Cebu 2025. Es ereignete sich zwar auf den Philippinen, doch über die sozialen Medien verbreiteten sich die Bilder der Verwüstung in Windeseile um die ganze Welt. Als man die eingestürzten jahrhundertealten Kirchen und die panischen Bewohner sah, wurde einem klar: Erdbeben machen niemals vor Grenzen Halt. Taiwan und die Philippinen liegen beide an derselben Plattengrenze. Was heute in Cebu passiert, könnte morgen bei uns Realität sein. In jener Zeit begannen viele meiner Freunde, ihre Notfallrucksäcke zu Hause gründlich zu überprüfen, und einige organisierten sogar Gruppen, um Erste Hilfe zu lernen. Das Bewusstsein, dass «der Wolf wirklich kommen könnte», war stärker denn je.
Was Erdbeben uns lehren
Nach so vielen Erschütterungen des Himmels und der Erde haben wir doch einiges gelernt. Jeder, der klar sieht, weiss: Anstatt in Panik zu verfallen, ist es besser, sich vorzubereiten. Hier sind einige grundlegende Tipps zum Katastrophenschutz, die ich für besonders wichtig halte und gerne teile:
- Möbel sichern: Grosse Kleiderschränke, Regale und Fernseher sollten mit L-Winkeln an der Wand befestigt werden. Bei einem Beben können sie zu tödlichen Fallen werden.
- Notfallrucksack bereithalten: Deponieren Sie ihn griffbereit am Eingang. Inhalt sollte mindestens Wasser, haltbare Lebensmittel, Taschenlampe, Radio, Ersatzbatterien, Kopien von Ausweisen und etwas Bargeld umfassen.
- Die drei Schritte bei Flucht: Runter, schützen, festhalten. Der Kopf ist das Wichtigste. Nicht sofort Türen öffnen oder ins Freie rennen.
- Gas und Wasser prüfen: Riechen Sie nach einem Beben Gas, drehen Sie sofort den Haupthahn zu und lüften Sie. Auf keinen Fall Feuer machen.
- Auf offizielle Informationen achten: Laden Sie die Erdbeben-Warn-App des Zentralen Wetteramts herunter, um als Erstes verlässliche Warnungen zu erhalten. Lassen Sie sich nicht von unbestätigten Nachrichten in die Irre führen.
Erdbeben sind das Schicksal dieses Landes. Wir können sie uns nicht aussuchen, aber wir können wählen, wie wir ihnen begegnen. Hoffentlich macht uns jedes Beben wachsamer und bringt uns auch mehr zusammen. Wenn es das nächste Mal rundgeht, wünsche ich mir, dass wir alle fest stehen bleiben und uns gegenseitig fragen: «Alles okay?»