Startseite > Unterhaltung > Artikel

Harry Styles' neues Album: Die Kritiken sind da – und sie sind gespaltener denn je

Unterhaltung ✍️ Oliver Keegan 🕒 2026-03-04 15:00 🔥 Aufrufe: 2
Harry Styles performt auf der Bühne

Es ist ein seltsames Ritual, das jedes neue Harry Styles Album begleitet. Das Internet zersplittert in Lager. Die eingeschworenen Fans legen sich mit allen an. Und die Kritiker? Die greifen zu den immer gleichen Adjektiven: charmant, mühelos, sicher. Sein viertes Studioalbum, Kiss All The Time (Disco Occasionally), ist diese Woche mit dem üblichen Tamtam erschienen, und die erste Welle der Harry Styles Albumkritiken deutet darauf hin, dass wir es mit einem Künstler zu tun haben, der sein Image so sehr poliert hat, dass es fast unmöglich geworden ist, es zu zerkratzen.

Die Meinung eines führenden Kritikers – im Wesentlichen, dass er "die ganze Zeit nett, aber nur gelegentlich gut" sei – scheint den Konsens zu treffen. Es ist eine Platte, die auf einer Welle aus Siebziger-Jahre Softrock-Pastiche und federleichtem Falsetto dahingleitet, ohne sich jemals über Gebühr aufzudrängen, aber auch selten tiefe Spuren hinterlässt. Man hat das Gefühl, dass Styles weniger daran interessiert ist, musikalische Grenzen zu verschieben, als vielmehr ein warmes, einladendes Universum zu schaffen, in dem man leben möchte. Und ehrlich? In einer Ära des algorithmischen Chaos ist diese Stimmung eine eigene Währung.

Der Superheld ohne Maske

Wenn man beobachtet, wie Styles seinen Ruhm nach der Boyband-Zeit meistert, fühlt man sich an den Handlungsbogen in Marvel's Spider-Man 2 erinnert. Peter Parker ringt ständig mit der Last seiner Kräfte, die Maske ist sowohl Schutzschild als auch Käfig. Styles hingegen scheint die Maske ganz abgelegt zu haben. Er hat eine Marke auf radikaler Verletzlichkeit aufgebaut – die Opas Strickjacken, die tränenreichen Momente auf der Bühne, die unverblümte Queerness seiner Ästhetik. Aber bei Kiss All The Time hat man gelegentlich das Gefühl, dass er Verletzlichkeit eher inszeniert, als dass er sie wirklich verkörpert. Die Musik ist makellos nett, wie eine warme Umarmung von jemandem, der weiß, dass du hinterher auf Instagram darüber posten wirst. Sie ist gut – gelegentlich. Aber man sehnt sich nach dem Moment, in dem der Symbiont übernimmt und die Sache so richtig ungemütlich wird.

Von Canterbury Geschichten zu Hollywood Enden

In der Parade von Charakteren und Vignetten auf diesem Album gibt es ein seltsames Echo von Den Canterbury Geschichten. Nicht im mittelenglischen Sinne, versteht sich – sondern eher in der Art, wie Styles eine Besetzung von Liebenden, Gestrandeten und Exzentrikern sammelt und beobachtet, die durch sein Leben in LA geistern. Titel wie "You & I" (ein zartes, akustisches Duett, das auf einem Stephen Sanchez Album nicht fehl am Platz wäre) und der disco-lastige Titelsong zeichnen ein Mosaik der modernen Romanze. Doch anders als Chaucer's Pilger, die auf dem Weg nach Canterbury ihre Wahrheiten preisgeben, bleiben Styles' Protagonisten oft verschwommen, schön skizziert, aber letztlich unergründlich. Es ist das Privileg eines Popstars: Tiefe anzudeuten, während man die wahre Geschichte für sich behält.

Und das führt direkt zu seiner Beziehung zur dokumentarischen Linse. Wer Miss Americana gesehen hat, Taylor Swifts rohen, bekenntnishaften Film, kennt die Blaupause für das "Authentizitäts"-Spielbuch des modernen Popstars. Styles spielt ein anderes Spiel. Er gewährt Einblicke nur sparsam und lässt die Musik und die Mode für sich sprechen. Kiss All The Time ist kein Tagebucheintrag; es ist eine kuratierte Ideensammlung. Er will nicht, dass du seinen Schmerz fühlst, du sollst einfach nur zum Groove mitwippen. Es ist eine weniger riskante Strategie, kommerziell bombensicher, aber sie lässt einen fragen, wie ein wirklich ungefiltertes Styles Album wohl klingen würde.

Das Geschäft mit Harry

Und damit sind wir beim kommerziellen Elefanten im Raum. Denn während die Kritiken vielleicht höflich gemischt ausfallen, läuft die Geschäftsmaschinerie hinter Harry Styles auf Hochtouren. Erste Branchenzahlen zu den Verkäufen deuten darauf hin, dass das Album auf dem besten Weg zu einem riesigen Debüt ist, wobei die Vorbestellungen bereits seine früheren Veröffentlichungen übertreffen. Hier geht es nicht um Musik-Snobismus; es geht um die greifbare Macht der Marke Styles. Er ist eine wandelnde, sprechende Lebenseinstellung.

Man bedenke nur die Bereiche, die er heute berührt:

  • Mode: Seine Gucci-Partnerschaften haben die Männlichkeit auf dem roten Teppich neu definiert.
  • Tourismus: Konzerttermine verursachen wirtschaftliche Spitzen in den Städten, wenn Fans für das "Erlebnis" anreisen.
  • Wellness: Sein Fokus auf Freundlichkeit und Therapie-Sprech hat ihn zum Aushängeschild einer bestimmten Art von Millennial/Gen Z Selbstfürsorge gemacht.

Dieses Album wird der Soundtrack zu tausend TikTok-Edits sein, die Kulisse für eine weitere welterobernde Tour und der Grund, warum Luxusmarken Schlange stehen werden, um ihm Geld hinterherzuwerfen. In diesem Zusammenhang ist es fast irrelevant, ob ein Kritiker es für gelegentlich gut oder durchweg brillant hält. Die Harry Styles-Industrie ist inzwischen größer als jede einzelne Plattenkritik.

Das Fazit

Wo lässt uns das also? Kiss All The Time (Disco Occasionally) ist eine durchaus angenehme Ergänzung seines Schaffens. Es wird die Skeptiker nicht bekehren, aber die Gläubigen zutiefst zufriedenstellen. Es ist das Werk eines Künstlers, der die Kunst beherrscht, universell ansprechend zu sein, ohne allzu scharfe Kanten zu zeigen. Und in einer fragmentierten Kulturlandschaft ist das vielleicht eine eigene Art von Genie. Er schreibt die Regeln nicht neu; er sorgt nur dafür, dass sich jeder auf der Party willkommen fühlt. Und das ist im Moment mehr als genug.