Harry Styles' neues Album: Die Kritiken sind da – und so gespalten wie eh und je
Zu jedem Harry Styles Album gehört ein seltsames Ritual. Das Internet zersplittert in Fraktionen. Die eingeschworenen Fans wetzen die Krallen. Und die Kritiker? Die greifen zu den immergleichen Adjektiven: charmant, mühelos, sicher. Seine vierte Studio-LP, Kiss All The Time (Disco Occasionally), ist diese Woche mit dem üblichen Tamtam erschienen, und die erste Welle der Harry Styles Albumkritiken deutet darauf hin, dass wir es mit einem Künstler zu tun haben, der sein Image so sehr poliert hat, dass es kaum noch anzukratzen ist.
Die Meinung eines führenden Kritikers – im Wesentlichen, dass er "immer nett, ab und zu gut" sei – scheint der allgemeine Tenor zu sein. Es ist ein Album, das auf einer Welle aus Siebzigerjahre-Softrock-Pastiche und federleichtem Falsett dahingleitet, nie zu lang aufhält, aber selten wirklich unter die Haut geht. Man hat das Gefühl, Styles geht es weniger darum, musikalische Grenzen zu verschieben, als vielmehr darum, ein warmes, einladendes Universum zu schaffen, in dem man leben möchte. Und ehrlich? In einer Zeit des algorithmischen Chaos ist diese Stimmung eine eigene Währung.
Der Superheld ohne Maske
Wenn man beobachtet, wie Styles seinen Ruhm nach der Band meistert, fühlt man sich an den Handlungsbogen in Marvel's Spider-Man 2 erinnert. Peter Parker ringt ständig mit der Last seiner Kräfte, die Maske ist sowohl Schutzschild als auch Käfig. Styles hingegen scheint die Maske ganz abgelegt zu haben. Er hat eine Marke auf radikaler Verletzlichkeit aufgebaut – die Opa-Strickjacken, die tränenreichen Momente auf der Bühne, die unapologetische Queerness seiner Ästhetik. Aber bei Kiss All The Time hat man manchmal das Gefühl, dass er Verletzlichkeit eher darstellt, als dass er sie wirklich verkörpert. Die Musik ist tadellos nett, wie eine warme Umarmung von jemandem, der weiss, dass du auf Instagram darüber posten wirst. Sie ist gut, ab und zu. Aber man sehnt sich nach dem Moment, in dem der Symbiont übernimmt und die Dinge so richtig chaotisch werden.
Von den Canterbury Tales zu Hollywood-Enden
In der Parade von Charakteren und Vignetten dieses Albums findet sich ein seltsames Echo von The Canterbury Tales. Nicht im mittelenglischen Sinne, natürlich – eher in der Art, wie Styles eine Besetzung von Liebhabern, Gestrandeten und Exzentrikern sammelt und beobachtet, die durch sein Leben in L.A. ziehen. Stücke wie "You & I" (ein zartes, akustisches Duett, das auf einem Stephen Sanchez Album nicht fehl am Platz wäre) und der Disco-lite-Titelsong zeichnen ein Mosaik der modernen Romanze. Aber anders als Chaucers Pilger, die auf dem Weg nach Canterbury ihre Wahrheiten preisgeben, bleiben Styles' Protagonisten oft verschwommen, schön skizziert, aber letztlich unergründlich. Es ist das Privileg eines Popstars: Tiefe anzudeuten, während man die wahre Geschichte für sich behält.
Und das führt direkt zu seiner Beziehung zur dokumentarischen Linse. Wenn du Miss Americana gesehen hast, Taylors Swifts rohen, bekenntnishaften Film, kennst du die Blaupause für das "Authentizitäts"-Handbuch des modernen Popstars. Styles spielt ein anderes Spiel. Er gewährt nur sparsam Einblicke und lässt die Musik und die Mode für sich sprechen. Kiss All The Time ist kein Tagebucheintrag; es ist eine kuratierte Moodboard. Er will nicht, dass du seinen Schmerz fühlst, sondern dass du einfach im Rhythmus mitschwingst. Das ist eine weniger riskante Strategie, kommerziell bombensicher, aber sie lässt einen fragen, wie ein wirklich ungefiltertes Styles Album wohl klingen würde.
Das Geschäft mit Harry
Was uns zum kommerziellen Elefanten im Raum bringt. Denn während die Aufnahme durch die Kritiker vielleicht höflich gemischt ausfällt, läuft die Geschäftsmaschine hinter Harry Styles auf Hochtouren. Erste Branchenzahlen deuten darauf hin, dass das Album auf dem besten Weg zu einem riesigen Debüt ist, wobei die Vorbestellungen bereits seine früheren Veröffentlichungen übertreffen. Hier geht es nicht um Musikschnobismus; es geht um die greifbare Macht der Marke Styles. Er ist eine wandelnde, sprechende Lebenseinstellung.
Man denke nur an die Bereiche, die er heute berührt:
- Mode: Seine Gucci-Partnerschaften haben die Männlichkeit auf dem roten Teppich neu definiert.
- Tourismus: Konzerttermine verursachen wirtschaftliche Spitzen in den Städten, da Fans für das "Erlebnis" anreisen.
- Wellness: Sein Fokus auf Freundlichkeit und Therapiesprech hat ihn zum Vorzeige-Jüngling einer bestimmten Art von Millennial/Gen Z Self-Care gemacht.
Dieses Album wird der Soundtrack zu tausend TikTok-Edits sein, die Kulisse für eine weitere weltumspannende Tournee und der Grund, warum Luxusmarken Schlange stehen werden, um ihm Geld hinterherzuwerfen. In diesem Zusammenhang ist es fast irrelevant, ob ein Kritiker es für ab und zu gut oder durchweg brillant hält. Die Harry Styles-Industrie ist heute grösser als jede einzelne Plattenkritik.
Das Fazit
Wo stehen wir also? Kiss All The Time (Disco Occasionally) ist eine durchaus angenehme Ergänzung seines Katalogs. Es wird die Skeptiker nicht überzeugen, aber die Gläubigen zutiefst zufriedenstellen. Es ist das Werk eines Künstlers, der die Kunst gemeistert hat, universell ansprechend zu sein, ohne etwas wirklich Scharfes zu sagen. Und in einer fragmentierten Kulturlandschaft ist das vielleicht eine eigene Art von Genie. Er schreibt die Regeln nicht neu; er sorgt nur dafür, dass sich alle an der Party willkommen fühlen. Und im Moment ist das mehr als genug.