Nahostkrise: Maersk setzt Golf-Routen aus – über 270'000 Container stecken fest

Wenn Sie Importeur sind oder sich für Logistik begeistern, sollten Sie heute die Lage auf den Weltmeeren im Auge behalten. Maersk, der dänische Gigant, der einen enormen Teil des Welthandels bewegt, hat soeben zwei zentrale Motoren abgeschaltet. Seit einigen Stunden verdichten sich die Gerüchte in der Logistikbranche: Die Reederei hat zwei Schlüsseldienste im Persischen Golf ausgesetzt. Der Grund? Die Lage im Nahen Osten ist ein Pulverfass, und niemand möchte mit seinem Schiff mitten drin stecken. Die Würfel sind gefallen: Über 270'000 TEU – also Hunderte von tausend Containern – liegen bereits auf Reede fest oder werden umgeleitet, in der Schwebe, wohin die Reise weitergeht. Insidern zufolge handelt es sich um eine Vorsichtsmassnahme, die durchaus länger andauern könnte.
Eine Entscheidung ohne Alternative: Die Strasse von Hormus ist tabu
Die A.P. Moller-Maersk-Gruppe hat diesen Schritt nicht leichtfertig getan. Betroffen sind die Routen, die durch die Strasse von Hormus führen, diesem Nadelöhr zwischen dem Golf und dem Indischen Ozean. Angesichts der eskalierenden Spannungen zwischen Iran und Israel und den Kriegsschiffen mit scharfer Munition, kommt eine Durchfahrt einem russischen Roulette gleich. Die oberste Priorität von Maersk Line ist die Sicherheit der Besatzungen und der Ladung. Für alle, die Waren auf dem Wasser haben, beginnt damit jedoch der logistische Albtraum: Buchungen gestoppt, Ware bleibt an Land, Lieferzeiten werden zur Ungewissheit. In Kreisen nahe der Reederei heisst es, die kommenden Tage seien entscheidend dafür, ob die Umleitung um das Kap der Guten Hoffnung zur dauerhaften Lösung wird.
Von Piraten zu Raketen: Die Lehren aus der Maersk Alabama
Es ist nicht das erste Mal, dass Maersk im Zentrum des Sturms steht. Wer sich erinnert, denkt an die Entführung der Maersk Alabama im Jahr 2009. Damals waren es somalische Piraten, die die Welt in Atem hielten – ein Zwischenfall auf hoher See, der sogar einen Film mit Tom Hanks inspirierte. Heute ist der Gegner weniger exotisch, aber technologisch überlegen: Keine wackligen Beiboote, sondern Drohnen und ballistische Raketen. Und während der Vorfall damals ein isolierter war, gleicht die gesamte Region heute einem Minenfeld. Der Unterschied? Man spricht von einem "Flächenbrand", und jedes Schiff könnte zum Ziel werden. Altgediente Kapitäne erinnern sich an jene Nacht mit Militärgeleit, doch diesmal würde wohl eine ganze Flotte nicht als Schutzschild ausreichen.
Weniger bekannt ist, dass Maersk bei vielen auch aus einem ganz anderen Grund einen guten Ruf geniesst. Die Rede ist vom legendären Lego Maersk Zug 10219, dem Modellzug, den Sammler seit Jahren jagen. Ein begehrtes Set, das 2011 herauskam und die historische Verbindung zwischen der Reederei und der Welt des Schienengüterverkehrs feierte. Während die echten Container auf See festsitzen, drehen daheim wohl unzählige Miniatur-Züge ihre Runden auf den Schienen der heimischen Wohnzimmer. Eine Ironie des Schicksals für alle, die jetzt um die Ankunft ihrer echten Pakete bangen.
Schweiz und Italien im Fokus: Bedrohte Häfen und steigende Preise
Und welche Folgen hat das für uns? Die Schweiz als Binnenland ist direkt betroffen: Ein Grossteil der Waren aus Asien – von Elektronik über Autoersatzteile bis hin zu Kleidung – wird auf Maersk-Schiffen oder denen ihrer Partner transportiert, die meist über Häfen wie Gioia Tauro, La Spezia oder Trieste abgewickelt werden. Fallen die Golf-Routen aus, müssen die Schiffe den Umweg ums Kap der Guten Hoffnung nehmen – mit doppelten Kosten und Laufzeiten. Und wer zahlt die Zeche? Schweizer und italienische Importeure, die bereits mit der Inflation kämpfen, müssen mit weiter steigenden Preisen für ihre Waren rechnen. Und auch der Export leidet: Unsere Maschinen, Weine und Lebensmittel für die Golf-Märkte hängen nun in der Schwebe. Spediteure in der Lombardei oder im Tessin berichten von schlaflosen Nächten, in denen sie Neuberechnungen für Chargen und Vertragsstrafen anstellen.
Konkret bedeutet der Schritt des dänischen Schifffahrtsriesen Folgendes:
- Stopp von Neubuchungen: Für Verbindungen in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Saudi-Arabien, Katar und Kuwait werden vorerst keine Verladungen mehr angenommen. Neue Buchungen bleiben bis auf Weiteres gesperrt.
- Ausweichrouten: Schiffe, die sich bereits auf dem Weg befinden, werden zu sicheren Häfen umgeleitet. Mit Verzögerungen zwischen 10 und 20 Tagen, je nach aktuellem Standort, ist zu rechnen.
- Steigende Frachtraten: Branchenkenner rechnen mit einem sprunghaften Anstieg der Transportkosten, der sich innerhalb der nächsten Woche durch die gesamte Lieferkette ziehen dürfte.
- Gefahr für verderbliche Ware: Kühlcontainer mit Lebensmitteln könnten Schaden nehmen, falls sich die Verzögerungen auf über zwei Wochen ausweiten. Erste Importeure suchen bereits nach alternativen Kühlmöglichkeiten.
Wie geht es weiter? Die Angst vor einem neuen Lieferketten-Chaos
Wir leben in Zeiten sich überlagernder Krisen. Nach der Blockade des Suezkanals und der Pandemie droht diese neuerliche Sperrung, die Lunte an das Pulverfass globaler Lieferverzögerungen zu legen. Der Markt wartet auf Signale aus Washington und Teheran, doch die Diplomatie kommt nur schwer in Gang. Sicher scheint nur eines: Solange die Strasse von Hormus tabu bleibt, wird der Golf zur Containerwüste. Und während die Politiker reden, rackern die Spediteure in der Schweiz und Italien nächtelang an Lösungen, um die Produktion nicht zum Erliegen zu bringen. Denn, seien wir ehrlich: Wenn die Schiffe stehen, steht die Welt still. Und der heisse Wind, der diesmal aus dem Golf weht, bringt keinen Wüstensand, sondern nur schlechte Nachrichten.