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Jens Stoltenberg zurück in der norwegischen Politik: «Jetzt fallen die grossen Entscheidungen»

Politik ✍️ Kari Nordmann 🕒 2026-03-27 13:56 🔥 Aufrufe: 1
Jens Stoltenberg

Jens Stoltenberg ist zurück. Nach seinem Einsatz als NATO-Generalsekretär ist er wieder auf norwegischem Boden gelandet, und innerhalb weniger Wochen steckt er bereits mitten im politischen Alltagsgeschäft. Es ist fast, als wäre er nie weg gewesen, und doch ist alles anders. Die grossen, schwerwiegenden Dossiers, die jetzt auf dem Tisch liegen, sind von einem ganz anderen Kaliber als damals, als er das Land verliess, um das Verteidigungsbündnis zu führen.

Für diejenigen von uns, die Jens Stoltenbergs erstes Kabinett in den 2000er-Jahren verfolgten und später Jens Stoltenbergs zweites Kabinett, das eine Lehrstunde in der Bewältigung der Finanzkrise war, sind seine Manöver leicht zu erkennen. Er hat dieses Talent, genau dann aufzutauchen, wenn es brenzlig wird und die Leute sich zu fragen beginnen, wer hier eigentlich noch die Kontrolle hat. Jetzt ist es wieder so weit, aber diesmal geht es ebenso um das, was jenseits der Landesgrenzen passiert, wie um das, was im Inland geschieht.

Der EU-CO2-Grenzausgleich klopft an die Tür

Der sprichwörtliche Elefant im Raum ist derzeit der EU-CO2-Grenzausgleich. Das ist kein Dossier, das einfach in einem oder zwei Gutachten verschwindet. Es ist eine konkrete, gewichtige politische Entscheidung, die sowohl die Industrie als auch die breite Bevölkerung spüren wird. Ich weiss, dass das Team um Jens Stoltenberg bereits in Sitzungen war, die weit über die normale Arbeitszeit hinausgingen, denn das Ganze ist schlicht zu wichtig, um es liegen zu lassen. Das ist typisch Stoltenberg – die grossen strukturellen Fragen anpacken, bevor sie zu einer Krise werden, die niemand mehr bewältigen kann.

Er war schon einmal in dieser Lage. Unter Jens Stoltenbergs zweitem Kabinett galt es, die Bankenkrise und den Ölpreissturz in den Griff zu bekommen. Jetzt stehen die grüne Transformation und eine internationale Zollmauer an. Es gibt nicht viele in der norwegischen Politik, die über das gleiche Netzwerk verfügen wie er nach acht Jahren an der NATO-Spitze. Er kennt die EU-Spitzen und die schweren Geschütze in den USA heute ganz anders als damals, als er als Ministerpräsident zurücktrat. Das ist ein Vorteil, den wir in den kommenden Verhandlungen spüren werden.

Wenn Ermittlungen zu lange dauern

Während Stoltenberg nun die grossen, internationalen Linien navigieren muss, laufen gleichzeitig Diskussionen im Inland, die uns daran erinnern, dass der Rechtsstaat auch im Alltag funktionieren muss. Ich denke dabei insbesondere an die laufenden Ermittlungen in Finnmark. Dort fürchten Verteidiger eine Beeinflussung von Zeugen, nachdem die Polizei auf eine Weise an die Öffentlichkeit gegangen ist, die man selten sieht. Wenn sich Verfahren über Jahre hinziehen, wie wir das auch in mehreren anderen grossen Fällen erlebt haben, dann beginnt das Vertrauen in das System zu bröckeln.

Es ist nicht gerade das Dossier, das man mit Jens Stoltenbergs früheren Regierungsperioden verbindet, aber es veranschaulicht ein Problem, das in den letzten Jahren gewachsen ist: Die Bürokratie ist zu langsam. Unter Jens Stoltenbergs erstem Kabinett hätte man sich wohl nicht vorstellen können, dass eine solche Untersuchung jahrelang andauern könnte, ohne dass jemand eingreift. Heute ist das eine echte Herausforderung, mit der sich der neue, alte Ministerpräsident auseinandersetzen muss – denn die Wirtschaft, etwa in der Fischereifrage, braucht Planungssicherheit.

  • CO2-Grenzausgleich der EU – Das grösste Einzeldossier, das ansteht. Wird eine norwegische Anpassung ausgehandelt, oder setzen wir auf eine vollständige Integration?
  • Ermittlungsdauer – Sowohl im Fall Finnmark als auch in anderen Fällen, auf die interne Quellen hingewiesen haben, sehen wir, dass die Zeit, die Ermittlungen in Anspruch nehmen, selbst zur Belastung wird.
  • Internationale ErfahrungJens Stoltenberg verfügt über ein Kontaktnetzwerk, das kein anderer norwegischer Politiker vorweisen kann. Das wird im Umgang mit der EU entscheidend sein.

Zurück in die Zukunft

Was diese Rückkehr besonders macht, ist, dass Jens Stoltenberg nicht als irgendein Politiker zurückkehrt. Er kommt zurück als einer, der den internationalen Apparat von innen gesehen hat. Er weiss, wie in Brüssel Entscheidungen gefällt werden und wie man norwegische Interessen in einer zunehmend raueren geopolitischen Realität durchsetzt. Die Frage ist, ob das ausreicht, um die grossen, ungelösten Dossiers zu bewältigen, die sich im Inland angestaut haben.

Denn es wartet ja nicht nur der CO2-Grenzausgleich. Es gibt eine ganze Reihe von Dossiers aus Jens Stoltenbergs zweitem Kabinett, die nie ganz abgeschlossen wurden und jetzt unter der Oberfläche schwelen. Ich denke, wir werden diesmal einen ganz anderen Stoltenberg erleben. Weniger Parteipolitiker, mehr Staatsmann. Und genau das brauchen wir vielleicht mehr denn je.