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Cem Özdemir und die Politik nach der Wahl: Eine Grünen-Ära geht in Baden-Württemberg zu Ende

Politik ✍️ Anna Wagner 🕒 2026-03-09 17:22 🔥 Aufrufe: 2
Cem Özdemir an einer Wahlkampfveranstaltung

Es war ein Bild, das man so schnell nicht vergisst: Cem Özdemir, der Mann, der die Grünen in Baden-Württemberg eigentlich auf Kurs halten sollte, stand am Wahlabend in einem Stuttgarter Veranstaltungssaal und versuchte, das Unvermeidliche zu fassen. Die erste Hochrechnung flackerte über die Bildschirme – und sie zeigte, was viele bis zuletzt nicht für möglich gehalten hatten: Die Ära der Grünen als unangefochtene Regierungspartei im Ländle geht zu Ende. Friedrich Merz und seine CDU lagen vorn, und das lag nicht nur an den üblichen landespolitischen Faktoren.

Ein Denkzettel für den grünen Bundesstar

Özdemir, der langjährige Bundespolitiker und ehemalige Landwirtschaftsminister, hatte sich in den vergangenen Monaten in einen Wahlkampf gestürzt, der an Intensität kaum zu überbieten war. Er wollte zeigen, dass er nicht nur in Berlin, sondern auch in Stuttgart regieren kann. Aber so richtig zünden konnte er nicht. Klar, die Grünen bleiben im Südwesten eine Macht, aber der Schwung ist raus. Statt der erhofften Stärkung gab es Verluste – vor allem in den städtischen Hochburgen, wo man grüne Wahlergebnisse jenseits der 30 Prozent gewohnt war. Die Leute, die ihm sonst vertrauten, blieben diesmal zu Hause oder wanderten ab. Wohin? Ein Teil zur CDU, die mit einem klassisch-konservativen Programm punktete, ein anderer, kleinerer Teil sogar zur AfD, die auch im Westen endgültig angekommen ist.

Der Merz-Faktor und das bittere Ende einer Tradition

Dass Friedrich Merz persönlich in Baden-Württemberg so viel Gewicht in die Waagschale werfen würde, hatte wohl niemand auf dem Zettel. Der CDU-Bundesvorsitzende machte aus dem Landtagswahlkampf eine Art Vertrauensfrage für die gesamte Union. Und er konnte die Unzufriedenheit mit der Ampel-Politik in Berlin geschickt mit landespolitischen Themen verweben. Für Özdemir, der ja selbst Teil dieser Bundesregierung war, wurde das zum Problem. Jede Diskussion ums Heizungsgesetz oder migrationspolitische Uneinigkeiten klebte an ihm – obwohl er im Ländle gar nicht direkt dafür verantwortlich war. Es ist die klassische Falle für einen prominenten Kandidaten, der aus der Bundespolitik kommt: Man wählt nicht den Menschen, man wählt das Bild, das man von seiner Partei in Berlin hat.

Warum ausgerechnet ein Hundespielzeug zum Symbol wurde

Und dann war da noch diese Sache mit dem Hundespielzeug. Mitten im Wahlkampf, bei einem dieser unzähligen Termine auf einem Wochenmarkt in Freiburg, drückte ihm eine ältere Dame ein kleines, quietschgelbes Stofftier der Marke Karlie in die Hand. «Für Ihren Hund», sagte sie, und irgendjemand machte ein Foto. Das Bild ging durch die sozialen Netzwerke, wurde geteilt, kommentiert, belächelt. Plötzlich war Cem Özdemir nicht mehr nur der grüne Spitzenkandidat, sondern der Politiker mit dem Hundespielzeug. Es war einer dieser Momente, die in ihrer Harmlosigkeit fast schon symbolisch sind: Der Versuch, nahbar zu sein, menschlich, einfach einer von uns. Vielleicht war es sogar der Versuch, die kühle Politiker-Aura abzustreifen. Aber im Nachhinein wirkt es wie ein Sinnbild für den ganzen Wahlkampf: nett, aber nicht durchschlagend. Der «Karlie-Moment» reichte nicht, um die tief sitzende Politikverdrossenheit oder den Wunsch nach einem klaren konservativen Kurs zu überdecken.

Was bleibt, ist ein bitterer Beigeschmack. Für Özdemir persönlich, aber auch für die grüne Strategie, auf prominente Gesichter aus Berlin zu setzen. Die Rechnung, dass ein bekannter Name und bundespolitische Erfahrung automatisch Wählerstimmen im Süden bringen, ging nicht auf. Im Gegenteil:

  • Verlust der Stammwähler: Viele urbane, liberale Grünen-Anhänger fühlten sich durch den stark auf Sicherheit und Landwirtschaft fokussierten Kurs nicht mehr abgeholt.
  • Der Merz-Effekt: Die CDU mobilisierte ihre Basis mit einem klaren Oppositionskurs gegen Berlin – und Özdemir wurde zur Projektionsfläche für alles, was im Bund schiefläuft.
  • Der Faktor Mensch: So sehr man sich auch bemühte, der Funke der echten Begeisterung, der Winfried Kretschmann einst trug, wollte diesmal nicht überspringen. Der «Hundespielzeug-Moment» war nett, aber nicht wahlentscheidend.

Jetzt, am Morgen nach der Wahl, stellt sich die Frage: Wie geht es weiter mit Cem Özdemir und der Politik der Grünen im Südwesten? Wird er sich ins Bundestagsgeschehen zurückziehen und die Landespolitik den neuen Gesichtern überlassen? Oder versucht er, als Oppositionsführer im Landtag neu anzugreifen? Eines ist sicher: Die Wahl in Baden-Württemberg war mehr als nur eine regionale Abstimmung. Sie war ein Stimmungstest für die Grünen im ganzen Land – und der ist mit «ausreichend» eher wohlwollend bewertet. Die Ära der selbstverständlichen grünen Mehrheiten ist vorbei, und selbst das quietschgelbe Hundespielzeug von Karlie kann darüber nicht hinwegtrösten.