Iran-Krieg: Warum die Türkei am Scheideweg zwischen NATO und Teheran steht
Es brodelt in der Region. Während die Schlagzeilen voll sind von den jüngsten Militärschlägen und den sich überschlagenden diplomatischen Manövern zwischen Washington und Teheran, lohnt sich der Blick auf einen Akteur, der in diesem Pulverfass eine entscheidende, aber oft unterschätzte Rolle spielt: die Türkei. Hier, am Bosporus, sitzt ein NATO-Partner, der öffentlich den Frieden beschwört, aber hinter den Kulissen ein hochriskantes Spiel spielt. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Bündnistreue und nackter Angst vor den Folgen eines Iran-Krieges.
Das Erdoğan-Dilemma: Den Mullahs helfen, um sich selbst zu retten
Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass Ankara in der Klemme steckt. Offiziell redet Präsident Erdoğan von Deeskalation und warnt vor einem Flächenbrand. In Hinterzimmern, erzählt man sich hier in den Teehäusern von Istanbul, sieht die Sache aber anders aus. Die Türkei treibt ein simples, aber existentielles Problem um: der Zusammenbruch des Iran. Sollten die Ayatollahs fallen, hätten wir nicht nur ein weiteres gescheitertes Staatswesen vor der Haustür. Nein, die Rechnung wäre viel komplexer.
Stellen wir uns das Szenario mal vor: Ein Machtvakuum in Teheran. Die Grenzen sind durchlässig wie ein Schweizer Käse. Hunderttausende, wenn nicht Millionen, würden nach Westen drängen. Die Türkei, die bereits die drei Millionen Syrer verkraften musste, würde endgültig kollabieren. Die Stimmung im Land ist bereits jetzt auf dem Siedepunkt. Kein Politiker in Ankara kann sich eine zweite Flüchtlingswelle leisten – das wäre das politische Aus für jede Regierung. Es gibt sogar durchgesickerte Pläne, notfalls eine Pufferzone auf iranischer Seite zu errichten, um den Ansturm zu stoppen. Das klingt nach Extrem-Szenario, ist aber in den Militärkarten längst eingezeichnet.
Der Geist von Kandil und die Angst vor der Kurden-Karte
Und dann ist da noch die Sache mit dem Terror. Für die türkische Führung ist die größte Bedrohung nicht der israelische Vergeltungsschlag oder die amerikanischen Flugzeugträger, sondern ein Name: PJAK. Der iranische Ableger der PKK, der in den Grenzbergen sein Unwesen treibt, wäre der lachende Dritte eines Chaos in Iran. Wenn Teheran fällt, bekommen die Separatisten Auftrieb. Ein unabhängiges Kurdengebiet im Nordirak und in Syrien – das ist für Ankara schon schlimm genug. Aber ein iranischer Ableger, der dann womöglich ein eigenes Autonomiegebiet ausruft? Das wäre der Super-GAU für die nationale Sicherheit der Türkei.
Genau deshalb hat der türkische Geheimdienst MIT in den letzten Wochen enger denn je mit den iranischen Revolutionsgarden zusammengearbeitet. Es gab Hinweise, dass Ankara Teheran konkret vor PKK-Kämpfern gewarnt hat, die aus dem Irak einsickern wollten. Man stelle sich das vor: Ein NATO-Mitglied liefert Echtzeit-Informationen an ein Regime, das von der NATO und Israel als größte Bedrohung der Region eingestuft wird. Das ist die Realität des "Orient-Express" – einer Region, in der die Gleise nicht immer dorthin führen, wo die Fahrpläne der Bündnisse es vorsehen.
Geschäfte mit dem Rivalen: Gas, Gold und der schmale Grat
Natürlich spielt auch das liebe Geld eine Rolle. So sehr sich Erdoğan und die Mullahs ideologisch spinnefeind sind – im syrischen Bürgerkrieg standen sie auf entgegengesetzten Seiten –, so sehr sind sie wirtschaftlich aneinandergekettet. Die Türkei importiert einen ordentlichen Teil ihres Gases aus Iran. Würden die Pipelines gekappt, wäre die Energiekrise hierzulande perfekt. Die Industrie würde ächzen, und die Inflation, die wir gerade mühsam in den Griff bekommen, würde wieder explodieren.
Hinzu kommen die schwarzen Kanäle. Immer wieder tauchen Namen von türkischen Firmen in Sanktionslisten des US-Finanzministeriums auf. Es geht um Goldgeschäfte, um Devisentransfers, um die Umgehung von Embargos. Ein Teil der iranischen Wirtschaft, vor allem das Netzwerk der Revolutionsgarden, atmet nur, weil es die Finanzschleusen über Istanbul offen halten kann. Erdoğan lässt das geschehen, weil er so ein Druckmittel in der Hand hält. Er kann den Hahn zudrehen – und tut das auch manchmal, wie ein Dekret zur Einhaltung von UN-Sanktionen im letzten Herbst gezeigt hat. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen, ein Katz-und-Maus-Spiel, das für Außenstehende kaum zu durchschauen ist.
Zwischen allen Stühlen: Was bleibt von der Souveränität?
Bleibt die Frage: Wie lange geht das gut? Die Türkei sitzt zwischen allen Stühlen.
- Strategisch: Sie ist auf die Sicherheitsarchitektur der NATO angewiesen, nutzt aber jede Schwäche des Bündnisses für eigene Machtspiele.
- Wirtschaftlich: Sie braucht den Handel mit Iran, kann es sich aber nicht leisten, Washington endgültig zu verprellen.
- Humanitär: Sie beherbergt iranische Dissidenten, liefert sie aber nicht aus, während sie gleichzeitig deren Proteste im eigenen Land unterbindet, um die Mullahs nicht zu reizen.
Am Ende, fürchte ich, wird dieser Krieg keine Gewinner kennen. Sollten die USA und Israel das Regime in Teheran wirklich stürzen, steht die Türkei vor einem Trümmerhaufen an ihrer Ostgrenze. Sollte Iran aber standhalten, hat sich Ankara mit seiner Doppelzüngigkeit bei allen verdächtig gemacht. Die Reise mit dem Orient-Express war noch nie gemütlich – aber die aktuelle Fahrt gleicht einer wilden Talfahrt ohne Bremsen. Und wir sitzen alle in diesem Zug.