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Lamyae Aharouay: „Geschäfte mit dem extrem rechten Rand zu machen, ist kein Tabu mehr“ – und darum hört sie jetzt auf

Politik ✍️ Bas van Leeuwen 🕒 2026-03-30 07:26 🔥 Aufrufe: 2
Illustratie bij afscheidsstuk Lamyae Aharouay

In Den Haag ist es in den letzten Jahren fast zu einer eigenen Disziplin geworden: das Normalisieren des Nicht-Normalisierbaren. Alle haben zugesehen, manche mit einem Gefühl der Ohnmacht, andere mit einem achselzuckenden „So funktioniert Politik eben“. Aber nun legt Lamyae Aharouay endgültig ihre Feder nieder, und es ist, als hätte jemand im Sitzungssaal ein Fenster aufgerissen. In ihrer Abschiedskolumne tut sie, was sie schon immer am besten konnte: mit scharfem Blick den Kern der Sache freilegen. Und dieser Kern? Der ist düsterer, als wir oft zugeben wollen.

„Geschäfte mit dem extrem rechten Rand zu machen, ist kein Tabu mehr.“ Dieser eine Satz aus ihrem letzten Beitrag bleibt im Kopf. Es ist keine Schlussfolgerung aus einer theoretischen Analyse im stillen Kämmerlein; es ist die Beobachtung einer Person, die jahrelang hautnah am politischen Geschehen im Regierungsviertel dran war. Was einst eine ungeschriebene Regel war – eine Brandmauer gegen Parteien, die die Spielregeln der Demokratie untergraben –, ist weggespült worden. Nicht durch einen plötzlichen Erdrutsch, sondern durch stetige Erosion. Und Lamyae Aharouay weigert sich, das als neue Normalität zu akzeptieren.

Der Preis des „einfach Mitmachens“

In den Korridoren wird geflüstert von „Pragmatismus“. Als sei das Hinzuziehen von rechtsextremen Kräften für eine Mehrheit bloß eine einfache Rechenaufgabe. Aber Aharouay durchsticht diese Blase. Sie zeigt ganz genau auf, dass es nicht um Pragmatismus geht, sondern um eine Entscheidung. Eine Entscheidung, Hass und Rassismus, die man zuvor noch an der Türschwelle abgewiesen hat, einen festen Platz am Verhandlungstisch einzuräumen. Es ist die politische Version des Overton-Fensters: Was früher nicht verhandelbar war, wird durch ständige Wiederholung und mangelnden Widerstand irgendwann zur „bloßen Meinung“. Der Preis dafür ist nicht nur die Glaubwürdigkeit der Institutionen, sondern auch die Sicherheit und das Zugehörigkeitsgefühl ganzer Bevölkerungsgruppen in diesem Land.

Ihr Weggang ist deshalb mehr als ein personalpolitischer Wechsel. Es ist ein Statement. Jemand, der mit solcher Präzision benennen konnte, was schieflief, hört auf. Nicht, weil sie es nicht mehr aushält, sondern weil sie sich weigert, sich an die Kälte zu gewöhnen. In ihrer Arbeit hat sie in den letzten Jahren konsequent eine Rolle gespielt, die man im Alltagsgeschäft fast vergessen würde: die der unbequemen Fragestellerin.

  • Wie kann eine Regierung, die vorgibt, für „normales Handeln“ zu stehen, strukturell mit Parteien zusammenarbeiten, die den Rechtsstaat relativieren?
  • Warum wird die Rhetorik, die jahrzehntelang als Tabu galt, heute als „andere Meinung“ abgetan?
  • Und was bedeutet es für die Zukunft der Demokratie, wenn der moralische Kompass durch einen Taschenrechner ersetzt wird?

Das sind die Fragen, die Lamyae Aharouay stellte. Und weil die Antwort immer häufiger unangenehm oder schlicht nicht vorhanden war, entschied sie sich für eine andere Bühne. Nicht um zu schweigen, sondern um ihre Stimme auf eine andere Art und Weise Gehör zu verschaffen. Es ist ein Verlust für den Journalismus in Den Haag, der in den letzten Jahren ohnehin schon oft mit dem Abgang kritischer Stimmen zu kämpfen hatte.

Die Stille nach dem Schlag

Was bleibt, wenn sich der Staub gelegt hat? Die Reaktionen auf ihren Abschied sind vielsagend. Wo manche Politiker ihre Arbeit als „Besserwisserei“ abtaten, war die Resonanz bei einem großen Teil des Publikums überwältigend. In den Gängen des Parlaments, aber auch auf der Straße, wird anerkannt, dass sie wie ein Seismograf war. Sie spürte die Erschütterungen, bevor der Rest des Landes merkte, dass der Boden zu beben begann. Dass sie jetzt geht, zwingt uns zum Nachdenken: Haben wir die Grenze wirklich aus den Augen verloren? Und wenn es diese Grenze noch gibt, warum wird sie dann von niemandem mehr bewacht?

Für alle, die die Haager Politik in den letzten Jahren ein wenig verfolgt haben, ist es klar: Der Abgang von Lamyae Aharouay ist ein Wendepunkt. Es ist der Moment, in dem die Warnungen nicht mehr auf einem Zettel stehen, sondern in großen, schwarzen Buchstaben an der Wand stehen. Ob Den Haag diese Lektion beherzigt, ist die große Frage. Aber eines ist sicher: Sie hinterlässt eine Lücke, die nicht einfach zu füllen sein wird. Und während sich die Verhandlungstische wieder mit den gleichen Leuten füllen, die sie bis zum Äußersten getrieben haben, bleibt die Frage im Raum: Wer traut sich jetzt noch zu sagen, dass der Kaiser keine Kleider trägt?