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Sabri Essid-Prozess: Am dritten Tag die erschütternde Aussage seiner Frau über den Völkermord an den Jesiden

Justiz ✍️ Éric Mandonnet 🕒 2026-03-19 14:08 🔥 Aufrufe: 1

Bild vom Prozess gegen Sabri Essid

Man ist weit, sehr weit entfernt von den Propagandabildern des IS. Hier, auf der Anklagebank, ist Sabri Essid – oder Belgacem Sabri, wie er standesamtlich heisst – nur noch ein Mann, der auf seine Schuhe starrt. Um ihn herum prallen die Worte der Überlebenden aufeinander, stossen an, zerreissen die gedämpfte Stille des Gerichtssaals. Wir befinden uns am dritten Tag dieses historischen Prozesses, dem ersten in Frankreich, bei dem sich ein eigener Staatsbürger wegen Beihilfe zum Völkermord an der jesidischen Gemeinschaft verantworten muss. Und an diesem Mittwoch erhob sich eine unerwartete Stimme: die seiner eigenen Frau.

«Ich wurde mir bewusst, dass ich die Frau eines Monsters war»

Jahrelang war sie diejenige, die man sah, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Das diskrete, fügsame Mädchen, das in die Mühlen des Artigat-Netzwerks geriet, jener Toulouse-nahen Gruppierung, die Dutzende Franzosen in die Reihen der Terrororganisation Islamischer Staat brachte. Von ihren Anwälten als «gehorsames, schönes Mädchen, das den Koran kennt» beschrieben, folgte sie ihrem Mann nach Syrien. Dort, in Rakka, kippte der Alltag sehr schnell ins Grauen. «Am dritten Tag wurde mir bewusst, dass ich die Frau eines Monsters bin», sagte sie mit ausdrucksloser Stimme. Es war kein plötzlicher Moment der Klarheit, sondern eine langsame und unerbittliche Entdeckung der Vernichtungsmaschinerie des IS.

Sie erzählte. Von den jesidischen Sklavinnen, die in Kellern eingepfercht wurden, von den Mädchen, die auf dem Markt wie Vieh verkauft wurden, von den Gruppenvergewaltigungen, die den Abend der Emire prägten. Sabri Essid war kein einfacher Kämpfer. Er verwaltete «menschliche Bestände», beteiligte sich am Handel, suchte Frauen für seine Kameraden aus. Seine Ehefrau, in der gemeinsamen Wohnung eingesperrt, versuchte wegzusehen. Bis zu dem Tag, an dem ihr Blick im Treppenhaus dem eines jesidischen Kindes begegnete. «Sie war zehn Jahre alt, vielleicht jünger. Sie war nackt, überall blaue Flecken. In dem Moment begriff ich, dass mein Mann im Zentrum dieses Systems stand.»

Aussagen von «äusserster Schwere»

Das Gericht hörte daraufhin drei weitere Frauen. Ihre Worte von äusserster Schwere liessen die Versammlung erstarren. Sie waren nicht die Ehefrauen der Henker, sondern die direkten Opfer. Eine von ihnen, eine jesidische Überlebende, beschrieb die Organisation des Kalifats:

  • Die Trennung der Familien, die Erschiessung der Männer vor den Augen ihrer Angehörigen;
  • Die Frauen und Kinder, den Kämpfern als Kriegsbeute «geschenkt»;
  • Die täglichen Überstellungen zwischen syrischen und irakischen Provinzen, organisiert von Logistikern wie Sabri Essid;
  • Die erzwungenen Konversionen und systematischen Vergewaltigungen, eingebettet in eine Logik der Auslöschung.

Was diese Berichte ans Licht bringen, ist die französische Verstrickung in diese Maschinerie. Denn Sabri Essid ist kein Einzelfall. Er ist ein Produkt des Artigat-Netzwerks, benannt nach jener Kleinstadt im Lauragais, wo Anfang der 2000er Jahre ein Netzwerk vor den Augen der Geheimdienste eine ganze Generation radikalisierte. Dort kreuzte Essid den Weg vieler anderer französischer Dschihadisten. Ein weit verzweigtes Netzwerk, das dem Islamischen Staat seine eifrigsten Kader lieferte.

Die Bedeutung dieses Prozesses geht daher über den Einzelfall hinaus. Es geht darum, die französische Beteiligung – durch ihre Staatsbürger – am Völkermord am jesidischen Volk juristisch anzuerkennen. Eine Gemeinschaft, die 2014 einen methodischen Vernichtungsfeldzug erlitt: über 5'000 getötete Männer, Tausende Frauen und Kinder in sexuelle Sklaverei verschleppt. Heute, während die Gemeinschaft im irakischen Kurdistan langsam wieder aufbaut, versucht die Justiz, das Unsagbare in Worte zu fassen. «Das ist keine Rache», schloss der Anwalt einer der Nebenklägerinnen, «es ist eine Pflicht der Erinnerung und der Menschlichkeit.»

Das Urteil wird nicht vor mehreren Wochen erwartet. Doch eines steht bereits fest: Diese drei Verhandlungstage haben dem Mann endgültig die Maske heruntergerissen, der in den Augen seiner eigenen Frau nichts weiter als ein Monster ist.