Wenn «Supreme» zwei Gesichter zeigt: Urteile des US Supreme Court und die höchste Kollaboration aus der Streetwear-Szene
In Washington DC, an einem Morgen, an dem die Wolken tief hängen, steht ein Gebäude von besonderer, majestätischer Ausstrahlung: der Supreme Court der Vereinigten Staaten. Jene Fassade aus weissem Marmor ist buchstäblich der Ort, der das «Höchste» des Landes symbolisiert. Doch heute beginnt man zu erkennen, dass dieses «Höchste» zwei unterschiedliche Gesichter hat.
Der konservative Weg – ein Triumphzug?
Letzte Woche fällte der Oberste Gerichtshof zwei Urteile, die hohe Wellen schlugen. Zunächst ging es um eine Klage bezüglich der Transgender-Politik in Kalifornien. Bei der Frage nach der Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität im Schulalltag gab das Gericht den Elternrechten den Vorrang. Einige internationale Medien feierten diese Entscheidung als «historische Zäsur». Nur Tage später folgten weitere Urteile, die das Erziehungsrecht der Eltern über bürokratische Vorgaben im Bildungswesen stellten. In politischen Kreisen wird mitunter spöttisch von «Saurons Sieg» gesprochen – die Unruhe der liberalen Kräfte zeigt, wie sehr die Konservativen ihren Einfluss gefestigt haben.
Dem aufmerksamen Beobachter entgeht nicht: Die Zusammensetzung des Gerichts hat sich in den letzten Jahren deutlich nach rechts verschoben, und die Urteile wirken zunehmend wie Teile eines politischen Schlagabtauschs. Dennoch bleibt der Supreme Court unbestritten der Ort des «Supreme».
Die Spuren des anderen «Supreme»
Die gleichnamige Streetwear-Marke Supreme hat ihr «Höchstes» an einem völlig anderen Ort gesucht. In den 90ern in New York geboren, hat sie, ausgehend von der Skate-Kultur, unentwegt die Grenzen zwischen Kunst, Musik und Mode eingerissen.
Die neueste, kürzlich angekündigte Kollaboration beweist diese Sprengkraft erneut: der Supreme × Nike SB Dunk Low Rammellzee. Die gotisch-futuristische Bildwelt des Künstlers Rammellzee, der in den 80ern in Brooklyn wirkte, findet hier Einzug in den ikonischen Dunk-Low. Rammellzee war Graffiti-Writer, Musiker und ein Querkopf, bekannt für seine selbst entwickelten «Kampfstile». Die von ihm hinterlassenen Camouflage- und silbernen Schriftzeichen fordern uns zur Interpretation heraus – fast wie die Urteilstexte des Gerichts.
Vom Bootcamp zum Mannwerden und die Begegnung mit dem Strichmännchen
Das Spannende ist, dass sich die Geschichten um dieses «Höchste» gleichzeitig auch in anderen Bereichen abspielen.
- «The Pink Marine: One Boy's Journey Through Boot Camp to Manhood» – Diese Autobiografie schildert den Weg eines Jungen zum Mann durch das brutale Grundtraining des Marine Corps. Ein «Höchstmass an Stärke», geformt im Schmelztiegel von Disziplin und Gehorsam. Ein Thema, das auch der Welt des Rechts nicht fremd ist.
- Und dann das viel diskutierte Game «Supreme Duelist Stickman». Die Kämpfe der simplen Strichfiguren haben mitunter eine Spannung, die an Auseinandersetzungen vor Gericht erinnert. Die Stickmen kämpfen um die Vorherrschaft – fast wie ein Abbild der ideologischen Gefechte unter den Verfassungsrichtern.
Betrachtet man dies alles nebeneinander, wird klar: Der Begriff «Supreme» vereint zwei Pole – den Gipfel der Autorität und die Speerspitze der Gegenkultur. In dem Moment, in dem Anwälte vor Gericht «Präzedenzfälle des Obersten Gerichtshofs» zitieren, suchen Jugendliche auf der Strasse nach Supreme-T-Shirts mit Box-Logo und treiben die Preise auf eBay in die Höhe.
Für welches Supreme entscheiden Sie sich?
Letzte Woche beobachtete ich die Menschenmenge bei einer Demonstration vor dem Supreme Court in Washington – genauer: ihre Schuhe. Die Sneaker waren erstaunlich vielfältig. Junge Leute mit den neuesten Nike SB Dunks standen neben Männern in abgewetzten Boots. Vor diesem wolkenverhangenen Gebäude glaubt jeder an seine eigene Gerechtigkeit und sein eigenes «Höchstes».
Die Urteile des Obersten Gerichtshofs verändern zweifellos die Gesetze des Landes. Doch die Kultur von unten zu verändern, das sind am Ende vielleicht doch Künstler wie Rammellzee, der Marine, der sich selbst stählte, oder die Gamer, die ihre Stickman-Krieger steuern. Wenn Supreme zwei Gesichter hat, liegt es an Ihnen, welchem Sie den Rücken zukehren und welchem Sie sich zuwenden.