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Alfred Noll verstorben: Ein Nachruf auf den Anwalt, Politiker und Querdenker

Recht ✍️ Georg Pichler 🕒 2026-03-16 20:04 🔥 Aufrufe: 1
Alfred J. Noll

Stellen Sie sich einen Anwalt vor, der nicht nur Paragrafen im Schlaf beherrscht, sondern auch dicke Bücher über Thomas Hobbes schreibt – und dann auch noch in die Politik geht. Das war Alfred J. Noll, der kurz nach Weihnachten im Alter von 63 Jahren verstorben ist. Ein herber Verlust für die österreichische Rechtslandschaft und für alle, die ihn als scharfzüngigen Debattierer kannten.

Für viele war er einfach „Alfred Noll“ – der Anwalt mit der leisen Stimme und den messerscharfen Argumenten. Wer einmal vor Gericht mit ihm zu tun hatte, vergisst diesen Mann so schnell nicht. Ob es um brisante politische Prozesse ging oder um grundsätzliche Verfassungsfragen – Noll war immer ein Garant für Tiefgang und unkonventionelle Gedanken. Sein Markenzeichen: eine Prise Philosophie im juristischen Alltag.

Vom Universitätsprofessor zum Politiker

Geboren 1960, hat Alfred J. Noll schon früh eine steile akademische Karriere hingelegt. Habilitation, Universitätsprofessor für Rechtswissenschaften – aber das war ihm nie genug. Er wollte raus aus dem Elfenbeinturm, rein ins pralle Leben. Also schrieb er nicht nur wissenschaftliche Abhandlungen (unter anderem ein viel beachtetes Werk über Thomas Hobbes), sondern gründete auch eine eigene Anwaltskanzlei. Und dann, 2008, zog er für die Grünen in den Nationalrat ein. Drei Jahre lang mischte er die Bundespolitik auf, bis er sich 2011 wieder ganz auf die Anwaltstätigkeit konzentrierte.

Ein Jurist mit politischem Instinkt

Als Abgeordneter war Alfred Noll keiner, der brav die Parteilinie abnickte. Er blieb immer ein Querdenker, einer, der lieber zweimal hinschaute, bevor er ein Urteil fällte. Das machte ihn nicht immer bequem – aber immer glaubwürdig. In den Verhandlungen des Untersuchungsausschusses zur Hypo-Alpe-Adria zeigte er dann noch einmal sein ganzes Können: als Prozessbeobachter der Caritas, der mit juristischem Geschick die Strippenzieher entlarvte.

Seine Karriere war geprägt von einer beeindruckenden Bandbreite:

  • Als Anwalt: Vertretung in hochsensiblen Causen, etwa für die Caritas im Hypo-Untersuchungsausschuss oder für Whistleblower.
  • Als Autor: Zahlreiche Publikationen, darunter das vielzitierte Werk „Thomas Hobbes – Alfred J. Noll: Eine Annäherung“ und unzählige Aufsätze zu Rechtsphilosophie und Verfassungsrecht.
  • Als Politiker: Nationalratsabgeordneter der Grünen (2008–2011) mit Fokus auf Justiz und Verfassung.
  • Als Mensch: Ein stiller Geniesser, der hinter seiner oft nachdenklichen Fassade einen trockenen Humor verbarg.

Apropos Humor: Manchmal wurde sein Name in Medien fälschlich als „Alfred Noller“ ausgeschrieben. Er soll darüber nur müde gelächelt haben – Hauptsache, der Inhalt stimmte. Und der Inhalt stimmte bei ihm fast immer. Wenn er vor dem Verfassungsgerichtshof plädierte, lauschten nicht nur die Richter gespannt, sondern auch die jungen Kollegen, die von ihm lernen wollten.

Ein Nachruf voller Wehmut

Sein Tod hinterlässt eine Lücke. In den letzten Tagen haben Weggefährten aus Politik und Justiz Abschied genommen, und alle waren sich einig: Alfred J. Noll war ein Jurist, wie ihn sich das Land mehr wünschen würde – klug, unbestechlich und immer auf der Suche nach der Wahrheit hinter den Paragrafen. Aus Justizkreisen war zu hören, dass die Republik einen ihrer profiliertesten Köpfe verliere. Kollegen erinnern sich an seine leise Art, an die kurzen Pausen vor einer Antwort, in denen er jedes Wort auf die Goldwaage legte. Und an seine Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte so auseinanderzunehmen, dass selbst der Laie verstand, worum es eigentlich ging. Genau das macht einen grossen Juristen aus – nicht das Zitieren von Paragrafen, sondern das Erklären von Gerechtigkeit.

In diesem Sinne: Ruhe in Frieden, Alfred Noll. Die Republik verliert einen ihrer hellsten Köpfe.