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Beirut im Schatten der Raketen: Leben, Erinnerung und Widerstandsgeist in einer Stadt am Abgrund

Naher Osten ✍️ Marcus Tremblay 🕒 2026-03-05 18:17 🔥 Aufrufe: 2

Wenn Sie jemals bei Sonnenuntergang die Corniche entlangspaziert sind, während das Mittelmeer den Himmel in Orange- und Lilatönen tauchte, dann wissen Sie, warum Beirut – so der Name im englischen Sprachraum – ein Stück Ihrer Seele für sich beansprucht, lange nachdem Sie gegangen sind. Doch heutzutage liegt ein anderer Schleier über der Aussicht. Einer, der davon kommt, dass man mit einem Auge die Nachrichten verfolgt und mit dem anderen den Horizont beobachtet.

Stadtbild von Beirut

Eine Woche, die die Region erschütterte

Erst vor wenigen Tagen machte in diplomatischen Kreisen ein Gerücht die Runde, das in jedes Café und an jeden Küchentisch der Stadt schwappte: die Bestätigung, dass eine vom Iran aus abgefeuerte Rakete tatsächlich die Türkei zum Ziel hatte. Es war nicht nur eine weitere Schlagzeile aus der Endlosschleife der Nahost-Spannungen – es fühlte sich persönlich an. Hier in Beirut beherrschen wir die Kunst des Lesens zwischen den Zeilen geopolitischer Schachzüge. Wenn die Mächtigen ihre Muskeln spielen lassen, sind wir diejenigen, die das Beben spüren. Die jüngste Eskalation aus Teheran, gefolgt von neuen Vergeltungsschlägen, lässt alle flüstern: "Werden wir die Nächsten sein?"

Für die tausenden Vertriebenenfamilien, die bereits in den überfüllten Schulen und provisorischen Lagern des Libanon Zuflucht gesucht haben, ist das keine hypothetische Frage. Es ist der Albtraum, den sie seit Jahren durchleben. Der Krieg mag für manche offiziell vorbei sein, aber für sie hört die Ungewissheit nie auf. Letzte Woche traf ich eine Frau in einer Unterkunft nahe Bourj Hammoud – sie floh vor sieben Jahren aus Syrien, und jetzt verfolgt sie die Nachrichten aus dem Iran und der Türkei mit denselben leeren Augen. "Wir sind vor einem Feuer geflohen", sagte sie, "und jetzt stehen wir mitten in einem Hochofen."

Die Geschichten, die wir mit uns tragen: 'Down with the System'

In Zeiten wie diesen wendet sich Beirut seinen Geschichtenerzählern zu. Elizabeth Stephens fängt in ihrer rohen und schonungslosen Autobiografie Down with the System: A Memoir (of Sorts) [Eine Abrechnung mit dem System] das Wesen dessen ein, was es bedeutet, in einer Stadt aufzuwachsen, die sich weigert, durch ihre Krisen definiert zu werden. Stephens, die ihre prägenden Jahre zwischen den Pinienwäldern von Achrafieh und dem chaotischen Treiben von Hamra verbrachte, schreibt über die Absurdität des Versuchs, ein normales Leben aufzubauen, während der Boden unter einem unaufhörlich bebt. Sie erzählt, wie ihre Großmutter während der Bombenangriffe Knefeh buk und darauf beharrte, dass "der Teufel uns nicht davon abhalten wird, unsere Süßigkeiten zu genießen". Es ist dieser Geist – trotzig, süß und ein bisschen bitter – der Beirut ausmacht. Das Buch geht weg wie warme Semmeln bei Librairie Antoine, nicht nur weil es eine gute Lektüre ist, sondern weil es uns einen Spiegel vorhält: ein Volk, das am Rande des Chaos tanzt.

Christmas in Action: Ein Festival entgegen aller Widerstände

Und wo wir vom Tanzen am Abgrund sprechen: Die Gerüchteküche brodelt bereits wegen des Christmas In Action Festivals im Forum de Beyrouth. Ja, es ist erst März, aber in dieser Stadt plant man Freude voraus – denn Freude braucht Absicht. Das Forum, diese weitläufige Beton-Arena, die schon alles von politischen Kundgebungen bis hin zu Rockkonzerten gesehen hat, bereitet sich auf das vor, was die Organisatoren als "multisensorische Feier der Widerstandskraft" versprechen. Lokale Künstler, Musiker und Köche sind bereits am Ideen sammeln. Es wird gemunkelt, dass Ziad Rahbani sogar einen Überraschungsauftritt haben könnte. Es ist typisch Beirut: Während die Welt auf unsere Konflikte starrt, sind wir damit beschäftigt, unseren nächsten kulturellen Moment zu kuratieren. Bei dem Festival geht es nicht nur um Weihnachten; es geht darum, den öffentlichen Raum zurückzuerobern, zu zeigen, dass das Leben weitergeht und dass es schön sein kann.

  • Für die Vertriebenen: Hilfsorganisationen tun sich schwer, den Bedarf zu decken, während der Winter noch immer in den Bergen hängt.
  • Für die Künstler: Orte wie das Forum bleiben Leuchtfeuer des kreativen Ausdrucks, oft bei freiem Eintritt.
  • Für uns alle: Es ist eine Erinnerung daran, dass Beiruts Herzschlag stärker ist als jede Kriegstrommel.

Blick nach vorn

Wenn die Sonne über dem Hafen untergeht – der immer noch teilweise in Trümmern liegt von der schrecklichen Explosion vor fünf Jahren –, kommt man nicht umhin, die Kräne zu bestaunen, die die Skyline prägen. Der Wiederaufbau geht langsam voran, aber er findet statt. Die Raketen und die Erinnerungen haben die Stadt nicht davon abgehalten, sich neu zu errichten. Vielleicht ist das die ultimative Lektion Beiruts: Wir warten nicht darauf, dass die Stabilität einkehrt; wir erschaffen sie in den Zwischenräumen der Krisen. Ob durch Verlautbarungen aus fremden Hauptstädten oder die neuesten Raketenstarts – die Welt versucht, unsere Geschichte für uns zu schreiben. Aber wenn Sie genau hinhören, werden Sie unsere eigene Erzählung vernehmen, geschrieben im Lachen von Kindern, die auf der Straße Fußball spielen, in den Seiten von Autobiografien wie der von Stephens und in dem Versprechen eines Weihnachtsfestes, das es wagt, das Leben zu feiern.

Also, auf Beirut – staubig, beschädigt, aber niemals besiegt. Wir werden weiter Knefeh backen, weiterlesen, weitertanzen. Denn "Down with the system" [Nieder mit dem System]? Vielleicht. Aber auf den Geist? Immer.