Britische Regierung verbietet Al-Quds-Marsch in London vor dem Hintergrund wachsender Spannungen um Jerusalem
Für jeden, der so lange in London lebt wie ich, ist der jährliche Al-Quds-Marsch seit Jahrzehnten ein fester Termin im Protestkalender. Aber dieses Jahr hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Heute Morgen gab Innenministerin Shabana Mahmood grünes Licht für den Antrag der Metropolitan Police, den Marsch vollständig zu verbieten. Eine Entscheidung, die bereits jetzt wie ein Schock durch Gemeindegruppen und politische Kreise geht.
Was ist der Al-Quds-Marsch und warum ist er umstritten?
Der Name selbst, Al-Quds, ist das arabische Wort für Jerusalem. Der Marsch, der traditionell am letzten Freitag des Ramadan stattfindet, soll Solidarität mit dem palästinensischen Volk und Ablehnung der israelischen Kontrolle über die Stadt ausdrücken. Aber im Laufe der Jahre hat sich sein Ruf mit einigen zwielichtigen Elementen vermischt. Das Argument von Scotland Yard, dem die Innenministerin nun gefolgt ist, lautet, dass die Veranstaltung von Gruppen mit Verbindungen zu iranunterstützten Milizen gekapert wurde und ein echtes Risiko für öffentliche Unruhen darstellt. Man muss sich nur die Gesänge und Transparente der vergangenen Jahre ansehen, um zu verstehen, warum die Behörden nervös sind.
Deutliche Worte der Ministerin: "Keinen Platz in der britischen Gesellschaft"
Justizministerin Sarah Sackman machte heute Morgen im "Today"-Programm kein Blatt vor den Mund. Sie stellte klar, dass ein Marsch mit solchen Verbindungen "keinen Platz in der britischen Gesellschaft" habe. Diese Haltung wird von vielen in der jüdischen Gemeinschaft begrüßt, die sich durch das Ausmaß und die Rhetorik des Protests seit langem eingeschüchtert fühlen. Für britische Muslime und propalästinensische Aktivisten fühlt es sich jedoch so an, als würde ein grundlegendes Protestrecht Stück für Stück ausgehöhlt. Ich unterhielt mich kürzlich mit einem Bekannten, der ein Café an der Edgware Road betreibt – genau dort, wo der Marsch normalerweise beginnt; er sagt, dass das Thema seine Kundschaft tief spaltet.
Stimmen aus der Praxis und darüber hinaus
Natürlich hat das Verbot weit über London hinaus eine Flut von Reaktionen ausgelöst. Eine in London ansässige panarabische Tageszeitung hat die Geschichte bereits auf ihrer Titelseite aufgemacht und stellt sie als weiteres Beispiel für westliche Beschränkungen der palästinensischen Interessenvertretung dar. In der Zwischenzeit haben Wissenschaftler von Einrichtungen wie der Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem und dem Fernstudiennetzwerk AlQuds Open University ihre Gedanken in den sozialen Medien geteilt und darauf hingewiesen, dass der Name Al-Quds für viele Palästinenser selbst ein Symbol ihrer nationalen Identität ist. Man kann das Wort nicht von der Emotion trennen, besonders wenn man über eine so aufgeladene Stadt wie Jerusalem spricht.
Wie geht es weiter?
Die Organisatoren drohen bereits mit rechtlichen Schritten und argumentieren, das Verbot sei politisch motiviert und ziele unverhältnismäßig auf eine Veranstaltung mit muslimischer Mehrheit ab. Sie verweisen auf andere umstrittene Märsche, die problemlos stattfinden konnten. Die Polizei besteht jedoch darauf, dass es hier nicht darum gehe, eine bestimmte Glaubensrichtung zum Schweigen zu bringen, sondern einen schwerwiegenden Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung zu verhindern. Sie haben konkrete Erkenntnisse angeführt, die darauf hindeuten, dass es bei einer Durchführung des Marsches wahrscheinlich zu Hassreden und sogar zu Gewaltaufrufen gekommen wäre.
Hier ist eine kurze Aufschlüsselung der wichtigsten Argumente, die ich von beiden Seiten höre:
- Befürworter des Verbots argumentieren, es sei ein notwendiger Schritt, um die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaften zu schützen und zu verhindern, dass extremistische Elemente London als Bühne nutzen. Sie sind der Ansicht, dass der Marsch zu einem Magneten für antisemitische Parolen und Symbole geworden ist.
- Gegner des Verbots sehen darin einen gefährlichen Präzedenzfall, der legitimen politischen Widerspruch kriminalisiert. Sie bestehen darauf, dass die überwältigende Mehrheit der Marschteilnehmer friedliche Bürger sind, die ihr demokratisches Recht auf Protest für palästinensische Rechte ausüben.
Ich persönlich habe genug Proteste in dieser Stadt gesehen, um zu wissen, dass der Kontext entscheidend ist. Vor einem Jahrzehnt wäre dieser Marsch vielleicht nur als ein weiteres Stück im vielfältigen politischen Geflecht der Hauptstadt angesehen worden. Aber nach dem 7. Oktober und dem anschließenden Gazakrieg hat sich die Stimmungslage völlig verändert. Die Entscheidung der Regierung, den Al-Quds-Marsch zu verbieten, ist nicht nur ein juristisches Manöver; sie spiegelt wider, wie roh und real der Schmerz über Jerusalem geworden ist, sogar auf den Straßen Londons. Uns steht mit Sicherheit ein langer, heißer Sommer voller Rechtsstreitigkeiten und Spannungen in den Gemeinschaften bevor.