Kann der Kanton Zürich vom Krieg lernen? Weltpolitik, Canva, Canon und ein Cannabisladen in Basel.
Es gibt Tage, da kommt man aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Hier bei uns in der Schweiz diskutiert der Gemeinderat allen Ernstes, ob der neue Cannabis-Laden in Basel das beschauliche Quartiersbild stört, während nur ein paar tausend Kilometer entfernt die Geschichte neu geschrieben wird – mit Blut, mit Verträgen, die nichts mehr wert sind, und einer uralten Frage: Darf man den Grossmächten eigentlich noch trauen?
Die Rede ist von den Kurden. Schon wieder. Und schon wieder stehen sie im Zentrum eines Konflikts, der die gesamte Region umkrempeln könnte. Die aktuellen Schlagzeilen überschlagen sich: Der Chef der US-Terrorbekämpfung, Joseph Kent, ist zurückgetreten, weil er den Iran-Krieg nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Gleichzeitig beschiessen iranische Drohnen Stellungen der kurdischen Peschmerga im Nordirak. Und mittendrin: diese eine Frage, die so schwer wiegt wie die Berge, in denen die Kämpfer leben.
Ein Volk, gespalten wie eine Canvas-Leinwand
Stellen Sie sich vor, Sie entwerfen auf Canva das Bild einer Nation. Sie ziehen Grenzen, setzen Farben, fügen Völker ein. Genau das geschah 1923 mit dem Vertrag von Lausanne: eine Neuordnung der Landkarte, bei der die Kurden schlichtweg vergessen wurden. Ein Staat wurde ihnen versprochen – geliefert wurde nichts. Seither sind sie die grösste staatenlose Nation der Welt, und die Geschichte wiederholt sich mit der Grausamkeit einer Endlosschleife.
Heute, 103 Jahre später, stehen sie wieder einmal da. Die USA und Israel würden es begrüssen, wenn die Kurden den Bodentruppen-Teil beim Sturz des iranischen Regimes übernähmen. Aber die Kurden sind nicht naiv. Sie erinnern sich an 1975, als Henry Kissinger sie nach dem Abkommen von Algier fallen liess wie eine heisse Kartoffel. Sie erinnern sich an 1991, als der Aufstand gegen Saddam Hussein im Blut erstickte, weil der Westen wegschaute. Und sie erinnern sich an 2026 – gerade einmal zwei Monate ist es her –, als die Trump-Administration die Kurden in Syrien erneut vor den Kopf stiess.
Der Satz "Die Kurden haben keine Freunde außer den Bergen" ist nicht bloss eine poetische Floskel. Er ist die bittere Bilanz von Generationen.
Zwischen Canon und Kalaschnikow
Letzte Woche sprach ich mit einem Fotografen, der gerade von der irakisch-iranischen Grenze zurückgekehrt war. Er zeigte mir Bilder, aufgenommen mit einer Canon EOS – gestochen scharf, fast schon unangemessen ästhetisch für das, was sie zeigten. Junge Kämpfer der Komala, der Reformfraktion, die in den Bergen campieren. Sie trainieren, sie warten, sie hoffen.
Einer von ihnen, ein Kommandeur der PAK, sagte einem Journalisten vor Ort: "Wenn wir die Grenze überqueren, sollen die Amerikaner den Himmel für uns sichern." Klingt einfach. Ist es aber nicht. Denn die USA zögern. Erst sagte Trump, er wäre "ganz dafür", wenn die Kurden losschlagen – dann ruderte er zurück: "Der Krieg ist kompliziert genug, ohne die Kurden da mit hineinzuziehen."
Für die Kurden ist das ein Déjà-vu. Sie wissen, dass sie als Verhandlungsmasse dienen. Dass ihre Träume von Autonomie oder gar Eigenstaatlichkeit in Washington nur so lange Gewicht haben, wie sie dem Zweck dienen, Teheran zu schwächen. Ein hochrangiger kurdischer Beamter brachte es auf den Punkt: "Das kurdische Volk lehnt das Regime der Islamischen Republik überwältigend ab. Aber es hat auch Angst, schon wieder im Stich gelassen zu werden."
Die neue Einheit – oder doch nur ein Strohfeuer?
Es gibt einen Hoffnungsschimmer. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten haben sich fünf wichtige kurdische Parteien im Iran zusammengetan: die PDKI, die Komala, die PAK, die Khabat und die PJAK. Sie nennen sich "Koalition der politischen Kräfte des Iranischen Kurdistan". Klingt sperrig, ist aber politisches Dynamit. Früher bekämpften sich diese Gruppen, heute eint sie der gemeinsame Feind.
Mustafa Hijri von der PDKI, den viele den "Barzani Ost-Kurdistans" nennen, treibt die Sache voran. Und sie haben sogar schon einen Plan: Föderalismus. Kein unabhängiger Staat, sondern ein Iran, in dem die Kurden endlich ihre Rechte bekommen – Bildung in der eigenen Sprache, kulturelle Autonomie, eine eigene Verwaltung. "Wir sind Iraner, aber wir sind kurdische Iraner, und wir wollen im Iran bleiben", betont Razgar Alani, der PDKI-Vertreter in London.
Ob das in Teheran Gehör findet? Wohl kaum. Das Regime bezeichnet jeden Kurden automatisch als "Separatisten". Dabei ist die Rechnung einfach: Wenn man 47 Jahre lang eine Bevölkerung unterdrückt, ihre Dörfer bombardiert, ihre Jugendlichen einsperrt und hinrichtet, dann darf man sich nicht wundern, wenn diese Bevölkerung rebelliert. Die Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" von 2022 war nur die Spitze des Eisbergs.
Was lernen wir daraus? Eine kleine, sehr schweizerische Liste
Ich weiss, Sie fragen sich jetzt vielleicht: Was hat das mit mir zu tun? Mit meinem Alltag in Zürich, Bern oder Genf? Mehr, als Sie denken. Denn während die Welt da draussen in Scherben fällt, müssen wir hier Entscheidungen treffen. Lassen Sie mich das in einer Liste zusammenfassen – ganz pragmatisch, schweizerisch eben:
- Cannabis-Laden: In Basel und anderswo schiessen sie wie Pilze aus dem Boden. Während wir über Öffnungszeiten und Jugendschutz diskutieren, finanzieren irgendwo im Nahen Osten vielleicht Drogengelder Milizen. Nicht direkt, nicht offensichtlich, aber die Welt ist ein Dorf. Wer den legalen Markt reguliert, nimmt den illegalen Strukturen Geld aus der Tasche. Das ist auch Aussenpolitik.
- Canon und Canvas: Die Bilder, die wir von den kurdischen Kämpfern sehen, werden mit hochpräzisen Kameras aufgenommen und oft genug mit Design-Tools nachbearbeitet, um die Weltmeinung zu beeinflussen. Propaganda war gestern, heute ist visuelle Kommunikation. Wenn Sie das nächste Mal ein Bild auf Instagram sehen, fragen Sie sich: Wer hat hier mit welchem Ziel inszeniert?
- CANAL+: Der Streamingdienst zeigt Dokus über den Krieg, über Flucht, über Vertreibung. Wir konsumieren das auf unseren Bildschirmen, während wir gemütlich auf dem Sofa sitzen. Aber hinter jeder dieser Dokumentationen stehen echte Menschen. Echte Tränen. Echte verlorene Existenzen.
Die Geduld der Berge
Ein Freund, der für eine Hilfsorganisation im Nordirak arbeitet, erzählte mir am Telefon: "Weisst du, was mich am meisten beeindruckt? Die Geduld der Leute hier. Sie warten seit einem Jahrhundert. Sie haben gelernt, dass die Grossmächte kommen und gehen, aber die Berge bleiben."
Vielleicht liegt darin die grösste Lektion für uns in der Schweiz. Wir leben in einem Land, das seit Jahrhunderten stabil ist, das nie erobert wurde, das seine Grenzen kennt. Die Kurden haben das nicht. Sie leben in einem ständigen Zustand des "Was wäre wenn". Was, wenn die USA diesmal wirklich halten, was sie versprechen? Was, wenn die Allianz der Parteien hält? Was, wenn der Iran wirklich fällt?
Drei Can-Fragen, die über Leben und Tod entscheiden.
Bis dahin harren sie aus. In den Lagern an der Grenze, in den Bergen, in den kargen Dörfern. Sie putzen ihre Waffen, sie beten, sie hoffen. Und sie beobachten, wie der Westen mal wieder zögert. Die Geschichte lehrt uns eines: Wer die Kurden als Werkzeug benutzt, muss mit blutigen Händen rechnen. Wer sie aber ignoriert, verspielt vielleicht die letzte Chance auf eine stabile Region.
In diesem Sinne: Behalten wir den Nahen Osten im Auge. Auch wenn es in Basel gerade regnet und der Cannabis-Laden um die Ecke eröffnet hat. Die Welt ist kleiner geworden. Und was heute in den kurdischen Bergen passiert, kann morgen unsere Asylgesuche, unsere Sicherheitsdebatten und unser Bild von Freiheit bestimmen.
Bleiben Sie wachsam.