Mikael Frisell: «Die Schweiz muss bereit sein für einen dreijährigen Krieg – jetzt gilt Ernst»

Es ist kein gewöhnlicher Dienstag im Bundeshaus in Bern. Als ich Mikael Frisell treffe, den Direktor für Bevölkerungsschutz mit über zwanzig Jahren Erfahrung im Krisenmanagement, spüre ich sofort: Die Lage ist ernster als lange nicht. Seine Botschaft ist glasklar: Wir müssen uns auf einen langwierigen Krieg einstellen – bis zu drei Jahre – und die Vorbereitung beginnt daheim, im eigenen Keller oder der Speisekammer.
– Es geht nicht darum, Panik zu verbreiten, sondern darum, uns aus dem Schlaf zu holen. Wir leben in einer neuen Zeit, sagt Mikael Frisell und lehnt sich über den Besprechungstisch.
Die jüngsten Berichte aus dem Ausland, die zunehmenden Spannungen in Europa und der Krieg in der Ukraine, der sich nun ins dritte Jahr zieht, haben das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) dazu veranlasst, den Ton zu verschärfen. Gemeinsam mit der Armee ergeht nun ein eindringlicher Appell an die Bevölkerung: Jeder Haushalt muss für mindestens eine Woche für sich selbst sorgen können – doch eigentlich geht es darum, langfristig zu denken.
«Vergessen Sie 48 Stunden – jetzt zählen drei Jahre»
Früher war immer von 48 oder 72 Stunden die Rede. Doch für Mikael Frisell ist das längst nicht mehr genug. Er verweist auf aktuelle Lagebeurteilungen, die in sicherheitspolitischen Kreisen die Runde machen: Ein moderner Krieg ist langwierig, zermürbend und betrifft die gesamte Gesellschaft.
- Wasser und Nahrung: Mindestens zwei Wochenvorrat an Trockenprodukten und Getränken, idealerweise baut man aber Schritt für Schritt einen Vorrat auf, der für mehrere Monate reicht.
- Wärme und Strom: Halten Sie Alternativen bereit – Campingkocher, Öl- oder Kerzenlampen, Batterien und wenn möglich einen Holz- oder Cheminéeofen.
- Medikamente und Hygiene: Sorgen Sie für einen zusätzlichen Vorrat Ihrer verschreibungspflichtigen Medikamente und eine gut ausgestattete Hausapotheke.
- Information und Kommunikation: Ein batteriebetriebenes Radio (UKW) ist Gold wert, wenn das Internet ausfällt.
- Sicherheit für Kinder und Betagte: Sprechen Sie in der Familie darüber, üben Sie den Stromausfall und schauen Sie, wie es den Nachbarn geht.
– Das klingt vielleicht nach viel, aber fangen Sie mit einer Sache an. Wenn Sie das nächste Mal einkaufen, werfen Sie einfach ein zusätzliches Paket Teigwaren und ein paar Flaschen Wasser in den Einkaufswagen, rät Mikael Frisell mit einem schiefen Lächeln.
Nachbarschaftshilfe wird zum Schlüssel
Eine Sache, die mir beim Zuhören klar wird: Die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft hat viel mit Beziehungen zu tun. Mikael Frisell erzählt, dass das BABS derzeit intensiv daran arbeitet, Stockwerkeigentümergemeinschaften und Quartiervereine zu unterstützen, eigene Notfallpläne zu erstellen.
– Wir können nicht überall gleichzeitig sein. Es ist der Nachbar, der sieht, ob jemand Hilfe braucht, oder Sie, die merken, dass die ältere Dame im dritten Stock seit zwei Tagen das Licht nicht eingeschaltet hat. Darauf baut unsere längerfristige Widerstandskraft.
Vor dem Bundeshaus treffe ich einige Passantinnen und Passanten, die bereits umdenken. «Ich habe am Wochenende einen Wasserkanister und ein Kurbelradio gekauft. Fühlt sich etwas surreal an, aber gleichzeitig ist es ein gutes Gefühl, vorbereitet zu sein», sagt eine junge Mutter. Ein älterer Herr mit Hund erinnert sich an die Zeit des Kalten Krieges: «Früher hatte doch jeder einen Schutzraum und Vorratsdosen im Keller. Das haben wir schleifen lassen, aber jetzt müssen wir dieses Wissen wieder ausgraben.»
Was sagen Sie jenen, die das für übertrieben halten?
– Ich verstehe dieses Gefühl. Es ist angenehm zu glauben, dass das Schlimmste nicht eintrifft. Aber gleichzeitig: Unser Umfeld hat sich rasant verändert, und unser Auftrag ist es, dafür zu sorgen, dass die Schweiz stabil bleibt, egal was kommt. Vorbereitet zu sein bedeutet nicht, Angst zu haben – es bedeutet, stark zu sein.
Mikael Frisell steht auf und bedankt sich für das Gespräch. Er muss weiter zu einer Sitzung mit Vertretern der Lebensmittelbranche und der Energiewirtschaft. Die Arbeit an einem widerstandsfähigeren Schweiz läuft auf Hochtouren – sowohl auf Behördensebene als auch in den Küchen der Haushalte.
Wer mehr erfahren will: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) hat seine Webseiten mit konkreten Checklisten aktualisiert, und im Herbst ist eine nationale Informationskampagne geplant. Bis dahin gilt Mikael Frisells einfache Devise: »Fangen Sie klein an, aber fangen Sie jetzt an.«