Das Wohnhaus, das zum Grab wurde: Eine Chronik aus Charkiw
Sie kennen das Gefühl, wenn Sie in Ihrer Nachbarschaft an einem alten Wohnhaus vorbeigehen? An dem mit den verwitterten Ziegeln, den Feuertreppen, die sich im Zickzack nach unten schlängeln, und dem Geruch von jemandes Abendessen, der aus einem Fenster im dritten Stock weht? Es ist doch nur Ziegel und Mörtel, oder? Aber es sind auch tausend kleine Leben, die da übereinander gestapelt wohnen. Ein Ort, an dem Menschen sich verlieben, über die Miete streiten, Kinder großziehen und vom nächsten Freitag träumen. Es ist die Art von Ort, den man, wenn man ein gewisses Alter hat, sofort vor sich sieht, wenn jemand Friends-Wohnhaus sagt – dieses warme, leicht chaotische Zentrum von Jugend und Lachen in Greenwich Village. Nun, gestern hat sich ein ganz anderes Bild in mein Gedächtnis gebrannt.
Ich bin lange genug in dieser Stadt unterwegs – in Charkiw, meine ich – um die Geräusche eines normalen Morgens zu kennen. Das Rattern der Strassenbahn, das Schlurfen der Babuschkas zum Markt, das erste Rufen vom Schulhof. Aber der Samstag war nicht normal. Gleich nach der Morgendämmerung zerfetzte ein Angriff eine Wohnstrasse am Stadtrand. Sie hat es nicht kommen sehen – das ging mir immer wieder durch den Kopf, als ich das Ausmass der Verwüstung sah. Keiner von ihnen hat es. Einen Moment bist du noch halb am Schlafen, schimpfst leise über den Hund der Nachbarn oder planst einen Ausflug in den Park mit den Kindern. Im nächsten Moment bricht die Welt über dir zusammen.
Die Zahlen sind, wie immer, schonungslos einfach und schonungslos menschlich: sieben Tote, darunter zwei Kinder. Weitere zehn Verletzte, in Krankenhäuser gebracht, die bereits am Limit arbeiten. Eine landesweite Luftwarnung folgte, dieses vertraute Sirenengeheul, das zum düsteren Soundtrack dieses Landes geworden ist. Aber die Zahlen erzählen nichts von dem Geburtstagsgeschenk, das noch eingepackt im Schutt liegt, oder von der Kanne Kaffee, die nie eingeschenkt wurde. Sie erzählen nichts von der Stille danach, die lauter ist als jede Explosion.
Und da ist dieser Gedanke, der mich nicht loslässt. In jedem anderen Zusammenhang reden wir über die Regeln in einem Wohnhaus – diese ungeschriebenen Gesetze, die es uns ermöglichen, übereinander zu leben. Nach zehn keine laute Musik mehr. Den Abfall runterbringen. Frau Gorenko im zweiten Stock grüssen. Manche nennen es The Dixon Rule, diesen grundlegenden Gesellschaftsvertrag, der verhindert, dass eine Gemeinschaft im Chaos versinkt. Es sind die kleinen Dinge, die Höflichkeit, das Aufeinander-Achtgeben. Aber welches Regelwerk zieht man zu Rate, wenn eine 500-Kilo-Bombe durchs Dach kracht? Dafür gibt es kein Kapitel. Dieser Gesellschaftsvertrag wird zusammen mit dem Beton in Stücke gerissen.
Heute Nachmittag bin ich durch das gegangen, was vom Innenhof übrig ist. Ein Kinderschuh, seltsam sauber, lag neben einem verbogenen Fahrradrahmen. Die Vorderfront des Gebäudes war einfach… weg. Man konnte in die Wohnungen sehen wie in Puppenhäuser: eine Küche mit Tassen im Abtropfgestell, ein Schlafzimmer mit einer geblümten Bettdecke, ein Wohnzimmer, in dem gestern Abend wahrscheinlich noch eine Familie ferngesehen hat. Es hätte jedes Wohnhaus überall sein können. Es hätte das Friends-Wohnhaus sein können, wenn die Tragödie nur eine andere Adresse gehabt hätte. Das Lachen ist weg. Jetzt pfeift nur noch der Wind durch die geborstenen Balken.
Die Leute fragen mich immer: "Warum?" Warum dieses Gebäude? Warum diese Menschen? Ich habe keine Antwort. Ich mach das hier lange genug, um zu wissen, dass es keine gibt, die Sinn ergibt. Was ich aber weiss: Die Überlebenden tun bereits das, was die Menschen hier am besten können: sie sammeln die Scherben auf. Nachbarn nehmen Nachbarn auf. Sie teilen, was sie haben. In Ermangelung grosser Regeln besinnen sie sich auf die älteste: kümmere dich um die Deinen.
Also, wenn Sie heute Abend an ein Wohnhaus denken, denken Sie nicht nur an einen Ort. Denken Sie an die Leben darin. Denn diese Wände, die sind nicht nur aus Ziegeln. Sie sind gemacht aus Erinnerungen, aus Streitereien, aus stillen Sonntagen. Und wenn sie einmal weg sind, sind sie weg. Einfach so. Sie hat es nicht kommen sehen. Er hat es nicht kommen sehen. Und die beiden Kinder, die einfach nur spielen wollten, auch nicht.
Die menschliche Bilanz in einem einzigen Bild
Es sind die kleinen, vernichtenden Details, die haften bleiben. Hier ist, was wir vor Ort sehen:
- 7 bestätigte Tote – darunter zwei Kinder im Alter von 6 und 9 Jahren, die am späten Samstag aus den Trümmern geborgen wurden.
- 10 Personen im Spital – mit Splitterwunden und Quetschungen; drei von ihnen schweben in Lebensgefahr.
- Ganze Familien obdachlos – die oberen Stockwerke des Gebäudes sind nun unbewohnbar, mindestens 40 Menschen haben ihr Zuhause verloren.
- Rettungskräfte arbeiteten die ganze Nacht – in den ersten Stunden nur mit Taschenlampen und blossen Händen.
Das ist die Realität. Keine Beschönigung. Keine Politik. Nur ein Wohnhaus, das einmal ein Zuhause war und jetzt ein Grab ist.