“Tell Me Lies”: Warum wir nicht aufhören können, uns diese toxischste Beziehung im Fernsehen anzusehen
Okay, wir müssen darüber reden. Ganz Schweden und der Rest der Welt scheinen gerade von einem Thema besessen zu sein: Tell Me Lies. Es ist diese Serie, die oberflächlich von College-Liebe handelt, aber in Wirklichkeit eine Meisterklasse darin ist, zu zeigen, wie eine Beziehung das eigene Selbstwertgefühl so verdrehen und wenden kann, bis man sich selbst kaum noch wiedererkennt.
Wir haben Tell Me Lies – Staffel 1 verschlungen. Erinnerst du dich an dieses Gefühl nach dem Staffelfinale? Als man einfach nur dasaß, völlig leer, und sich fragte, wie man sich so sehr in zwei Menschen investieren konnte, die sich offensichtlich gegenseitig zerstören? Lucy und Stephen – die Namen, die zum Inbegriff einer Sucht geworden sind, für die man sich schämt. Es ist, als würde man bei Karaoke „Tell Me Lies, Tell Me Sweet Little Lies“ grölen, während man tief im Inneren weiß, dass nur die Wahrheit einen retten kann.
Und jetzt, mit dem Start von Tell Me Lies – Staffel 2 (oder für diejenigen, die die Folgen schon durchgesuchtet haben), sind die Diskussionen hitziger denn je. Ich selbst habe auf den Nägeln gekaut, und es fällt mir jedes Mal auf: Warum tun wir uns das an? Warum sehnen wir uns nach mehr von dieser Angst?
Es geht nicht nur darum, dass es ein „Guilty Pleasure“ ist. Da steckt mehr dahinter, etwas, wofür die Psychologie hinter destruktiven Beziehungen tatsächlich eine Erklärung hat. Es ist, als hätten die Drehbuchautoren einen Kurs in Bindungstheorie belegt und ihn dann in eine Serie verwandelt. Die Dynamik zwischen Lucy und Stephen ist so geschickt konstruiert, dass sie in uns allen etwas Urwüchsiges weckt.
- Diese Achterbahnfahrt ist darauf ausgelegt, süchtig zu machen: Genau wie in echten toxischen Beziehungen wechselt Stephen intensive Wärme mit eisiger Distanz. Wenn er Lucy nach Tagen des Schweigens endlich einen kleinen Brocken Liebe zuwirft, wird in unseren Gehirnen – und in ihrem – Dopamin freigesetzt. Wir werden buchstäblich süchtig danach, auf den nächsten „Kick“ zu warten.
- Niemand ist nur Opfer oder Täter: Was die Serie so schmerzhaft gut macht, ist, dass wir Lucys eigene destruktive Muster sehen. Wir sehen, wie sie lügt, manipuliert und jeden von sich stößt, der versucht, sie zu retten. Es ist keine klassische Gut-gegen-Böse-Geschichte, sondern ein erschreckend realistisches Bild davon, wie zwei kaputte Menschen die Wunden des anderen in Waffen verwandeln können.
- Die Nostalgie, die wehtut: Für uns, die wir Anfang der 2000er Jahre auf dem Campus waren, ist es wie eine Zeitreise. Die Musik, die Kleidung, dieses Gefühl, jung zu sein und zu glauben, dass alles lebenswichtig war. Die Serie fängt diese Intensität ein – dieses Gefühl, dass genau dieser Mensch die ganze Welt bedeutet, auch wenn alle um einen herum einem zurufen, in die andere Richtung zu rennen.
Wahrscheinlich ist das der Grund, warum wir immer wieder zu Tell Me Lies zurückkehren. Wir sehen unsere eigenen dummen Entscheidungen, unsere eigenen „Ich-werde-schon-ändern“-Momente oder vielleicht die von jemand anderem, auf dem Bildschirm gespiegelt. Es ist eine Erinnerung, eine Warnung und für manche ein tröstlicher Gedanke, dass man mit solchen Erfahrungen nicht allein war.
Egal, ob du mit Lucy mitfieberst, Stephen hasst oder einfach nur für das Drama hier bist (wir verurteilen nicht, versprochen), eines ist sicher: Die Gespräche werden weitergehen. Und ich? Ich werde bis zur letzten Sekunde von Tell Me Lies – Staffel 2 wie gebannt dasitzen, wahrscheinlich mit einem Kissen vorm Gesicht und den Fernseher anschreien. Denn genau so eine Beziehung haben wir zu dieser Serie – sie ist unmöglich loszulassen, auch wenn man weiß, dass sie einem nicht guttut.