Amsterdamer Schulanschlag erschüttert die Stadt – "Das hat eine neue Grenze überschritten"
Man kennt dieses Gefühl, wenn man am Samstagmorgen aufwacht und die Nachrichten einen treffen wie ein Schlag ins Gesicht. Amsterdam hat sich immer als Hort der Toleranz gerühmt – das liegt in der DNA dieser Stadt. Doch die Ereignisse der vergangenen Nacht in der idyllischen Vorstadtsiedlung Buitenveldert jagen mir eiskalte Schauer über den Rücken. Ich spreche von dem Anschlag auf die einzige jüdische Schule Amsterdams, die Cheider. Das ist nichts, was man als kleinen Vandalismus abtun kann; das ist ein direkter Angriff auf unser aller Zusammenleben.
Ein Knall in der Dunkelheit
Halten wir fest, was wir wissen. In der Nacht zum Samstag lenkte jemand ein Motorrad in das ruhige Wohnviertel Buitenveldert. Auf einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie eine Person absteigt und einen Sprengsatz an der Außenmauer der Cheider-Schule anbringt. Wenige Augenblicke später zerriss eine Explosion die Stille der Nacht. Glücklicherweise war die Schule leer, und es wurde niemand verletzt. Der Sachschaden hielt sich in Grenzen, aber die seelischen Wunden sind tief. Anwohner berichten, dass es dieselbe Schule ist, die in der Vergangenheit wegen Bedrohungen mit einem Stahlzaun gesichert werden musste. Jetzt hat nicht einmal das gereicht.
Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema ließ keinen Zweifel aufkommen. Sie verurteilte die Tat sofort als "gezielten Anschlag auf die jüdische Gemeinschaft" und als "feigen Akt". Ihre Worte beschreiben die trostlose Stimmung, die derzeit unter den Juden in Amsterdam herrscht: eine Mischung aus Angst und Wut, gepaart mit Ohnmacht. Und wer könnte es ihnen verdenken? Wenn die oberste Repräsentantin der Stadt feststellen muss, dass nicht einmal mehr eine Schule sicher ist, dann stimmt etwas ganz und gar nicht.
Die Regierung wachgerüttelt – aber war sie rechtzeitig wach?
Auch die politische Führung des Landes wurde schnell hellhörig. Ministerpräsident Rob Jetten bezeichnete den Anschlag als "entsetzlich" und betonte, dass in den Niederlanden kein Platz für Antisemitismus sei. Er sagte, er verstehe die Wut und Angst der Gemeinschaft und versprach rasche Gespräche mit ihr. Justizminister David van Weel wies auf ein besorgniserregendes Muster hin: Es ist bereits die zweite Nacht in Folge, in der jüdische Einrichtungen angegriffen werden – in der Nacht zuvor hatte vor einer Synagoge in Rotterdam Feuer gefangen. Die Behörden sind jetzt sicher alarmiert, aber die Kernfrage lautet: Waren sie früh genug alarmiert?
Ein sich ausweitender Kreis der Gewalt
Dies ist leider kein Einzelfall. Es ist Teil eines größeren und beängstigenden Phänomens. Werfen wir einen Blick auf die Ereignisse der letzten Tage:
- Rotterdam: Am Freitag wurden vier Jugendliche festgenommen, die verdächtigt werden, einen Brandanschlag auf eine Synagoge verübt zu haben.
- Lüttich: Anfang der Woche erschütterte eine Explosion eine Synagoge im belgischen Lüttich.
- Detroit: Und aus den USA erreicht uns die düstere Nachricht, dass ein Mann mit einem Auto in eine Synagoge gerast ist.
Zufälle? Kaum. Und jetzt, das i-Tüpfelchen, kursiert in den sozialen Medien ein Video, in dem eine unbekannte Gruppe namens "Islamische Bewegung der Gefährten des Rechten" die Verantwortung für den Anschlag übernimmt und behauptet, es sei "die Rache Irans". Die Gruppe ist neu und ihre Verbindungen sind unklar, aber die Botschaft ist dennoch deutlich: Sie verbindet den Nahostkonflikt direkt mit unseren Straßen. Aus Behördenkreisen wird bestätigt, dass nach den Tätern gefahndet wird und dies eine von mehreren Ermittlungslinien ist.
Die Seele des alten Amsterdam
Wenn ich davon höre, denke ich unweigerlich an die Geschichte dieser Stadt. Amsterdam – oder Neu Amsterdam, wie es einst auf Kolonialkarten eingezeichnet wurde – war schon immer eine Stadt der Händler, Seefahrer und Flüchtlinge. Die jüdische Gemeinschaft hat hier tiefe Wurzeln, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Es ist erschütternd, dass wir im Jahr 2026 darüber sprechen müssen, Schulen für Kinder vor Bombenanschlägen zu schützen. Das ist nicht das Amsterdam, das wir kennen. Das ist nicht die Welt des AFC Ajax, in der Multikulturalität schon immer eine Stärke und eine Quelle des Stolzes war.
Die Stadt Amsterdam verspricht nun eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen und eine Intensivierung der Ermittlungen. Sie suchen nach zwei Verdächtigen, die auf einem Motorrad geflohen sind. Das ist gut und notwendig. Aber es beseitigt nicht die Kernfrage: Wie konnte es so weit kommen, dass eine kleine, aber lebendige jüdische Gemeinschaft schon wieder in Angst in ihrer eigenen Stadt lebt? Dieser Anschlag war nicht nur ein Anschlag auf eine Mauer. Er war ein Anschlag auf unser aller Sicherheitsgefühl. Und das sitzt tief in den Knochen.