Oscar-Gewinner "Sentimental Value": Warum uns Dinge plötzlich unendlich viel bedeuten

Endlich! Es hat geklappt. Bei der diesjährigen Oscar-Nacht ging ein Raunen durch den Saal, als Joachim Triers „Sentimental Value“ als bester internationaler Film ausgezeichnet wurde. Ich hab's live verfolgt und mir gedacht: Na endlich, Norwegen. Jahrelang hat's die Branche getuschelt, dass die Skandinavier mal wieder richtig abräumen müssten – und jetzt ist es so weit. Ein Film, der so still und leise daherkommt und dann so einen Wirbel auslöst, das muss man erstmal schaffen.
Es geht um eine Familie in Oslo, die sich nach dem Tod der Mutter durch deren Wohnung wühlt. Sie stehen da mit Kartons voller Sachen: ein alter Füllfederhalter, Briefe mit vergilbten Rändern, eine Kaffeekanne mit einem Sprung. Nichts davon ist einen Rappen wert, und doch würden sie für alles kämpfen. Ich kenn das von mir selbst. Dieses eine Buch, das nach Grossmutters Wohnung riecht. Oder die Bratpfanne, in der es immer die besten Rösti gab. Das ist dieses Phänomen, dieser unsichtbare Klebstoff, der uns an Dinge bindet.
Der wahre Wert, den kein Preiszettel zeigt
Wir Schweizer haben ja ein feines Gespür für Werte – aber hier sprechen wir nicht vom Goldpreis. Es heisst Affektionsinteresse, dieser ideelle Wert, den ein Gegenstand für uns hat. Er sprengt jede Marktwirtschaft. Im Film ist es eine simple Gitarre, die dem Vater gehörte, kaum spielbar, verstimmt. Aber die Tochter will sie unbedingt behalten, weil sich ihre Kindheit daran festhält. Genau solche Szenen sind es, die Joachim Trier so meisterhaft einfängt. Kein Wunder, dass der Film jetzt einen Oscar stehen hat – er zeigt uns, dass wir alle ein bisschen sentimentale Sammler sind.
Bücher als stille Zeugen
Diese Woche hab ich in einer Buchhandlung in Bern ein englisches Buch entdeckt: „Once Upon a Tome: The Misadventures of a Rare Bookseller“. Es geht um einen Antiquar in Bath, der tagtäglich mit dem Affektionsinteresse anderer Menschen konfrontiert wird. Da bringen Leute alte Bücher, die eigentlich nichts mehr wert sind – aber innen drin steckt eine Widmung von 1923 oder ein gepresstes Vergissmeinnicht. Und plötzlich wird das Buch zum Schatz. Das ist genau derselbe Zauber wie im Film.
Manchmal denk ich: Die Dinge, die uns wirklich wichtig sind, haben keinen Preis. Sie sind einfach da, wie stille Begleiter. Ich hab mir überlegt, welche Gegenstände bei mir persönlich das grösste Affektionsinteresse haben. Es sind diese drei:
- Die ausgeleierte Schallplatte meines Vaters, die er mir vererbt hat – sie springt an der besten Stelle, aber genau das macht sie aus.
- Ein Zettel mit einem kindlichen Dankesbrief meiner Nichte, den sie mir mal unter die Wohnungstür geschoben hat.
- Der alte Wandkalender aus dem Jahr 1999, den ich einfach nicht wegwerfen kann, weil ich jeden Abend meine Hausaufgaben notiert hab.
Ich wette, jeder von uns hat so eine Kiste auf dem Estrich oder eine Schublade voller Sachen, die für aussenstehende absolut unverständlich sind. Aber das ist ja das Schöne dran. „Sentimental Value“ hat das jetzt nach Hollywood getragen – und ich finde, das haben diese stillen Schätze verdient.