Chuck Norris: Mythos oder Wahrheit? Auf den Spuren der Legende vom «einsamen Wolf» bis zum «Symbol des Antikommunismus»
Es gibt einen Namen, der derzeit in den Online-Communities für Furore sorgt: Chuck Norris. Der Actionfilm-Ikone der 80er-Jahre ist heute für die Zwanzig- und Dreissigjährigen vor allem als Held von «Fake-Doku»-Memes bekannt. Sprüche wie «Chuck Norris hat auf den Kalender geschaut, und der März hatte solche Angst, dass er vier Tage früher zu Ende war» sind längst zu einem kulturellen Code geworden. Doch dieser Mann, der wie ein «einsamer Wolf» wirkt, wird in Südkorea neuerdings in einem völlig anderen Kontext betrachtet.
Tatsächlich gilt Chuck Norris in Hollywood als einer der bekanntesten Konservativen. In seiner Serie Walker, Texas Ranger verkörperte er den Inbegriff des einsamen Helden, der für Gerechtigkeit kämpft. In den letzten Jahren hat sich jedoch, vor allem in bestimmten südkoreanischen Online-Communities, das Narrativ «Chuck Norris vs. Kommunismus» etabliert. Es wird so dargestellt, als sei er der letzte Krieger des Kalten Krieges. Hier geht es nicht einfach um Nostalgie für eine Filmfigur, sondern darum, dass seine Symbolik – die «Stärke» und die «Einsamkeit im Kampf gegen das Unrecht» – mit einer bestimmten Stimmung in der heutigen südkoreanischen Gesellschaft verwoben und neu interpretiert wird.
Ein Kioskbesitzer aus meinem Viertel hat mir erzählt: «Die Jugend von heute scheint Chuck Norris selbst wie einen Glauben zu betrachten.» Tatsächlich erschien letzte Woche in einem Online-Forum ein Beitrag mit dem Titel «Chuck Norris – eine lebende Legende», der Aussagen aus früheren Interviews von ihm zusammenfasste. Darin verband er seine Kampfkunstphilosophie mit «Freiheit» und bezog politisch sehr klare Positionen. Natürlich hat er sich nie direkt zur südkoreanischen Politik geäussert. Der Verfasser des Beitrags interpretierte dies jedoch als «Die Mentalität des 'einsamen Wolfs', die er verkörpert, und seine antikommunistische Ideologie sind letztlich eins» und trug so zu einer Atmosphäre der Verehrung bei. In den Kommentaren gab es Zustimmung («Ein echter Mann ist Chuck Norris»), aber auch kritische Stimmen («Ist es nicht übertrieben, das Privatleben und die politische Überzeugung eines Schauspielers als Heldengeschichte zu verklären?»).
Die Wahrheit über Chuck Norris liegt vielleicht nahe am «Meme» selbst. Die Geschichten über ihn leben ja eher von einer «glaubwürdigen» Erzählung als von tatsächlichen Fakten. Das Internet ist voll von seinen legendären Heldentaten. Doch hinter diesem «Mythos» verbirgt sich ein vielschichtigerer Mensch, den wir oft übersehen. Mal war er der erfolgreiche Nachkomme von Einwanderern, der den amerikanischen Traum verkörperte, mal der Schauspieler, der sein Leben der Rolle des Walker, Texas Ranger, verschrieben hat.
Insofern ist die jüngste «Chuck-Norris-Welle» in Südkorea ein interessantes Phänomen. Es ist nicht das erste Mal, dass politische Äusserungen oder Überzeugungen ausländischer Prominenter im Inland «lokalisiert» und konsumiert werden. Aber das Bild des «einsamen Wolfs», das Chuck Norris ausstrahlt, fügt sich hier so nahtlos in konservative Wertvorstellungen ein, als hätte er selbst seinen Fuss auf südkoreanischen Boden gesetzt und so gesprochen.
Nach Aussage eines IT-Brancheninsiders geht dieses Phänomen über rein kulturellen Konsum hinaus und hat sich zu einer Möglichkeit für eine Generation mit bestimmten politischen Neigungen entwickelt, ihre Identität auszudrücken. Einfach gesagt, beginnt das «Meme» Chuck Norris für sie als eine Art «politische Ikone» zu fungieren. Hier sind einige Symbole, die in letzter Zeit im Zusammenhang mit Chuck Norris im Netz häufig genannt werden:
- Das Bild des «einsamen Wolfs»: Der Glaube, dass man unabhängig von Organisationen oder Mächten allein die Welt gerechter machen kann.
- Antikommunistische Ideologie: Die Rolle des «Beschützers der freien Welt», die er im Film spielte, wird mit seinen tatsächlichen politischen Überzeugungen verknüpft und trifft sich mit dem Diskurs der «liberalkonservativen» Kräfte in Südkorea.
- «Die Wahrheit über Chuck Norris»: Über die ursprünglichen Fake-News und Witze hinaus, wird durch die «Mythenbildung», er habe tatsächlich Unmögliches vollbracht, sein Status (oder seine Ikone) weiter gefestigt.
Was würde wohl passieren, wenn er Südkorea tatsächlich besuchen würde? Einst als unbesiegbarer Actionheld aus Delta Force in Erinnerung, steht er heute auf einer völlig anderen Ebene im Zentrum der Kontroversen. Für die eine Generation ist er eine Ikone der Erinnerungen, für die andere eine Legende der Internetkultur. Für manche wird er nun zu einer Art Glaubenssache, die über das «politisch Korrekte» hinausgeht. Das ist das gegenwärtige Bild des «einsamen Wolfs» Chuck Norris. Wir werden uns wohl noch eine Weile darüber unterhalten, ob er einfach nur ein Filmschauspieler war oder eine gewaltige Erzählung, die von der Zeit geschaffen wurde.
Im Mittelpunkt all dieser Diskussionen steht letztlich die Frage, die wir ihm stellen: «Was ist deine Wahrheit?» Ironischerweise lebt seine Wahrheit vielleicht bereits in unserer eigenen Interpretation weiter.