Cédric Sapin-Defour: «Ich wollte Schluss machen, dann erwachte meine Frau aus dem Koma»
Es gibt Geschichten, die kann man nicht erfinden. Und die von Cédric Sapin-Defour ist eine von denen, die sich in deine Brust bohrt und dich nicht mehr loslässt. Er, ein französischer Bergsteiger mit Knochen aus Granit und dem Herzen eines Familienvaters, hat etwas erlebt, das nicht mal der düsterste Thriller zu schreiben wagen würde. Auf einem Flug über den Alpen wirft er einen Blick aus dem Fenster – und plötzlich bricht für ihn die Welt zusammen.
«Ich sah einen verschwommenen Farbfleck auf dem Granitfelsen. Sofort wusste ich: Das ist Mathilde, meine Frau.»
Auf eine solche Szene kann man sich nicht vorbereiten. Er kam von einer Bergtour zurück, das Flugzeug überflog genau das Gebiet, wo sie eigentlich unterwegs sein sollte. Und dann war da dieser unförmige Punkt, dieser dunkle Kratzer auf dem hellen Stein – der Körper der Frau, die er liebte. In diesem Moment, so Cédric Sapin-Defour, blieb die Zeit stehen.
Der Unfall, der alles veränderte
Mathilde war allein zu einer Wanderung aufgebrochen, wie so oft. Sie war erfahren, kannte diese Pfade besser als ihre eigene Westentasche. Aber der Berg, das weiss man, verzeiht keine Unachtsamkeit. Ein falscher Tritt, ein Stein, der nachgibt – und der Sturz in die Tiefe. Als die Rettungskräfte sie fanden, lag sie bereits im tiefen Koma. Mehrfachbrüche, ein Schädel-Hirn-Trauma, und ein zerschundener Körper, den nur noch die Maschinen der Ärzte an diese Welt banden.
Cédric Sapin-Defour eilte ins Spital. Und dort, vor diesem weissen Bett, mit den Schläuchen, die in und aus seiner Frau führten wie Fäden eines aufgehängten Lebens, erreichte er seinen Tiefpunkt. «Ich wollte Schluss machen», gestand er denen, die ihm nahestanden. «Ohne sie hatte mein Leben keinen Sinn mehr.»
Das Wunder, mit dem niemand gerechnet hatte
Die Ärzte waren vorsichtig. Das Koma war tief, und mit jedem Tag ohne Erwachen schwand die Hoffnung. Doch Cédric verliess nie diesen Plastikstuhl neben dem Bett. Er sprach mit Mathilde, erzählte ihr die banalen Dinge des Alltags, hielt ihre Hand. Und dann, eines Morgens, geschah es.
Mathildes Finger streiften kaum die seinen. Ein leichter, fast schüchterner Druck. Dann zuckten die Lider. Und schliesslich öffnete sie die Augen, verloren für einen Moment, dann auf ihn gerichtet. «Du bist da», flüsterte sie mit einer Stimme, die von weit her zu kommen schien. Cédric Sapin-Defour weinte, wie er in seinem Leben noch nie geweint hatte.
- Das Erwachen war schrittweise: zuerst die Bewegungen der Hände, dann die Fähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen, schliesslich die ersten Worte.
- Die Ärzte sprechen von einem Ausnahmefall: Die Wahrscheinlichkeit, nach einem so schweren Trauma aus tiefem Koma zu erwachen, ist verschwindend gering.
- Heute ist Mathilde in der Rehabilitation: Sie geht an Krücken, aber sie lächelt. Und dieses Lächeln ist mehr wert als alle Berge der Welt.
Eine zweite Chance, die unbezahlbar ist
Als ich die Geschichte von Cédric Sapin-Defour hörte, dachte ich daran, wie oft wir die Menschen neben uns als selbstverständlich betrachten. Er nicht. Er sah seine Frau reduziert auf einen winzigen, bedeutungslosen Punkt auf den Felsen – und dann sah er sie wieder die Augen öffnen. Er stand am Abgrund, und jemand – das Schicksal, die Medizin, ein Wunder – zog ihn zurück.
«Jeden Morgen, wenn ich aufwache und sie neben mir sehe, weiss ich, dass ich der glücklichste Mann der Welt bin», sagte er in einem der wenigen Interviews, die er nach dem Sturm gegeben hat. Und vielleicht hat er recht. Denn es gibt keinen grösseren Reichtum als eine zweite Chance.
Das hier ist keine gewöhnliche Schlagzeilen-Chronik. Es ist die Geschichte eines Mannes, der den Tiefpunkt erreichte und sich entschied, wieder aufzustehen. Und es ist der Beweis, dass Wunder manchmal wirklich geschehen. Man muss nur Geduld haben, sie zu erwarten.