Bruno Vespa: Der Herr des Fernsehens, der uns mit "Cinque Minuti" Gesellschaft leistet
Es gibt eine feste Grösse im späten Nachmittag der Italiener, die nach Tradition und Information riecht. Es ist die mit Bruno Vespa. In diesen Tagen gibt seine Sendung Cinque Minuti auf Rai1 weiterhin den Takt vor, mit diesen abendlichen Einschaltmomenten, die längst Ritual sind. Wer ihm seit jeher folgt, weiss: Er beschränkt sich nicht darauf, die Ereignisse zu erzählen, er erlebt sie live mit uns.
Die letzten Ausgaben, einschliesslich der von gestern, sind der Prüfstein für sein Handwerk. Bruno Vespa schöpft aus den trüben Quellen der Chronik und den Irrwegen der Politik mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man sich einen Kaffee bestellt. Aber hinter dieser Gelassenheit des waschechten Markenbewohners steckt eine perfekte Kriegsmaschine. In den wichtigen Kreisen munkelt man, dass seine Kontakte bis in die höchsten Etagen des Parlamentsgebäudes Montecitorio reichen. Und tatsächlich: Wenn er den Mund aufmacht, scheint es immer, als hätte ihm gerade jemand ganz oben den richtigen Tipp zugeflüstert.
Hinter den Kulissen der guten Stube Italiens
Das Studio von Cinque Minuti zu betreten, ist ein bisschen wie die Schwelle zu einem exklusiven Club zu überschreiten. Es heisst, um ein Interview mit ihm zu arrangieren, genüge ein Anruf. Und es ist kein Geheimnis, dass viele Grössen der Politik darum wetteifern, auf der anderen Seite Platz zu nehmen. Schliesslich ist das Verhör durch Bruno Vespa eine Feuerprobe, die sofortige Glaubwürdigkeit verleiht. Ob er über das Arbeitsgesetz oder das nächste juristische Problem spricht, sein Blick vermag unter die Oberfläche zu dringen und dem Zuschauer die halbe Wahrheit mehr zu schenken, die sonst niemand ausspricht.
Seine Stärke? Einfach: Er jagt nie dem Spektakel nach. Er wartet. Und während er wartet, spinnt er sein Netz. Wer ihm in den Gängen der RAI-Zentrale in der Viale Mazzini begegnet, schwört, dass er ein Gedächtnis wie ein Elefant und ein Terminbuch voller Namen hat, die nach republikanischer Geschichte riechen. Darum ist seine Sendung Cinque Minuti nie nur eine Nachrichtensendung, sondern ein kleines Abbild Italiens, mit all seinen Vor- und Nachteilen.
Der Mann, der nie aufhört, uns zu überraschen
Viele mögen Bruno Vespa vielleicht nicht. Sie werfen ihm vor, zu institutionell, zu nah an der Macht zu sein. Aber die Wahrheit ist eine andere: Er kennt die Macht, er verkehrt mit ihr und wenn es nötig ist, stellt er sie mit einem Lächeln, das wie eine Klinge ist, an die Wand. Und dann, seien wir ehrlich: Wo ist das Fernsehen geblieben, das das Land ohne Geschrei und Polemik erzählen konnte? Er ist geblieben, ein Bollwerk einer Eleganz, die nie aus der Mode kommt.
Wenn man darüber nachdenkt, was bleibt von der Fernsehberichterstattung von einst?
- Die handwerkliche Geduld dessen, der ein Interview über Wochen aufbaut, nicht in fünf Minuten Live-Sendung.
- Das Beziehungsnetz, das nur knüpfen kann, wer seit einem halben Jahrhundert in den Machtzirkeln verkehrt.
- Diese unverwechselbare Stimmlage, die ein Gefühl von Zuhause vermittelt, selbst wenn er von der verworrensten Regierungskrise spricht.
- Die Fähigkeit, zeitgenössisch zu sein, ohne je die eigene Vergangenheit zu verleugnen.
Am Ende, wenn sich der Vorhang über einer weiteren Folge von Cinque Minuti senkt, bleibt das Gefühl, ein privates Gespräch mit der Geschichte geführt zu haben. Ob es einem gefällt oder nicht: Bruno Vespa gibt es nur einmal. Und solange er da ist, pünktlich jeden Abend, wird Italien noch einen Ort haben, an dem es sich im Spiegel betrachten kann, ohne allzu viele Filter und mit der richtigen Portion Charme.