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Miguel‘s “Caos“ ist die elektrisierendste Tour des Jahres 2026: Eine Nacht voller R&B, Rebellion und Neuerfindung

Unterhaltung ✍️ Alex Chen 🕒 2026-03-14 10:20 🔥 Aufrufe: 2

Irgendwann, etwa eine Stunde nachdem Miguel die Bühne betreten hat, wird einem erst so richtig bewusst, was man hier eigentlich gerade miterlebt. Er ist gerade vom futuristischen Bassklang von „New Martyrs“ in die verschwommene Intimität von „Coffee“ übergeglitten, während er immer noch auf der Motorhaube eines umgestürzten Polizeiautos steht, das mit den Worten „ICE OUT“ besprüht wurde. Es ist ein verstörendes, geniales Theaterstück – gleichermaßen Verführung und Revolution. Und ganz ehrlich: Das kann nur Miguel so durchziehen.

Miguel tritt während seiner Caos-Tour auf der Bühne auf

Der Grammy-Gewinner ist gerade mitten in seiner „Caos“-Welttournee, seiner ersten großen Tournee seit acht Jahren, und wer ihn im Februar im historischen Ryman Auditorium in Nashville oder gestern Abend in San Francisco gesehen hat, weiß es bereits: Das ist nicht einfach nur ein Konzert. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln, eine Abrechnung und eine Party in einem. Nach fast einem Jahrzehnt Wartezeit seit War & Leisure ist Miguel Jontel Pimentel – der Junge mit den afro-mexikanischen und afro-amerikanischen Wurzeln aus San Pedro – nicht einfach nur zurück; er agiert auf einer völlig anderen Ebene.

Willkommen im Chaos

Allein das Bühnenbild ist den Eintrittspreis wert. Hinter der Band thront ein massiver, steinerner Olmekenkopf – ein Hinweis auf das Chaos im Unterbewusstsein und das Erbe der Vorfahren –, der gelegentlich mit einer dröhnenden elektronischen Stimme spricht, um die verschiedenen Teile der Show einzuleiten. Aber das unbestrittene Herzstück ist dieses umgestürzte Polizeiauto. Es ist das visuelle Leitmotiv des Abends: ein Symbol für zusammenbrechende Systeme, umfunktioniert zu einer Plattform für Kunst und Protest.

Miguel eröffnet mit dem existenziellen spanischen Monolog des Titelsongs, bevor er in den basslastigen Track „Perderme“ übergeht – er verliert keine Zeit mit Nettigkeiten. Er ist hier, um Gewalt in etwas Schönes zu verwandeln. Die Setlist ist ein Meisterkurs in Sachen Dramaturgie, die das Publikum von der Moshpit-Energie von „The Killing“ zur verletzlichen Ruhe von „Girl With the Tattoo“ reißt, ohne einen Takt auszulassen.

Die Politik der Leidenschaft

Reden wir über dieses Auto. In Nashville initiierte Miguel einen spontanen „ICE out“-Chant, der sich zu etwas weitaus Ursprünglicherem in der Menge entwickelte. Er sprach es direkt an und erklärte, dass seine Kunst aus dem Wunsch heraus entstehe, gesehen und anerkannt zu werden.

„Wenn ich Songs wie ‚Ride 4 U‘ oder ‚Trigger‘ mache und ‚ICE out‘ oder ‚fuck the police‘ sage, dann kommt das alles von einem Ort tiefer Wertschätzung dafür, gesehen zu werden“, sagte er dem Publikum im Ryman. „Und jeder, der versucht, dir oder einer Gruppe von Menschen das wegzunehmen – diese Menschen liegen falsch.“ In Milwaukee – seinem allerersten Konzert in der Stadt, nachdem er einen Termin 2018 abgesagt hatte – half er dabei, eine brandneue Location, das Landmark Credit Union Live, einzuweihen, indem er genau dasselbe tat: Er riss die Bude ab, während er der Macht die Wahrheit sagte.

Das ist ein mutiger Schritt. In einer Zeit, in der so viele Künstler auf Nummer sicher gehen, nutzt Miguel seine Plattform, um uns daran zu erinnern, dass R&B schon immer mit der Erfahrung der Schwarzen und Braunen in Amerika verwoben war. Es sind nicht nur Liebeslieder; es ist eine Hymne aufs Überleben.

Fan-Favoriten und Falsettgesang

Natürlich weiß er, warum ein großer Teil der Menge da ist. Sie sind wegen der Zeitreisen zurück in die Jahre 2010, 2012, 2015 hier. Und er liefert, großzügig. Hier ist, was einen erwartet, wenn das Licht ausgeht:

  • „How Many Drinks?“ verwandelt den Veranstaltungsort in einen riesigen, wogenden Mitsing-Chor.
  • „Adorn“ bringt noch immer die Herzen zum Stocken, sein Falsett so makellos und mühelos wie auf der Aufnahme.
  • „Sky Walker“ bringt die Katharsis, eine lockere Siegesrunde vor der Zugabe.
  • Der Gitarreneinsatz: Wenn er sich seine Klampfe umschnallt für den reduzierten, abschließenden Punch von „Sure Thing“? Die Hölle bricht los.
  • „Simple Things“ wird zu einer ausgedehnten Jam-Session ausgebaut, die der Band die Möglichkeit gibt, zu zeigen, was sie live draufhat.

Jean Dawson, der genreübergreifende Opener, verdient ein großes Lob. Sein energiegeladener Auftritt ist die perfekte Vorspeise – ein chaotischer Mix aus Punk, Rap und Synth-Pop, der den Puls in die Höhe treibt und seine eigenen politischen Ansichten deutlich macht.

Der lange Atem

Was einen am meisten beeindruckt, wenn man Miguel heute sieht, ist die Geduld. Er ist 40, ein Alter, in dem viele Popstars beginnen, der Relevanz hinterherzujagen. Stattdessen hat er den Druck abgeworfen, die alten Formen zerstört und sich nach seinen eigenen Vorstellungen neu aufgebaut. Das „Caos“-Album – an seinem Geburtstag im letzten Oktober veröffentlicht – ist kein Versuch, auf TikTok viral zu gehen (obwohl „Sure Thing“ dort bekanntlich seine eigene Renaissance erlebte). Es ist eine zutiefst persönliche, klanglich abenteuerliche Meditation über die Wiedergeburt.

Während er das Nordamerika-Kapitel ausklingen lässt (mit einer großen Show im Kia Forum in LA, wo Channel Tres dabei sein wird) und sich darauf vorbereitet, dieses Biest im April mit nach Großbritannien und Europa zu nehmen, ist eines klar: Das Warten hat sich gelohnt. Miguel kramt nicht einfach nur seine größten Hits hervor. Er stellt sie in einen neuen Kontext, reibt sich an ihnen und beweist, dass wahre Kunst nicht bedeutet, gleich zu bleiben – sondern sich vor aller Augen weiterzuentwickeln, selbst wenn das bedeutet, dabei ein wenig Chaos zu verursachen.

Wenn er in eure Stadt kommt, tut euch selbst einen Gefallen. Geht hin. Werdet ein bisschen durch den Wind. Und lasst euch sehen.