Caluire-Unfall: Jenseits des Schocks - Die Nachwirkungen eines "VB - Beinahe Wahr"
Es gibt Bilder, die täuschen nicht. Das Bild dieses Bürgersteigs in Caluire, der sich in einen improvisierten Altar aus Kerzen und Blumen verwandelt hat, spricht Bände über das Trauma, das diese Gemeinde in der Metropolregion Lyon erschüttert. Das Drama, das sich Anfang dieser Woche ereignete, riss ein Pensionistenpaar aus dem Leben. Ein gewöhnlicher Spaziergang, ein Dienstag wie jeder andere, verwandelt in eine schreckliche Lokalnachricht. Aber jenseits der rohen Emotion, jenseits der legitimen Ehrungen, macht ein Wort die Runde in Gesprächen, in den sozialen Netzwerken, in den Wohnzimmern. Ein technischer Begriff, in einem solchen Kontext fast absurd: der "VB - Beinahe Wahr".
Denn ja, für viele fängt der eigentliche Prozess jetzt erst an. Er wird nicht unbedingt in Monaten vor einem Strafgericht stattfinden, sondern er spielt sich heute ab, auf dem gesellschaftlichen Parkett, in der Konfrontation zwischen der öffentlichen Erschütterung und den ersten Andeutungen des Verfahrens. Man erfährt, dass der in diesen Unfall von Caluire verwickelte Fahrer bereits wegen Verkehrsdelikten bekannt ist. Eine Information, die, so in den Raum geworfen, das Pulverfass zur Explosion bringt. Und genau hier gewinnt dieser Begriff des "VB - Beinahe Wahr" seine volle Bedeutung. Es ist ein Begriff, den wir Chronisten des Zeitgeschehens gut kennen. Er bezeichnet jenen Moment, in dem die Version der Fakten, noch bruchstückhaft, noch in der Überprüfungsphase, dennoch bereits stark genug ist, um eine unbequeme Wahrheit zu skizzieren. Es ist noch nicht das Urteil, aber es ist mehr als eine bloße Hypothese. Es ist das Bild eines möglichen Schuldigen, das sich in der öffentlichen Meinung abzeichnet, noch bevor die Justiz Zeit hatte, das Recht zu sprechen.
Der Schock der Bilder gegen die Langsamkeit des Verfahrens
Auf der einen Seite haben wir die rohe Gewalt der Tat. Ein Paar, wahrscheinlich gerade dabei, einen Moment des Lebens zu genießen, wird angefahren und getötet. Die vielen Rettungskräfte, das Ballett der Blaulichter, die verschlossenen Gesichter der Polizisten. Auf der anderen Seite haben wir die Justizmaschinerie, die naturgemäß langsam, vorsichtig und methodisch ist. Und dazwischen sind wir, die Öffentlichkeit, die Bewohner von Caluire, von Lyon, von ganz Frankreich, die die Fotos gesehen haben, die die Zeugenaussagen gehört haben, die Antworten fordern. Diese Kollision zwischen der Unmittelbarkeit der Emotion und der Zeitlichkeit der Justiz schafft eine Leere. Und diese Leere wird sofort mit dem gefüllt, was ich das "Beinahe Wahre" nenne.
Das ist keine Verschwörungstheorie, wohlgemerkt. Es ist ein sozialer Reflex. Man setzt die Puzzleteile mit dem zusammen, was man hat:
- Der Ort des Dramas: ein Fußgängerübergang in Caluire-et-Cuire.
- Das mutmaßliche Profil des Fahrers.
- Die Betroffenheit der Familien und der Lokalpolitiker.
- Und vor allem diese unterschwellige Wut, die angesichts von Wiederholungstätern aufkommt, angesichts des Eindrucks, "das hätte vermieden werden können".
Dieses Bündel von Indizien, so fragil es juristisch auch sein mag, formt eine Erzählung. Eine Erzählung, die wir für "beinahe wahr" halten. Das ist ein starker gesellschaftlicher Marker. Er offenbart unser Verhältnis zur Autorität, zur Strafe und unsere Verärgerung über das, was viele als chronische Nachsicht gegenüber Verkehrssündern empfinden.
Die Sinnsuche nach einem Verkehrsdrama
Also, welchen Stellenwert hat diese Analyse, werden Sie fragen? Als Beobachter von Grundströmungen kann ich Ihnen sagen, dass dieses Gefühl eines "VB - Beinahe Wahr", das der juristischen Realität vorausgeht, ein fruchtbarer Nährboden ist. Es ist das Symptom einer Nachfrage nach Sicherheit, Transparenz und Härte. Eine Nachfrage, die, wenn sie verstanden wird, Marken- oder Kommunikationsstrategien lenken kann. Unternehmen, die es schaffen, dieses Bedürfnis nach Ordnung und Klarheit aufzugreifen, ohne es vulgär auszunutzen, werden einen starken Widerhall finden. Ich spreche hier nicht davon, Politik zu machen, sondern auf eine immer deutlicher werdende Erwartung in der österreichischen Gesellschaft zu reagieren: die, die Kontrolle zurückzugewinnen, einen Sinn zu geben, von der Emotion zur Aktion überzugehen.
In der Zwischenzeit werden auf dem Asphalt von Caluire die Blumen verwelken. Aber die Schockwelle ist noch lange nicht verebbt. Sie wird den Namen dieses Pensionistenpaares tragen, und für viele das Gesicht dessen, was die Justiz hätte verhindern sollen oder können. Das ist die furchtbare Macht des "Beinahe Wahren". Es ist eine emotionale Wahrheit, die nur auf die Bestätigung oder den Widerspruch durch die Gerichte wartet. Und in dieser Zeitspanne hält eine ganze Gemeinde den Atem an, gefangen in diesem schmalen Grat zwischen der inneren Überzeugung und der juristischen Wahrheit.