IEA gibt 400 Millionen Barrel Öl frei – was bedeutet das für die Schweiz?

Ein dramatischer Schritt der Internationalen Energieagentur
Die Ankündigung von gestern hat wohl niemand verpasst: Die IEA, die Internationale Energieagentur, öffnet ihre strategischen Ölreserven und gibt 400 Millionen Barrel Rohöl auf den Markt frei. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass eine derartige Massnahme in diesem Ausmass ergriffen wird, und die Reaktionen sind mindestens gemischt. Die einen sprechen von einem Rettungsanker für Europa, andere sehen darin eine reine Panikreaktion. Aber was bedeutet das eigentlich für uns in der Schweiz?
Warum gerade jetzt?
Der Hintergrund ist angespannt wie eine Violinsaite. Der Krieg in der Ukraine hat das gesamte Energiesystem durcheinandergebracht, und die Gefahr von Strom- und Benzinrationierungen ist plötzlich greifbar nah. Die Entscheidung der IEA soll den Teufelskreis durchbrechen: Ein grösseres Angebot soll die Preise drücken und den Markt beruhigen. Robert Perez, eine bekannte Grösse in der US-Ölindustrie, bezeichnete den Schritt kürzlich in einem Interview als "notwendiges Ventil". Und er hat einen Punkt – ohne ein derartiges Eingreifen hätten wir weitaus schwerwiegendere Konsequenzen sehen können.
Lebensmittelpreise und die Domino-Wirkung der Energiepreise
Doch es bleibt nicht bei der Tankstelle. Höhere Energiepreise finden schnell ihren Weg in die Lebensmittelgeschäfte, und in der Branche verfolgt man die Entwicklung derzeit mit einer gewissen Sorge. Wenn die Preise für Diesel und Kunstdünger explodieren, dann tun es die Lebensmittelpreise auch. Die Krise, die wir erleben, ist nicht nur eine Ölkrise – es ist eine Lebenshaltungskostenkrise, die sich wie eine Nagelprobe festsetzen könnte, wenn wir das Grundproblem nicht in den Griff bekommen.
Was sagen die Experten?
Mehrere Ökonomen haben ob der IEA-Entscheidung die Augenbrauen hochgezogen. Kristian Niemietz, ein auf Energiepolitik spezialisierter Forscher, meint, dass dies zwar kurzfristig den Druck mildere, aber das strukturelle Ungleichgewicht nicht löse. "Wir müssen erkennen, dass wir vor einem Systemwechsel stehen", sagte er letzte Woche in einem Gastkommentar. "Die Reserven anzuzapfen ist wie die Einnahme von Schmerzmitteln bei einem Knochenbruch – es hilft für den Moment, aber der Knochen muss heilen."
Gleichzeitig gibt es diejenigen, die die Entscheidung als eine rein politische Geste sehen. Durch das gemeinsame Handeln zeigen die IEA-Mitgliedsländer – darunter die USA, Japan und mehrere EU-Staaten –, dass sie nicht zulassen wollen, dass Energie zur Waffe in den Händen autoritärer Regime wird. Und das ist vielleicht das wichtigste Signal in der jetzigen Zeit.
Was bedeuten 400 Millionen Barrel?
Um die Zahl einzuordnen: 400 Millionen Barrel entsprechen ungefähr 12 Tagen des weltweiten Verbrauchs. Es ist also kein Tropfen auf den heissen Stein, aber auch keine Wunderlösung. Der Ölpreis gab nach der Ankündigung zwar um ein paar Dollar nach, aber Analysten sind sich einig, dass der langfristige Trend weiterhin unsicher ist. Dies ist vielmehr eine Brücke – eine Chance für Europa, umzusteuern und neue Lieferanten zu finden, ohne dass die Wirtschaft zusammenbricht.
Fünf Dinge, die Sie über die IEA-Ölreserve wissen sollten
- Die Reserve wurde in den 1970er-Jahren nach der Ölkrise geschaffen, um die Mitgliedsländer vor schwerwiegenden Versorgungsstörungen zu schützen.
- Es ist erst das dritte Mal, dass die IEA die Reserve auf diese Weise aktiviert – zuvor geschah dies während des Golfkriegs 1991 und nach den Hurrikanen Katrina und Rita 2005.
- Die Schweiz hat einen eigenen Teil der Reserve und unterliegt der IEA-Anforderung, Lagerbestände für mindestens 90 Tage Nettoimporte vorzuhalten.
- Die Entscheidung wurde einstimmig vom IEA-Verwaltungsrat getroffen, was die aussergewöhnliche Situation unterstreicht.
- Die Wirkung an der Zapfsäule ist nicht von heute auf morgen spürbar, aber innerhalb weniger Wochen können wir an den Tankstellen mit einer gewissen Entlastung rechnen.
Und wie sieht die Zukunft aus?
Das grosse Fragezeichen ist natürlich, wie lange dieser Einsatz reicht. Wenn der Krieg weitergeht und Russland das Gas ganz abstellt, dann sind 400 Millionen Barrel nur eine Randnotiz. Dann stehen härtere Zeiten bevor – vielleicht sogar Rationierungen und Betriebsstilllegungen. Die IEA hat ihren Teil getan, jetzt sind die Politik und der Markt am Zug. Und für uns normale Verbraucher heisst es, den Sicherheitsgurt anzulegen – die Fahrt wird wohl holprig, bevor sie wieder gerade wird.