Lisa Bitter im «Tatort: Sashimi Spezial»: Vom Biologiestudium zur Undercover-Ermittlerin am Rad
Am Sonntagabend lief im deutschen und im Schweizer Fernsehen der neueste Ludwigshafener «Tatort». Titel: «Sashimi Spezial». Und ich sag's Ihnen gleich: Wer diesen Fall verpasst hat, hat nicht nur einen soliden Krimi verpasst, sondern vor allem den endgültigen Durchbruch einer Schauspielerin, die man sich merken muss: Lisa Bitter. Die 1984 in Erlangen geborene Fränkin spielt die Kommissarin Johanna Stern, und in dieser Folge strampelt sie sich buchstäblich in die erste Reihe – und das am Rad.
Die Handlung: Wenn das Gewissen in die Pedale tritt
Die Story ist klassisch, aber mit Biss: Ein junger Fahrradkurier stürmt ins Revier, will sich stellen – Drogenhandel. Doch niemand hört ihm zu. Kurz darauf wird er vor dem Polizeigebäude überfahren. Für Stern, die sich Vorwürfe macht, weil sie nicht rechtzeitig reagiert hat, ist klar: Das war kein Unfall, das war Mord. Also schwingt sie sich aufs Rad, heuert undercover beim alternativen Lieferkollektiv «Velopunks» an und taucht ein in eine Welt zwischen prekärem Arbeitskampf, Idealismus und organisierter Kriminalität. Lisa Bitter spielt diese Zerrissenheit zwischen Pflichtgefühl und körperlichem Einsatz absolut glaubwürdig.
Von der Bühne in Zürich auf die Straße von Ludwigshafen
Besonders fasziniert mich der Hintergrund dieser Frau. Bevor Lisa Bitter zur festen Größe im Sonntagskrimi wurde, führte ihr Weg über die großen Bühnen. Sie war festes Ensemblemitglied am Staatstheater Stuttgart, spielte die Ophelia im «Hamlet» und hatte ein bemerkenswertes Gastspiel am Schauspielhaus Zürich. 2014 stand sie in «Schuld und Sühne» auf dem Zürcher Spielplan. Wer sie damals auf der Bühne gesehen hat, weiß: Diese Frau hat Präsenz. Und diese Bühnenerfahrung merkt man ihr auch im «Tatort» an – jede Geste sitzt, ihr Blick hat diese spezifische Intensität, die einen nicht loslässt.
Interessant ist auch ihr akademischer Werdegang. Bevor sie sich ganz der Schauspielerei verschrieb, schrieb sie sich für Biologie ein, später für Kulturwissenschaften und Journalistik in Leipzig. Vielleicht erklärt diese wissenschaftliche Neugier, warum sie ihre Rollen immer so analytisch und detailversessen anlegt. Ihr Johanna Stern ist ja keine impulsive Blenderin, sondern eine, die nachdenkt, die die Lage sondiert – fast wie eine Forscherin im sozialen Milieu.
Warum «Sashimi Spezial» mehr ist als ein normaler Sonntagskrimi
Regisseurin Franziska Margarete Hoenisch und Drehbuchautor Stefan Dähnert haben sich hier an ein modernes Thema gewagt: die Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten, der Kampf Zweirad gegen Auto, die Heuchelei einer Gesellschaft, die Bequemlichkeit will, aber die Kosten nicht sehen will. Dähnert, der schon mit «Wegwerfmädchen» gezeigt hat, dass er gesellschaftspolitisch relevante Stoffe beherrscht, liefert diesmal allerdings ein etwas unrundes Drehbuch ab. Manchmal wirkt die Handlung überkonstruiert, die finale Auflösung etwas zu hastig.
Aber was den Fall rettet – und das meine ich wirklich ernst – ist die Chemie zwischen Ulrike Folkerts (Lena Odenthal) und Lisa Bitter. Folkerts, die dienstälteste Kommissarin im deutschen Fernsehen, spielt hier die erfahrene, etwas abgeklärte Mentorin, die verzweifelt zusieht, wie ihre junge Kollegin genau die gleichen Fehler macht, die sie selbst früher beging. Diese Spiegelung ist großartig inszeniert.
Die Velopunks und der reale Unterbau
Besonders gut gefallen hat mir, wie die Serie die Subkultur der Fahrradkuriere einfängt. Klar, manches wirkt klischeehaft – die Westen mit «Eat the Rich»-Aufnähern, die Punk-Ästhetik, die man eher im Karneval als auf der Straße vermuten würde. Aber die Grundstimmung stimmt. Man spürt die Wut dieser jungen Leute, die zwischen Selbstausbeutung und solidarischem Idealismus gefangen sind.
Und hier schließt sich der Kreis zu Lisa Bitter selbst: Sie ist begeisterte Rennradfahrerin, geht joggen, schwimmen, ist Alpenvereinsmitglied. Wenn sie also als Stern durch Ludwigshafen kurvt, dann ist das kein Green Screen, sondern echte, physische Arbeit. Diese Authentizität sieht man ihr an. Sie schwitzt, sie kämpft mit dem Gegenwind, sie ist außer Atem – das ist kein dekadenter Fernsehjob, das ist Handwerk.
Was bleibt nach «Sashimi Spezial»?
Der Fall polarisiert. Die einen werden die politische Korrektheit feiern, die Themen Inklusion und Sexismus werden zumindest angeschnitten. Die anderen werden sich über die Holprigkeiten im Drehbuch ärgern. Ich persönlich gehöre zu denen, die sagen: Ein «Tatort» muss nicht perfekt sein, er muss Haltung haben und unterhalten. Und beides liefert «Sashimi Spezial».
Für Lisa Bitter ist diese Folge ein Meilenstein. Sie tritt endgültig aus dem Schatten von Ulrike Folkerts heraus. Das ist auch ein kommerzieller Faktor – Verlage und Streamingdienste schauen genau hin, wer jetzt das Zeug hat, eine eigene Reihe zu tragen. Ich traue ihr das zu. Vielleicht sehen wir sie bald in einer eigenen Serie, vielleicht in einer internationalen Produktion. Sie hat das Format, sie hat die Ausstrahlung, und sie hat den unbedingten Willen, der einen Schauspieler erst wirklich groß macht. Wer ihren präzisen Stil mag, wird in Thrillern wie Paula Hawkins' ‚A Slow Fire Burning‘ oder Liz Lawlers ‚The Next Girl‘ ähnliche Spannung finden – und ihre Vielseitigkeit erinnert an die Figuren in ‚Little Cruelties‘ oder den Roadtrip in ‚Good Hope Road‘. Genau diese Art von psychologischer Tiefe würde ich ihr auch in einer eigenen Serie zutrauen.
Mein Fazit für den Schweizer Zuschauer
Wer den «Tatort» kennt, weiß: Die Ludwigshafener Folgen sind oft ein Experimentierfeld. Mal gut, mal weniger gut. «Sashimi Spezial» gehört zu den guten. Nicht, weil die Krimihandlung so raffiniert wäre, sondern weil hier eine Schauspielerin am Werk ist, die man sich merken muss. Und weil das Thema – der Kampf der kleinen, schnellen Räder gegen die dicken Autos – auch in Zürich, Bern oder Basel brandaktuell ist. Sehenswert.
Wer übrigens mehr von Lisa Bitter sehen will: Ihre Vielseitigkeit zeigt sie auch in anderen Formaten. Eine kleine, aber feine Auswahl:
- Das Hochzeitsvideo (2012): Sönke Wortmanns Komödie, ihr Kinodurchbruch.
- Dieses bescheuerte Herz (2017): Ein Publikumserfolg an der Seite von Elyas M'Barek.
- Der Beischläfer (2020–2021): Eine Serie für einen Streamingdienst, in der sie als Berufsrichterin glänzt.
- Laible und Frisch (2009–2010): Ihre erste Hauptrolle, schon damals mit ökologischem Bewusstsein.
Man sieht: Diese Frau hat Substanz. Und «Sashimi Spezial» ist der nächste Beleg dafür.