Tornado in Michigan: Wie eine Gemeinde nach der Verwüstung wieder aufsteht – von der Minirock-Überlebenden bis zur Minzfarm
Es waren brutale 48 Stunden hier in Michigan. Das Wetter war so extrem, dass man am liebsten den Nachbarn etwas fester umarmen würde. Wir sind immer noch dabei, die Scherben zusammenzukehren, nachdem ein verheerender Tornado den Südwesten des Bundesstaates verwüstet hat. Die Geschichten, die ich höre – sie zerreißen einem das Herz, um es dann wieder zusammenzuflicken. Lasst mich euch mitnehmen zu dem, was ich vor Ort gesehen habe, von den skurrilsten Anblicken bis zu den stillen Heldentaten.
Als der Himmel bedrohlich wurde
Kennt ihr dieses unheimlich grünliche Leuchten vor einem großen Sturm? Genau das haben die Leute im Berrien County gestern Nachmittag gesehen. Wenige Minuten später heulten die Sirenen auf jedem Handy, und dann – das Chaos. Inzwischen ist es offiziell bestätigt: Es war ein Tornado der Stärke EF-3 mit Windgeschwindigkeiten von über 225 km/h, der eine Schneise von fast eineinhalb Kilometern Breite gezogen hat. Bisher gibt es fünf bestätigte Todesopfer und über vierzig Verletzte, aber diese Zahlen könnten sich noch ändern, während die Einsatzkräfte die Trümmer durchkämmen. Die gesamte Michiana-Region steht immer noch unter Hochwasserwarnung, da nun schwere Regenfälle auf die zerstörerische Spur folgen.
Ein Minirock und ein Wunder
Zwischen zersplittertem Holz und umgestürzten Autos begegnet man Momenten, die einen nicht mehr loslassen. Ich traf eine junge Frau namens Chloe vor einer zerstörten Tankstelle. Sie trug nichts als einen Minirock und einen geliehenen Kapuzenpulli und zitterte trotz der Schwüle. «Ich habe meinen Hund geschnappt und bin gerannt», erzählte sie mir und umklammerte dabei ein Stoffkaninchen, das sie aus den Trümmern gefischt hatte. «Ich habe nicht mal daran gedacht, mich umzuziehen.» Sie gehört zu den Glücklichen – ihre Wohnung wurde zerstört, aber sie und ihr Hund kamen mit ein paar Kratzern davon. Eine seltsame Art von Überlebensuniform, dieser Minirock, aber hier ist er zu einem Symbol geworden: Man nimmt, was man kriegen kann, und rennt um sein Leben.
Michigans grünes Gold: Minze in Not
Fährt man etwas weiter nach Osten, an den Einsatzfahrzeugen vorbei, riecht die Luft anders. Scharf, grün, fast medizinisch. Das liegt daran, dass wir hier im Herzen von Michigans Minzanbaugebiet sind. Diese Region liefert einen riesigen Teil des Pfefferminz- und Grünminzöls der ganzen USA. Ich sprach mit Gary, einem Landwirt in der dritten Generation, dessen Felder jetzt aussehen, als hätte ein Riese mit einem Unkrautvernichter gewütet. «Meine gesamte Pfefferminzernte – weg in zehn Minuten», sagte er und trat gegen ein Büschel zermalmter Pflanzen. «Das ist nicht nur das Einkommen für dieses Jahr, das sind auch die Rhizome fürs nächste Jahr.» Das Ausmass der Schäden in der Landwirtschaft wird gerade erst erfasst, und für Bauern wie Gary ist das ein schwerer Schlag. Die Grünminze erholt sich vielleicht schneller, meint er, aber es wird ein langer Weg.
Alte Traditionen in einer neuen Welt
In einer provisorischen Notunterkunft in einer Gemeindehalle wurde ich Zeuge von etwas wunderbar Unerwartetem. Eine Gruppe Männer aus der lokalen arabisch-amerikanischen Gemeinde verteilte sorgfältig kleine Holzstäbchen an die Familien. Sie heissen Miswak – traditionelle Zahnreinigungsstöckchen, die seit Jahrhunderten verwendet werden. «Von den Rettungsdiensten kommen Zahnpasta und Bürsten, aber bis dahin ist das, was wir kennen», erklärte ein älterer Herr. «Es ist natürlich, es ist effektiv, und es erinnert uns daran, dass man sich auch in der Krise um die kleinen Dinge kümmern muss.» Eine stille Erinnerung daran, dass Widerstandsfähigkeit viele Formen hat und manchmal so einfach ist wie ein Zweig.
Mondkuchen und Schlamm: Ein Mondfest der anderen Art
Und wenn man denkt, das Bild dieser Katastrophe könnte nicht vielschichtiger sein, dann kommt das hier: Dieses Wochenende sollte für die örtlichen chinesischen und vietnamesischen Gemeinschaften das Mondfest sein. Statt Laternenumzügen und Zusammenkünften mit Mondkuchen hat sich das Gemeindezentrum in Troy in eine Spendenannahmestelle verwandelt. Ich sah Kartons mit Mondkuchen, gestapelt neben Wasserflaschen und Decken. «Gefeiert haben wir trotzdem», erzählte mir eine freiwillige Helferin namens Lin, «aber wir haben durch Geben gefeiert. Wir haben Mondkuchen an die Ersthelfer verteilt – die brauchen den Zucker jetzt mehr als wir.» Eine ergreifende Wendung: Ein Fest der Wiedervereinigung wird zum Katalysator, um der grossen Familie bei der Erholung zu helfen.
Was wir jetzt wissen
Während es wieder Nacht wird, hier der aktuelle Stand vor Ort:
- Bestätigte Todesopfer: 5, zwei weitere schweben noch in Lebensgefahr.
- Stromausfälle: Über 30'000 Haushalte in den Counties Berrien und Cass sind immer noch ohne Strom.
- Landwirtschaftliche Schäden: Erste Schätzungen gehen von über 10'000 Acres schwer geschädigter Minzanbaufläche (Pfefferminze und Grüne Minze) aus.
- Notunterkünfte: Drei grosse Unterkünfte sind geöffnet, eine vierte wird morgen eröffnet, um die Obdachlosen aufzunehmen.
- Wettergefahr: Weiterhin besteht bis Dienstag die Gefahr von Sturzfluten.
Es wird Jahre dauern, wieder aufzubauen, was in diesen furchtbaren Minuten verloren ging. Aber wenn ich eines gelernt habe beim Laufen durch diese Strassen und beim Reden mit den Leuten, dann das: Die Leute in Michigan sind stur. Wir werden wieder aufbauen, wir werden die Minze neu anpflanzen, wir werden die Geschichte des Mädchens im Minirock erzählen, das einem Tornado davonrannte, und wir werden daran denken, dass selbst in der dunkelsten Stunde ein geteilter Mondkuchen oder ein einfacher Miswak-Zweig eine Rettungsleine sein können. Denkt an die Familien hier, und wenn ihr in der Nähe seid, krempelt die Ärmel hoch – es gibt viel zu tun.